Coupe Jules Rimet

Das kuriose Rätsel um den zweimal verschollenen WM-Pokal

17. Dez. 2022 · Lesedauer 5 min

Heute wissen wahrscheinlich nicht mehr viele Fußball-Fans, dass der erste WM-Pokal gleich zweimal gestohlen und bis heute nicht gefunden wurde. Ein Rückblick auf die Geschichte des verschollenen "Coupe Jules Rimet".

Am Sonntagabend wird die Fußballwelt wissen, welche Nation zum 22. Mal in der Geschichte des Fußballs den WM-Pokal in die Höhe strecken darf. Die Trophäe wird nur äußerst selten in der Öffentlichkeit gezeigt. Der Grund dafür liegt in der Geschichte des ersten WM-Pokals.

Der erste "Weltpokal"

Bildhauer Abel Lafleur entwarf für die Austragung der ersten Fußball-Weltmeisterschaft in den 1920er Jahren den ersten "Weltpokal" ("Coupe du Monde"). Der Auftrag dazu kam von Jules Rimet, dem damaligen Präsidenten des Weltfußballverbandes FIFA. Der Pokal war nicht wirklich prunkvoll. Nur 35 Zentimeter hoch und knapp vier Kilogramm schwer war die goldene Trophäe, die der griechischen Siegesgöttin Nike nachempfunden wurde.

Wenig Beachtung bei WM 1930

Die erste Weltmeisterschaft fand in Uruguay statt. Der Pokal musste also von Europa nach Südamerika transportiert werden. Mit dem "Weltpokal" in der Tasche trat der FIFA-Boss die zweiwöchige Reise von Italien aus per Schiff an, um die Trophäe im Centenario-Stadion in Montevideo der Siegermannschaft zu übergeben. Doch Rimet wurde das Prunkstück nach dem turbulenten Endspiel, das die Gastgeber mit 4:2 gegen Argentinien für sich entscheiden konnten, gar nicht los. Uruguay war so sehr im Freudentaumel, dass jeder auf den "Coupe du Monde" vergaß und dieser schlussendlich recht formlos in den Katakomben überreicht wurde.

renchman Jules Rimet (L), head of the Federation Internationale de Football Association (FIFA) hands over the World Cup trophy to Dr Raul Jude, president of the Uruguayan football association 05 July 1930 in Montevideo.APA/AFP/OFF/STAFF

Sichere Aufbewahrung - in einem Schuhkarton

In den folgenden Weltmeisterschaften 1934 und 1938 gewann Italien den großen Coupe. Da der Pokal ein Wanderpokal war und nicht alle vier Jahre neu angefertigt wurde, musste er also schließlich wieder nach Italien zurück transportiert werden. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 wurde auch die Fußball-Weltmeisterschaft ausgesetzt. Der FIFA-Offizielle Ottorino Barassi kam irgendwann auf die Idee, den Pokal aus dem Bankschließfach, wo er aufbewahrt wurde, zu holen und bei sich zu Hause zu verstecken - in einem Schuhkarton unter dem Bett. So blieb das goldene Stück trotz intensiver Suche von Mussolinis Brigaden und Hitlers Nazi-Schergen bis Kriegsende unentdeckt und unversehrt.

Aus "Coupe du Monde" wird "Coupe Jules Rimet"

In der Zwischenzeit hat man den "Coupe du Monde" zu Ehren des langjährigen FIFA-Präsidenten in "Coupe Jules Rimet" umgetauft. In Folge gewannen 1950 Uruguay, 1954 Deutschland und 1958 Brasilien, das den Titel 1962 auch verteidigen konnte, die Weltmeisterschaft. Vor der WM 1966 in England sollte der Pokal dann vom englischen Fußballverband ausgeliehen und das erste Mal der Öffentlichkeit präsentiert werden. Eine schlechte Idee, wie sich herausstellen sollte.

Der brasilianische Stürmer Pele (Archivbild) hält am 17.06.1962 in Santiago de Chile den von seiner Mannschaft im Endspiel der Fußball-WM gewonnenen Jules-Rimet-Cup hoch.dpa

Erster Diebstahl bei Ausstellung in London

Bei der Ausstellung "Sport und Briefmarken" in der Londoner Westminster Central Hall wurde die Trophäe ausgestellt. Als am 20. März 1966 die Ausstellung für eine Stunde geschlossen wurde, gingen auch die sechs für den Pokal abgestellten Wächter zum Mittagessen. Kurz vor der Wiedereröffnung der Ausstellung war der Goldengel, dessen damaliger Materialwert auf etwa 6.000 Pfund taxiert wurde, aus seiner lediglich mit einem Vorhängeschloss gesicherten Vitrine "entflogen".

Der Täter konnte aber schnell ausfindig gemacht werden. Noch am nächsten Tag trudelte nämlich beim englischen Verband eine Lösegeld-Forderung von 15.000 Pfund ein. Bei der Geldübergabe wurde ein Komplize verhaftet, der die Ermittler zum eigentlichen Täter führte. Der Dieb, Sidney Cugullere, der auch wegen anderer Verbrechen insgesamt 25 Jahre im Gefängnis war, gab später zu, den Pokal nicht aus finanziellen Gründen, sondern "nur für den Nervenkitzel" und weil es "so einfach war" gestohlen zu haben. Da er selbst aber nicht verraten wollte, wo sich der "Coupe Jules Rimet" befand, blieb dieser zunächst verschollen.

Pickles der vierbeinige Detektiv

Doch Cugullere hatte die Rechnung ohne den vierbeinigen "Detektiv" Pickles gemacht. Eine Woche nach dem Verschwinden spürte der Hund Pickles beim Gassigehen die Trophäe in einem Londoner Gebüsch auf und wurde so zum Retter der Weltmeisterschaft. Als Belohnung für den Fund gab es unzählige Lieferungen mit Hunde-Leckerlis, einen Platz in der VIP-Loge im Wembley-Stadion beim Eröffnungsspiel direkt neben dem Königshaus und 3.000 Pfund Finderlohn. Schlussendlich konnten die Engländer sogar den Weltmeisterschaftstitel nach Hause bringen.

David Corbett mit seinem Hund Pickles, an der Stelle, wo der "Coupe Jules Rimet" gefunden wurde.AFP

Pokal wird zum letzten Mal verliehen

Bei der WM 1970 in Mexiko wurde der Pokal zum letzten Mal vergeben, denn die FIFA ließ für die WM 1974 in Deutschland einen neuen WM-Pokal anfertigen, der bis heute als Wanderpokal fungiert. Da im WM-Finale 1970 sowohl Italien als auch Brasilien die Möglichkeit hatten, den Titel zum dritten Mal zu gewinnen, wurde im Vorhinein beschlossen, dass der Pokal für immer in den Besitz der Sieger-Nation übergehen sollte. Da Brasilien mit Pelé 4:1 gewann, stand der "Coupe Jules Rimet" 13 Jahre lang im Ausstellungssaal des brasilianischen Verbandes in in Rio de Janeiro - bis er abermals gestohlen wurde.

Der "Coupe Jules Rimet" neben dem neuen FIFA-WM-PokalAFP

Zweiter Diebstahl: Die Geschichte geht weiter

Kurz vor Weihnachten, am 20.Dezember 1983, gelang es einer Gruppe von Dieben, den Weltpokal aus den Hallen des brasilianischen Verbandes zu schmuggeln. Eine ganze Nation stand Kopf. Es wurden sofort umgerechnet 25.000 Euro Finderlohn ausgelobt, auch zahlreiche prominente Ex-Kicker meldeten sich zu Wort. "Wir hoffen, die Verbrecher kommen zu Bewusstsein, denn der ideelle Wert ist viel größer als der Goldwert des Pokals. Wir haben 28 Jahre lang gekämpft, um diesen Pokal zu gewinnen. War alles umsonst?", so der Apell von Fußballgrößen wie Roberto Rivellino oder Hideraldo Bellini, Ex-Kapitän des Weltmeisterteams von 1958.

Verschollen oder endgültig verloren?

Zehn Jahre nach dem Diebstahl wurden die Täter gefasst. Sie gaben an, das Prunkstück eingeschmolzen zu haben. Viele Fußballromantiker wollen diesen endgültigen Verlust aber nicht wahrhaben und hoffen, dass die historische Trophäe vielleicht doch noch irgendwann auftauchen wird. Das Rätsel um den verschollenen WM-Pokal ist also bis heute nicht endgültig gelöst.

Thomas GolavcnikQuelle: Redaktion