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Dragovic: "Die beste Stimmung meines Lebens"

10. März 2022 · Lesedauer 11 min

Nach einem fünfjährigen Wechselbad der Gefühle bei Bayer Leverkusen ist die fußballerische Laune bei Aleksandar Dragovic derzeit konstant bestens. Bei Roter Stern ist der ÖFB-Innenverteidiger nicht nur erwünschte Führungskraft, sondern erlebte als solche unlängst mit dem Derby-Triumph gegen Partizan Belgrad auch eines der Top-3-Spiele seiner Karriere.

"Ich bin gerade wieder der glücklichste Mensch. Ich bin voller Selbstvertrauen. Ich bin sozusagen wieder der alte 'Drago' mit dem Selbstvertrauen wie in Kiew", jubelt der seit Sonntag 31-Jährige im LAOLA1-Interview.

In selbigem versucht er das Feeling eines Belgrader Derby-Siegs zu verdeutlichen, er spricht über die Angebotslage und zeigt sich in Sachen WM-Qualifikation sehr zuversichtlich.

Abseits des Fußballs gibt es mit dem früheren Legionär bei Dynamo Kiew leider auch das aktuell unerfreulichste Thema zu besprechen.

LAOLA1: Du hast mit Roter Stern unlängst das Derby gegen Partizan mit 2:0 gewonnen. Du hast in deiner Karriere schon viel erlebt - war das ein Moment, den du in deinen persönlichen Top-10 einreihst?

Aleksandar Dragovic: Ich würde ihn sogar unter den Top 3 einreihen. Was an diesem Abend abgelaufen ist, war die beste Stimmung, die ich bis jetzt in meinem Leben erlebt habe. Das schönste Gefühl war immer noch mein Nationalteam-Debüt für Österreich in Serbien und wird es auch immer bleiben, aber dieser Derby-Sieg gehört sicher in die Top 3, weil es für unsere Fans mehr als ein Spiel war.

LAOLA1: Was ist das dritte Erlebnis in den Top 3?

Dragovic: Das 4:1 in Schweden, mit dem wir uns 2015 erstmals für die EURO qualifiziert haben. Das war nach so vielen Jahren einfach ein schöner Abend.

LAOLA1: Du warst in deiner Kindheit öfter mit deinem Opa beim Derby in Belgrad auf der Tribüne. Wie fühlt es sich im Vergleich an, wenn dann tatsächlich auf dem Feld zu stehen und zu gewinnen?

Dragovic: Wir hatten vor dem Spiel fünf Punkte Rückstand auf Partizan. Es war schon die ganz Woche über enormer Druck da von Fans, Medien und Verein. Ich muss zugeben: Am Spieltag war ich nach langer Zeit wieder einmal nervös, was ich sonst eigentlich nur ein wenig beim Nationalteam verspüre. Ich konnte keinen Mittagsschlaf machen, weil irgendwie Unruhe in mir war. Ich wollte dieses Spiel unbedingt für unsere Fans gewinnen, weil ich weiß, dass der Derby-Sieg für sie wichtiger als der Titel ist. Wenn man dann unten am Feld steht - das kann man nicht in Worte fassen, das muss man selbst erleben. Für mich ist es auch noch der Herzensverein. Ich weiß, das hört sich für viele Leute vielleicht strange an, aber es ist einfach überwältigend. Wir wärmen ja nie im Stadion auf, sondern am Trainingsplatz. Von dort hört man schon das volle Stadion. Wenn man dann im Tunnel steht und das Kribbeln kommt - einfach unbeschreiblich.

LAOLA1: Auch wenn für die Fans der Derby-Sieg mehr zählt: Durch ebenjenen ist es an der Tabellenspitze noch enger geworden. Wie brisant ist der Titelkampf in Belgrad?

Dragovic: Es gibt ja nur uns zwei, es wird kein anderer Verein Meister. Für die Fans ist am wichtigsten, dass du im Partizan-Spiel alles für dein Logo gibst. Natürlich wollen wir alle den Titel, aber über dem Derby-Sieg steht nichts. Sie würden eher verzeihen, wenn du den Titel verlierst. Umso schöner, dass wir gewonnen haben. Wir wissen aber, dass wir dadurch in der Meisterschaft noch nichts gewonnen haben, wir stehen immer noch bei zwei Punkten Rückstand. Wir haben jedoch noch immer alles in der eigenen Hand. Wir müssen einfach jedes Spiel gewinnen, dann werden wir Meister. Man muss aber auch Partizan Respekt zollen, sie spielen eine überragende Saison. Wir glauben jedoch weiter an uns.

LAOLA1: Ihr spielt eine erfolgreiche Saison, so gesehen lässt sich an deinem Wechsel schwer ein Haar in der Suppe finden. Bist du insofern der glücklichste "Drago" seit Jahren?

Dragovic (lacht): In den letzten fünf Jahren auf jeden Fall!

LAOLA1: Was macht das mit einem, wenn man fast immer gewinnt?

Dragovic: Natürlich spielt man, um zu gewinnen. Das ist auch das Wichtigste. Aber ich bin einfach glücklich, wieder jeden dritten Tag auf dem Platz zu stehen. Dafür bin ich aus Leverkusen hierher gewechselt. Fans und Verein schätzen mich. Das war in Leverkusen nicht der Fall. Deswegen bin ich gerade wieder der glücklichste Mensch. Ich bin voller Selbstvertrauen. Ich bin sozusagen wieder der alte "Drago" mit dem Selbstvertrauen wie in Kiew. Ich merke, wie wichtig es ist, wenn der Trainer hinter dir steht. Das war in Leverkusen leider nie der Fall. Ich merke, wie viel noch in mir steckt und wie viel ich dann auch geben kann. Ich bin einfach sehr, sehr dankbar, dass ich hier die Wertschätzung von Verein und Trainer bekomme.

LAOLA1: Dein Trainer Dejan Stankovic ist ein Haudegen im internationalen Fußball. Wie geht er mit dir um?

Dragovic: So wie er Fußball denkt, wie er Fußball lebt, und wie er erwartet, dass wir spielen, ist es ein geiler Fußball. An Nummer eins steht der Sieg. Man merkt, dass er unter Jose Mourinho tätig war. Er hat nicht umsonst so lange bei Inter Mailand gespielt. Er zeigt uns immer wieder Tricks und lernt auch mir als Verteidiger, wie ich besser verteidigen kann. Wenn du einmal einen FeLassen wir die Kirche im Dorf – mit Roter Stern einen internationalen Titel zu holen, ist schwierig. Natürlich, jeder kann träumen und wir werden unser Bestes geben.hler machst, ist er keiner, der dich gleich wieder auf die Tribüne verbannt. Jeder Mensch macht Fehler. Bei Leverkusen war es leider immer wieder der Fall, dass ich mit der Angst ins Spiel gegangen bin, einen Fehler zu machen, weil ich wusste, dass ich dann wieder fünf, sechs Spiele draußen bin. Deshalb schätze ich so an unserem Trainer, dass er Fehler erlaubt, so lange du alles gibst und dich für Roter Stern zerreißt. Das ist seine Mentalität, die er super in die Mannschaft bringt.

LAOLA1: Am Donnerstag geht es in der Europa League auswärts gegen die Glasgow Rangers. Ein internationaler Titel fehlt dir noch in deiner Sammlung. Ist es zu hoch gegriffen, davon zu träumen?

Dragovic:  Lassen wir die Kirche im Dorf – mit Roter Stern einen internationalen Titel zu holen, ist schwierig. Natürlich, jeder kann träumen und wir werden unser Bestes geben. Wir fahren sicher nicht hin und sagen, ihr habt schon gewonnen. Wir wissen, wie stark wir sind – speziell in Belgrad mit unseren Fans im Rücken ist jeder Gegner schlagbar. Aber die Rangers haben Dortmund rausgehaut, und Dortmund ist nicht irgendwer. Da muss man schon aufpassen. Wir wissen, dass wir zwei super Spiele brauchen, um eine Chance zu haben. Um weiterzukommen, benötigen wir vier gute Halbzeiten und nicht drei. 

LAOLA1: Man hört dir an, wie gut es dir in Belgrad geht. Ist es naheliegend, dass du längerfristig bleibst, oder juckt es dich, doch noch einmal in eine Topliga zu gehen?

Dragovic: Das ist eine gute Frage. Ich habe immer gesagt, dass es mein Ziel ist, einmal für Roter Stern zu spielen – am besten vor vollem Haus in einem Derby mit einem Sieg. Das war das geilste Gefühl, das ich je erlebt habe. Daher mache ich mir jetzt überhaupt keine Gedanken, was im Sommer oder in den nächsten Jahren passiert, sondern denke von Tag zu Tag, Training zu Training und Spiel zu Spiel.

LAOLA1: Darf man jedoch davon ausgehen, dass die Angebotslage für den "alten Drago" nicht so schlecht ist?

Dragovic: Wenn ich noch fünf Jahre jünger wäre, wäre sie noch optimaler (lacht). Dafür habe ich inzwischen ein paar Spiele mehr in den Knochen, Erfahrungen gewonnen und kann mit vielen Situationen vielleicht auch besser umgehen. Natürlich: Ein guter Drago in guter Form ist für viele Vereine interessant. Dennoch: Ich werde immer für den Verein, bei dem ich unter Vertrag stehe, mein Bestes geben. Das war schon bei Leverkusen, Leicester, Kiew, Basel und der Austria so. In Leverkusen, als ich wusste, dass ich nicht verlängern werde, habe ich meine letzten Spiele auch mit viel Herzblut absolviert, damit wir uns noch für die Europa League qualifizieren. So bin ich und so werde ich immer bleiben. So lange ich bei Roter Stern unter Vertrag bin, gebe ich alles für den Verein.

LAOLA1: Für das Nationalteam war die Winterpause lang. Welche Erkenntnisse sind in dir gereift, dass ihr euch 2022 wieder konstant in der EM-Form präsentiert?

Dragovic: Ich habe schon einmal betont, dass man nicht immer alles schlechtreden kann, aber gleichzeitig auch nicht alles gut war bei der EM. Wir haben dort teilweise unser wahres Gesicht gezeigt, aber auch nicht in der Konstanz, die wir selbst von uns erwarten. Dass die jüngere Vergangenheit nicht top war, wissen wir. Dennoch haben wir jetzt ein Endspiel, und wir werden in Wales unser Bestes geben. Ich hoffe, dass an diesem Tag jeder in seiner Höchstform ist und wir auch ein bisschen Glück haben, denn heutzutage entscheiden im Fußball kleine Details. Ich weiß, wie viel Qualität in unserer Mannschaft steckt. Wenn jeder 100 Prozent gibt, braucht man sich keine Sorgen machen, dann habe ich keine Angst – vor keinem Gegner. Die Frage ist nur, ob auch jeder an diesem Tag diese 100 Prozent abrufen kann.

NEU

LAOLA1: Es geht um eine WM-Teilnahme – mehr geht auf Nationalteam-Ebene nicht. Was würde dir das bedeuten?

Dragovic: Sicherlich würde ich mich freuen und vielleicht ein, zwei Biere trinken. Aber: Wenn wir uns qualifizieren, müssten wir auch dran bleiben. Dann wollen wir dort für Furore sorgen, und nicht einfach nur dabei sein und schauen, wie es in Katar so ist. Ich weiß, dass mit der Qualität unserer Mannschaft noch viel mehr möglich wäre, als sich "nur" für die WM zu qualifizieren. Das hat man bei der EURO gesehen – mit ein bisschen Spielglück ist alles möglich für uns, dann brauchen wir uns vor keinem Gegner verstecken. Deshalb, noch mal, wichtig sind die 100 Prozent an Leistung.

LAOLA1: Der Weg zur WM könnte auch über das Team der Ukraine führen. Auch wenn es thematisch jetzt ein harter Cut ist: Du hast von 2013 bis 2016 in Kiew gelebt. Was geht in dir vor, wenn du jetzt die Bilder von dort siehst?

Dragovic: Was da abgeht, ist eine Katastrophe. Es sterben Menschen. Am liebsten wäre mir, dass das jetzt in diesem Moment aufhört. Denn niemand braucht Krieg!

LAOLA1: Der Krieg in der Ostukraine begann schon 2014. Wie nah oder wie fern war das für dich während deiner Zeit bei Dynamo Kiew?

Dragovic: Es war logischerweise nicht so schlimm wie jetzt, aber natürlich hat man es gespürt. Ich kann mich erinnern: Wir hätten gegen Valencia spielen sollen, sind am Trainingsgelände, schalten den Fernseher ein und da brennt die Innenstadt. Da hatte jeder eine ähnliche Angst, wie es weiter geht, wie später angesichts der Ungewissheit mit Corona. Ich habe überlegt, ob ich nach Österreich aufbrechen soll oder nicht. Plötzlich kommen viele Fragen auf. Das war sicher keine angenehme Phase. Was ich betonen möchte: Hut ab, wie gut sich der Verein damals um uns gekümmert hat. Wobei man das damals ja zum Glück nicht mit dem aktuellen Krieg vergleichen kann. Was gerade abgeht, ist ein Wahnsinn!

LAOLA1: Stehst du noch in Kontakt mit Leuten in der Ukraine?

Dragovic: Ja, ich hatte zum Beispiel Kontakt zu meinem damaligen Dolmetscher und meinem ehemaligen Fahrer. Mein Wissensstand ist, dass sie mit ihren Familien in Sicherheit sind. Für sie sind das schreckliche Tage. Ich hoffe, dass das bald ein Ende hat.

Hinweis: Dieser Artikel ist zuerst auf laola1.at erschienen

Quelle: Redaktion / Laola1.at