Wirtschaftsexpertin: Ein Euro Arbeitslosengeld "würde auch nichts helfen"

02. Sept 2021 · Lesedauer 3 min

Im Newsroom LIVE sprechen die Wirtschaftsfachfrauen Barbara Blaha, Leiterin des Momentum Instituts, und Monika Köppl-Turyna, Direktorin von Eco-Austria, über degressives Arbeitslosengeld und die mögliche Streichung von Zuverdienstmöglichkeiten.

Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP) will bei einer Reform des Arbeitslosengeldes dieses degressiv, also mit zunehmender Dauer abnehmend, anlegen. Barbara Blaha, Leiterin des Momentum Instituts sieht im Newsroom LIVE Interview bei einer möglichen Reform zwei Ansätze. Entweder man wolle Arbeitslose dazu bringen, Jobs zu jeder Bedingung und jeder Bezahlung anzunehmen oder man wolle Menschen "in eine Beschäftigung bringen, die sie gut bezahlt, gut entlohnt und die Arbeitsbedingungen bietet, an denen sie gesundheitlich nicht kaputt gehen". Die Reformvorschläge für beide Varianten seien ganz andere. 

Köppl-Turyna, Direktorin des Think Tanks Eco-Austria, stimmt dem dahingehend zu, dass degressives Arbeitslosengeld bei einer höheren Ersatzrate beginnen müsse. Aktuell bekommen Arbeitslose 55 Prozent ihres Lohns, bei der Notstandshilfe sinke es auf 51 Prozent. Es könne aber lang bezogen werden. Andere Länder würden höher starten, etwa bei 80 0der 70 Prozent. Wenn des Geld weniger werde, sei das ein Anreiz, schneller Arbeit zu finden. Sie wollte sich allerdings im Interview nicht festlegen, ob es unter 55 Prozent sinken solle. 

Langzeitarbeitslose werde zu Vorstellungsgesprächen nicht eingeladen

Dem widerspricht Blaha. Eine aktuelle Studie belege, dass Langzeitarbeitslose oft nicht einmal zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden. "Der Langzeitarbeitslose kann sich auf den Bauch hauen, er wird trotzdem nicht eingeladen werden", so die Leiterin des Momentum Instituts. Auch wenn er nur einen Euro bekomme, würde das nichts helfen. "Wir brauchen nicht so tun als sei das ein Wundermittel." Stattdessen müsse das Arbeitslosengeld Existenzen sichern. 55 Prozent des Lohns seien zu wenig. Sie spricht sich für 70 Prozent und diese dauerhaft aus. 

Auch bei möglichen Zuverdienstmöglichkeiten während der Beschäftigungslosigkeit gehen die Meinungen der beiden Expertinnen auseinander. Monika Köppl-Turyna beruft sich auf Studien, die belegen, dass Zuverdienstmöglichkeiten die Arbeitslosigkeit verlängern würden. Ziel müsse es sein, dass Menschen gar nicht arbeitslos werden. 

Blaha hingegen meine, unterschiedliche Studien würden zu gegenteiligen Schlüssen kommen. Würde man Arbeitslosen den Zuverdienst streichen, "schlagen die alle in der Mindestsicherung auf". Die Daten würden zeigen, dass acht von zehn Arbeitslosen nicht aus eigener Schuld den Job verloren hätten. 

Kurzarbeit dauerhaft nicht zielführend

Der Weg, gar nicht erst in die Arbeitslosigkeit zu rutschen sei laut Köppl-Turyna eine höhere Qualifizierung. Sie spricht sich auch gegen die Kurzarbeit aus. So Beschäftigte würden als Arbeitskräfte an anderen Stellen dringend benötigt. Blaha findet es hingegen verfrüht, die Kurzarbeit mitten in der vierten Corona-Welle auslaufen zu lassen. Auf Dauer sei das Modell hingegen nicht zielführend. 

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam