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Weiter angespannte Lage rund um AKW Saporischschja

14. Aug. 2022 · Lesedauer 4 min

Die Lage rund um das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja bleibt weiter angespannt: Die Ukraine und Russland machten sich am Wochenende erneut gegenseitig für Angriffe auf Europas größtes Atomkraftwerk verantwortlich. "Wir haben Informationen über neue Provokationen von Seiten der (russischen) Besatzer", erklärte die ukrainische Atombehörde Energoatom am Samstag im Messengerdienst Telegram.

Ukrainische Vertreter meldeten zudem, dass die russischen Truppen in der südukrainischen Region Cherson nach der Beschädigung mehrerer Brücken zunehmend isoliert seien. Nach Angaben von Bewohnern der Stadt Enerhodar "gibt es erneut Bombenangriffe in Richtung der Atomzentrale Saporischschja", teilte Energoatom mit. In der weiterhin von Kiew kontrollierten Stadt liegt das von russischen Truppen besetzte größte Atomkraftwerk Europas, das in den vergangenen Tagen wiederholt attackiert worden war.

Der ukrainische Militärgeheimdienst teilte am Samstagabend mit, Russland "bombardiert das Atomkraftwerk aus unmittelbarer Nähe von der Ortschaft Wodjane am rechten Ufer des Dnipro aus". Der Fluss trennt die von den Russen und die von der Ukraine kontrollierten Gebiete.

Selenskyj wirft Russland "Erpressung" vor

Die von Moskau eingesetzte Verwaltung in den russisch kontrollierten Gebieten warf hingegen den ukrainischen Truppen vor, für die Angriffe verantwortlich zu sein. "Enerhodar und das AKW Saporischschja sind erneut unter Beschuss der Anhänger" des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, erklärte Wladimir Rogow, Mitglied der prorussischen Zivil- und Militärverwaltung.

Selenskyj warf Russland in seiner täglichen Videobotschaft erneut "Erpressung" vor. Die "Besatzer" nutzten das AKW, um "auf extrem zynische Weise" Angst zu verbreiten, sagte er am Samstagabend. Die russischen Truppen "verstecken" sich hinter dem AKW, um die ukrainisch kontrollierten Städte Nikopol und Marhanez zu beschießen, fügte er hinzu.

"Nukleare Bedrohung für Europa"

Jeder Tag, an dem das russische Kontingent auf dem Gelände des AKW verbleibe, erhöhe "die nukleare Bedrohung für Europa", warnte Selenskyj. Er forderte "neue Sanktionen" gegen Russland mit dem Ziel, die russische Atomindustrie zu "blockieren".

Die beiden Konfliktparteien hatten sich in der vergangenen Woche wiederholt gegenseitig für Angriffe auf das AKW verantwortlich gemacht. Die Raketenangriffe wecken Befürchtungen einer Katastrophe am größten Atomkraftwerk Europas, der UNO-Sicherheitsrat hielt eine Dringlichkeitssitzung dazu ab.

Nach den ersten Angriffen am 5. August musste ein Reaktor heruntergefahren werden. Bei Angriffen am Donnerstag wurden eine Pumpstation und Strahlungssensoren beschädigt. Die ukrainischen Behörden und westliche Verbündete fordern eine entmilitarisierte Zone rund um das AKW und einen Abzug der russischen Truppen, die das AKW seit März besetzt halten.

Russischer Diplomat sieht UNO in Pflicht

Im Ringen um die Sicherheit des Atomkraftwerks sieht der russische Diplomat Michail Uljanow die Vereinten Nationen in der Pflicht. Aufgabe des UNO-Sekretariats sei es, "grünes Licht zu geben für einen Besuch des AKW von Experten und Expertinnen der in Wien ansässigen Internationalen Atomenergie Organisation (IAEA), sagte Uljanow in einem am Sonntag veröffentlichten Interview der russischen staatlichen Nachrichtenagentur Tass.

Die Diplomat vertritt Russland in Wien bei den internationalen Organisationen. Die IAEA könne sich dann selbst um die "Modalitäten der Reise in die Unruheregion" kümmern, sagte Uljanow.

Dem Vernehmen nach hatten die UNO eine Reise von IAEA-Chef Rafael Grossi nicht nur aus Sicherheitsgründen bisher nicht erlaubt, sondern auch weil es Streit gibt um den Reiseweg. Grossi könnte zum Ärger der Ukraine etwa unter russischem Schutz über die von Moskau 2014 annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim anreisen. "Wir haben mit der Organisation sehr eng gearbeitet im Mai/Juli und den Besuch vorbereitet. Das UNO-Sekretariat hat ihn im letzten Moment blockiert, ohne die Gründe dafür zu erklären", sagte Uljanow.

Uljanow sagte, dass die ukrainischen Streitkräfte aufhören müssten, das AKW zu beschießen, um der IAEA-Mission die nötigen Sicherheitsgarantien zu geben. "Ein internationales Team darf man nicht unter ständigem Artilleriebeschuss schicken. Das ist das Haupthindernis", sagte er. Bei einem Besuch sollten die Experten dann die Sicherheit vor Ort prüfen und auch die Schuldigen für den Beschuss benennen können.

Quelle: Agenturen / ddj