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Wirtschaftspädagogen kritisieren Entwurf für Geo-Lehrpläne

13. Sept. 2022 · Lesedauer 4 min

"Keine tragfähige Basis für verantwortbaren Wirtschaftsunterricht" ist für die wirtschaftspädagogischen Forschungs- und Lehreinheiten an den Unis der Lehrplan-Entwurf für Geografie und wirtschaftliche Bildung. Er enthalte "empfindliche inhaltliche Auslassungen" und setze "auf die irregeleitete Hoffnung, man könne junge Menschen kritikfähig machen, wenn man ihnen Werte vermittelt, ohne die für kompetentes Werten unverzichtbaren kognitiven Grundqualifikationen mitzuvermitteln."

Derzeit sind die neuen Lehrpläne für alle Fächer der Volksschule, Mittelschule und AHS-Unterstufe in Begutachtung. Sie werden seit 2018 erarbeitet und sollen ab 2023/24 gelten. Technisch sind sie Verordnungen, die vom jeweiligen Bildungsminister erlassen werden. Unter ihnen ist auch jener für "Geographie und wirtschaftliche Bildung" (derzeit "Geographie und Wirtschaftskunde") in der Mittelschule/AHS-Unterstufe (in der Volksschule gibt es kein eigenes Fach, Anm.).

Zwar sei in dem Entwurf das "Bemühen, die Lernbereiche Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zu vernetzen, dem Leitziel der Mündigkeit pädagogisch zuzuarbeiten und insbesondere den Nachhaltigkeitsgedanken bei jungen Menschen zu verankern, deutlich erkennbar", schreiben die Wissenschafterinnen und Wissenschafter der Unis Wien, Graz, Innsbruck, Linz und der Wirtschaftsuniversität (WU). "In seinen wirtschaftsbezogenen Teilen ist der Lehrplanentwurf jedoch fachlich erstaunlich substanzlos."

So finde sich etwa unter den sechs als zentral ausgegebenen fachlichen Konzepten kein einziges ökonomisches Konzept. "Wichtige ökonomische Kompetenzen und Inhalte werden nur am Rande berücksichtigt oder fehlen gänzlich." Vor allem würde den Kindern "anspruchsvolle Urteilsleistungen abverlangt, ohne dass der Entwurf absichern würde, dass auch die dafür nötigen ökonomischen Sachkenntnisse vermittelt werden". Die einzelnen wirtschaftlichen Rollen würden "ungleichgewichtig adressiert, die unternehmerische Entscheidungsperspektive ist deutlich unterrepräsentiert".

Die Fachlehrpläne würden generell vor allem "Kompetenzen" auflisten, die Lehrinhaltsangaben aber sehr unkonkret bleiben, monieren die Wirtschaftspädagogik-Professorinnen und -Professoren. "Äußerst bedenklich" finden sie, wie viele ökonomische Kompetenzen und Inhalte im Lehrplanentwurf "entweder nur rudimentär berücksichtigt oder überhaupt nicht angesprochen werden" - unter anderem nennen sie die Bedeutung funktionierender Märkte für die Wohlfahrt, die Auswirkungen von Wettbewerb und Wettbewerbsbeschränkungen auf Preise, Qualitäten, Kosten und Innovationen, die Produktion und Finanzierung öffentlicher Güter, die Vor- und Nachteile staatlicher Regulierung und Staatsversagen, aber auch wirtschaftsrechtliches Grundwissen vor allem auch für Verbraucher wie etwa Vertragsrecht.

Auch WU-Rektorin Edeltraud Hanappi-Egger sieht eine "große Chance vertan". "Das Verstehen wirtschaftlicher Zusammenhänge ist für Menschen jeden Alters essenziell. Die wirtschaftliche Wissensvermittlung im Unterricht ist in Österreich - positiv formuliert - sehr ausbaufähig."

Für NEOS-Bildungssprecherin Martina Künsberg Sarre ist es ebenfalls eine "vertane Chance", dass Wirtschaftsbildung in den neuen Lehrplänen zu kurz kommt. Sie fordert, diese noch einmal zu reformieren, "um den Schülerinnen und Schülern fundiertes Wirtschaftswissen nicht länger vorzuenthalten." Außerdem plädiert sie für eine kontinuierliche Weiterentwicklung von Lehrplänen. An diesen werde seit vier Jahren "herumgedoktert", aber bei ihrem Inkrafttreten ab nächstem Jahr seien sie teilweise schon wieder veraltet.

Für Wien wurden am Dienstag unterdessen für dieses Schuljahr Maßnahmen zur Stärkung der Finanzbildung an den Schulen vorgestellt: Auf der Online-Plattform der Wiener Bildungsdirektion werden derzeit 30 geprüfte Angebote von Kooperationspartnern wie MoneyMatters, Moneywise, WU4Juniors, die Euro-Kids Tour der Nationalbank oder der Finanzführerschein der Wiener Schuldnerberatung angeboten (https://bildungshub.wien). Laufend kämen neue dazu, hieß es am Dienstag bei einer Pressekonferenz.

Eine neue Initiative sind etwa die Finanzbildungscoaches der WU: Mittelschulen, AHS und BMHS (Berufsbildende mittlere und höhere Schulen) können über das Institut für Wirtschaftspädagogik einen Finanzbildungscoach anfragen, der ein für die Klasse maßgeschneidertes, qualitätsgeprüftes Unterrichtskonzept entwickelt und umsetzt. Hervorgehoben wurde auch der Finanzführerschein, bei dem seit Februar 2020 schon über 2.200 Schüler von Berufsschulen und Polytechnischen Schulen eine praxisnahe Basisfinanzbildung erhalten haben. "Finanzkompetenz unterstützt junge Menschen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen - mit weniger Geldsorgen und höherer Entscheidungsfähigkeit", begründete Bildungsdirektor Heinrich Himmer den Schwerpunkt.

Quelle: Agenturen