Ukraine: Russland hat angeblich vollständige Lufthoheit

24. Feb. 2022 · Lesedauer 5 min

Russland hat bei seinem Großangriff auf die Ukraine nach Angaben eines westlichen Geheimdienstvertreters die "vollständige Lufthoheit" über die Ukraine erlangt. Die Ukraine verfüge nun über keinerlei Luftabwehrkapazitäten mehr, sagte der Geheimdienstvertreter am Donnerstag in Brüssel.

Nun wolle die russische Armee eine "überwältigende Macht" rund um die Hauptstadt Kiew zusammenziehen. Zuvor eroberte Russland laut ukrainischen Angaben das ehemalige Atomkraftwerk Tschernobyl.

"Leider muss ich mitteilen, dass die Zone um Tschernobyl, die sogenannte Sperrzone, und alle Anlagen des Atomkraftwerks Tschernobyl unter der Kontrolle bewaffneter russischer Gruppen sind", sagte der ukrainische Ministerpräsident Denys Schmyhal am Donnerstag nach Angaben der Agentur Unian. Die ukrainische Hauptstadt Kiew liegt nur knapp 70 Kilometer entfernt.

"Kontrolle über Tschernobyl verloren"

"Nach schwerem Kampf wurde die Kontrolle über Tschernobyl verloren", meinte ein ukrainischer Präsidentenberater. Es sei unklar, in welchem Zustand die Anlage sei. "Dies stellt heute eine der ernsthaftesten Bedrohungen für Europa dar." Er warnt vor Provokationen der russischen Seite. Zuvor hatte Präsident Wolodymyr Selenskyj berichtet, es gebe Gefechte in der Region. Von russischer Seite gab es zunächst keine Bestätigung.

Ukraine: Karner analysiert die russische Offensive

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte davor gewarnt, dass in der Ukraine angeblich Atomwaffen hergestellt werden könnten. "Wir wissen, dass es bereits Berichte gab, die Ukraine wolle ihre eigenen Atomwaffen herstellen. Das ist keine leere Prahlerei", sagte der Kremlchef etwa am vergangenen Montag in einer Fernsehansprache. "Die Ukraine verfügt tatsächlich immer noch über sowjetische Nukleartechnologien und Trägersysteme für solche Waffen."

Keine Gefahr durch Reaktoren

Wie das Klimaschutzministerium in Wien der APA mitteilte, sind laut einer offiziellen Meldung der ukrainischen Atomaufsichtsbehörde via IAEA dabei alle Anlagen unbeschädigt geblieben. Zudem seien keine Opfer vermeldet worden, hieß es. Die Strahlenschutzabteilung des Klimaschutzministeriums beobachte die Lage genau. Im Falle des Kernkraftwerks Tschernobyl seien alle Reaktoren seit über 20 Jahren stillgelegt. Darum könne eine nukleare Kettenreaktion ausgeschlossen werden. Für Österreich bestehe somit "keine Gefahr."

Auch die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) in Wien verfolgt die Situation in der Ukraine mit großer Besorgnis und appelliert an ein Höchstmaß an Zurückhaltung, um jegliche Aktionen zu vermeiden, welche die nuklearen Einrichtungen des Landes gefährden könnten, erklärte Generaldirektor Rafael Mariano Grossi. Bezüglich der Situation in Tschernobyl informierte die Ukraine die IAEO darüber, dass "nicht identifizierte bewaffnete Kräfte" die Kontrolle über alle Einrichtungen des staatlichen Spezialunternehmens Tschernobyl übernommen haben. Diese Einheiten sollen sich innerhalb der Sperrzone befinden.

Ukraine meldet 57 Tote

Mit Angriffen aus mehreren Richtungen hat Russland am Donnerstag einen Krieg gegen die Ukraine begonnen. Befohlen hatte den Einsatz gegen das Nachbarland Russlands Präsident Putin - aus der Luft, am Boden und zur See. Bei sämtlichen Kampfhandlungen soll es mittlerweile zahlreiche Tote gegeben haben.

"Putin kann sich kein Russland ohne Ukraine vorstellen"

Nach Angaben des ukrainischen Gesundheitsministers Oleh Ljaschko wurden durch russische Angriffe am Donnerstag 57 Menschen getötet und 169 weitere verletzt. Zudem sprach der stellvertretende Verteidigungsminister davon, dass es heftigen russischen Beschuss in der Ostukraine gebe. Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba erklärte, die ukrainische Armee halte Stand, aber man brauche die Hilfe der Welt. Der Verteidigungsminister sagte, Russland bereite eine neue Angriffswelle vor, dazu gehörten auch Luftangriffe.

Umkämpfter Flughafen

Umkämpft ist momentan noch der Militärflughafen in Hostomel. Zwischendurch hatte es geheißen Russland habe ihn unter seine Kontrolle gebracht - die Ukraine widerspricht. Über den Flughafen könnte Russland Truppen direkt vor die Tore Kiews fliegen.

Kampf um Militärflugplatz

Russland nimmt wichtige Insel ein

Unterdessen sollen russische Truppen haben nach Angaben der Ukraine die Schlangeninsel im Schwarzen Meer erobert haben. Der Kontakt zum Grenzschutz und Soldaten dort sei abgerissen, teilte der Grenzschutzdienst am Abend mit. Den ganzen Tag über habe "der Feind" die Insel umstellt und mit Schiffskanonen beschossen. Sie ist eine der wenigen Inseln, welche die Ukraine besitzt. Sie ist vor allem für Anrechte auf Bodenschätze im Meer strategisch wichtig und war lange zwischen Rumänien und der Ukraine umstritten. Die kleine Schlangeninsel war Anfang der 2000er Jahren Gegenstand eines gütlich beigelegten Territorialstreits zwischen Rumänien und der Ukraine.

Am Abend stürzte nach Angaben der Agentur Interfax ein russisches Militärtransportflugzeug ab. Die Besatzung an Bord der Maschine vom Typ AN-26 sei ums Leben gekommen, hieß es unter Berufung auf Militärbeamte. Der Unfall könne durch ein technisches Versagen verursacht worden sein, wurde mitgeteilt.

Lage bei Separatistengebieten angespannt

Die Lage im Osten der Ukraine nahe der von den Separatisten kontrollierten Gebiete ist nach Angaben des ukrainischen Militärs weiter unruhig. Die Situation im Einsatzgebiet Donezk sei angespannt, werde aber von der Armee kontrolliert, heißt es in einem Bericht der ukrainischen Armee am Donnerstagabend (Ortszeit). Der Beschuss durch Russland dauere an.

In Richtung Luhansk seien tagsüber die heftigsten Kämpfe um die Orte Schtschastja, Stanyzja Luhanska, Lobatschewe und Bilowodsk geführt worden. In den Kämpfen um Schtschastja seien zwei feindliche Panzer zerstört und ein Panzer und eine Flugabwehrkanone erbeutet worden, hieß es weiter. In Schtschastja habe die Armee mehrere Gefangene genommen, hieß es weiter.

Trotz umfangreicher Angriffe sei es "dem Feind" nicht gelungen, aus dem Osten tief in die Ukraine vorzudringen. Alle wichtigen Siedlungen und wichtige Infrastruktur halte man weiter. Nach aktuellem Stand seien keine weiteren Versuche des Durchbruchs durch "den Feind" registriert worden. An manchen Orten sei die Feueraktivität zurückgegangen. Die Angaben konnten zunächst nicht unabhängig überprüft werden.

Quelle: Redaktion / pea, koa