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England nach 2:1 gegen Deutsche erstmals am Thron

31. Juli 2022 · Lesedauer 6 min

Englands Frauen-Fußball-Nationalteam behielten im Finale im Londoner Wembley Stadium gegen Rekordchampion Deutschland knapp mit 2:1 nach Verlängerung die Oberhand und krönten sich damit zum ersten Mal zum Europameister.

Englands Teamchefin Sarina Wiegman gelang das Kunststück, nach 2017 noch mit dem damaligen Turnier-Ausrichter Niederlande zum zweiten Mal in Folge den EM-Titel als Trainerin zu holen.

Ella Toone (62.) brachte die Engländerinnen voran, Lina Magull (79.) rettete den Viertelfinal-Bezwinger von Österreich in die Verlängerung. Dort avancierte mit Chloe Kelly (110.) eine Wechselspielerin zur Matchwinnerin, sie riss sich beim Torjubel euphorisiert das Trikot vom Leibe. Erfreut war auch ein Großteil der 87.192 Zuschauer, die für eine neue EM-Rekordkulisse sorgten, nachdem die bisherige Bestmarke beim Eröffnungsspiel von England gegen Österreich (1:0) mit 68.871 Fans am 6. Juli im Old Trafford Stadium aufgestellt worden war.

Nach den Finalniederlagen 1984 (noch in zwei Matches gegen Schweden) sowie 2009 gegen Deutschland (2:6) waren für die Engländerinnen aller guten Dinge drei. Sie fixierten den ersten großen Titel für ein englisches Team seit der Männer-WM im eigenen Land 1966. Deutschland ging hingegen nach dem Viertelfinal-Out 2017 neuerlich leer aus, nachdem zuvor gleich sechs der bisher acht Triumphe am Stück eingefahren worden waren.

Wiegman: altbewährte Formation

Wiegman setzte auf ihre altbewährte Formation, die auch beim Halbfinal-4:0 gegen Schweden begonnen hatte. Bei den Deutschen gab es einen zusätzlichen bitteren Ausfall. Alexandra Popp, die zuvor in jeder Partie und insgesamt sechsmal getroffen hatte, musste nach dem Aufwärmen wegen muskulärer Probleme passen. Dafür rückte mit Lea Schüller jene Stürmerin in die Startelf, die vor Turnierbeginn eigentlich als vorne gesetzt galt, dann aber wegen einer Coronavirus-Infektion keine Rolle gespielt hatte.

Die Engländerinnen ließen die Möglichkeit für einen Traumstart aus. Rekordtorschützin Ellen White kam am Fünfer zum Kopfball, konnte Merle Frohms aber nicht bezwingen (3.). Die 33-jährige Manchester-City-Akteurin hätte auch mit dem Fuß vorlegen können, ihr Abschluss aus 13 Metern ging knapp über das Gehäuse (38.). Sonst blieben Topchancen aus, beide Teams waren taktisch sehr gut eingestellt und kämpften vehement um jeden Ball. Der Spielfluss litt darunter.

England-Führungstreffer in Deutschland-Drangphase

Deutschland kam in den ersten 45 Minuten nur einmal gefährlich vor das Tor, da versuchte Marina Hegering den Ball nach einem Corner aufs Tor zu bringen und die "Lionesses" konnten auch dank etwas Glück und mit vereinten Kräften klären (25.).

Nach Wiederbeginn übten die Deutschen sehr viel Druck aus und dränten auf die Führung. Die eingewechselte Tabea Waßmuth schloss zu schwach ab (48.), zudem fehlte bei einem Magull-Schuss nicht viel (50.). Ausgerechnet in der besten Phase der Truppe von Trainerin Martina Voss-Tecklenburg legten die Gastgeberinnen vor. Das dank einer kurz zuvor erst gekommenen Wechselspielerin. Nach einem Idealzuspiel von Keira Walsh in den Lauf von Toone, überhob diese Frohms sehenswert. Auch Prinz William war da auf der Tribüne das Lächeln ins Gesicht geschrieben.

Joker Kelly wird zur Matchwinnerin

Die Deutschen hätten beinahe gleich zurückgeschlagen. Magull hatte bei einem Aluminiumtreffer Pech, der Nachschuss der farblos geblieben Schüller fiel zu schwach aus (66.). Es war auch die letzte Aktion der Partnerin von Österreichs Segel-Ass Lara Vadlau. Die Wechsel verfehlten ihre Wirkung in der Folge nicht, brachten viel Schwung. Den Ausgleich leiteten mit Sydney Lohmann und Waßmuth auch zwei "Joker" ein, Magull verwertete am Fünfer kaltschnäuzig. Der "Lucky Punch" blieb dann aus, damit waren für beide Teams Überstunden angesagt.

Dort deutete lange vieles auf ein Elfmeterschießen hin, ehe England nach einer Standardsituation traf. Nach einem Hemp-Corner brachte Lucy Bronze den Ball aufs Tor, der konnte von Kathrin-Julia Hendrich nicht geklärt werden und Kelly staubte aus kurzer Distanz ab. Damit endete die erste Finalentscheidung in der Verlängerung seit 2001 nicht nach dem Wunsch Deutschlands. Damals hatte der Rekordchampion aufgrund eines Golden Goals in Ulm Schweden besiegt. England überstand auch die 20. Partie in der Ära von Wiegman ungeschlagen.

Die Stimmen zum Spiel

Sarina Wiegman (England-Teamchefin): "Es ist unglaublich. Die Spielerinnen haben den Sieg unbedingt gewollt und haben jeden Tag daran gearbeitet, sich zu verbessern. Es war ein sehr enges Match, aber wir haben es gewonnen."

Martina Voss-Tecklenburg (Deutschland-Teamchefin): "Es muss ja einen Verlierer geben. Wir waren nah dran nach dem 1:1. Das zweite Tor fällt dann megaunglücklich. Tore entscheiden die Spiele, und da hat England eins mehr gemacht. Wir haben immer gesagt, wir wollen als Mannschaft agieren, als Mannschaft gewinnen oder verlieren. In der Halbzeit haben wir mehr Mut eingefordert. Wir haben bis zum Ende alles reingeworfen, jede Spielerin hat alles gegeben. Wir machen jetzt einfach weiter."

Chloe Kelly (England-Siegtorschützin): "Oh mein Gott, es ist unfassbar. Das sind die Sachen, aus denen Träume gemacht sind. Ich bedanke mich bei allen, die mitgeholfen haben bei meiner Rehabilitation. Ich habe immer daran geglaubt, dass ich hier dabei sein kann, aber dann auch noch den Siegtreffer zu erzielen - einfach nur wow. Ich will jetzt einfach nur feiern. Wir sind eine ganz spezielle Truppe, dazu zählt auch der Betreuerstab."

Beth Mead (England-Stürmerin/Spielerin des Turniers): "Ich kann es nicht glauben. Manchmal bringt dich der Fußball auf den Boden, aber dann zurückzuschlagen ist das Beste, was man machen kann. Ich bin noch immer schockiert, kann nicht glauben, dass wir tatsächlich den EM-Titel gewonnen haben. Ich bin so stolz auf das gesamte Team."

Leah Williamson (England-Kapitänin): "Wir haben immer wieder darüber gesprochen, und am Ende haben wir es geschafft. Ich war noch nie so stolz in meinem Leben, deshalb werde ich jede einzelne Sekunde genießen. Das Vermächtnis dieses Turniers und dieses Teams ist eine Veränderung in der Gesellschaft. Wir haben alle zusammengebracht."

Svenja Huth (Deutschland-Kapitänin): "Es tut einfach nur weh. Wir haben 120 Minuten alles gegeben und uns auch durch den 0:1-Rückstand nicht beirren lassen. Wir haben uns leider nicht belohnt. Das müssen wir erst einmal sacken lassen. Wir sind trotzdem froh und stolz, dass wir so viele Menschen erreicht haben."

Gary Lineker (englische Fußball-Legende): "Fußball ist ein einfaches Spiel. 22 Frauen jagen für 90 Minuten dem Ball nach und am Ende gewinnt tatsächlich England."

Quelle: Agenturen / Redaktion / poz