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Ukraine: Kampf um Großstädte verstärkt sich

16. März 2022 · Lesedauer 5 min

Knapp drei Wochen nach Beginn des Ukraine-Kriegs haben die russischen Angreifer ihren Beschuss auf mehrere umkämpfte Städte intensiviert. Betroffen sind neben Kiew und den Vorstädten der Hauptstadt besonders Charkiw im Osten, Mariupol im Südosten und Mykolajiw im Südwesten.

Auch bisher von den Kämpfen verschont gebliebene, westliche Städte werden zunehmend beschossen. In Kiew sind Mittwoch früh laut AFP-Korrespondenten erneut mehrere starke Explosionen zu hören gewesen.

Zivile Gebäude unter Beschuss

Die ukrainischen Streitkräfte führen nach Angaben des Präsidentenberaters Oleksii Arestowytsch an mehreren Fronten kleinere Gegenoffensiven aus. Die russischen Truppen hätten keinen Boden gutmachen können. Die Lage in den wichtigsten Brennpunkten habe sich nicht geändert - und könne dies auch nicht, weil Russland seine Ressourcen aufgebraucht habe, sagt Arestowytsch in einem Video-Briefing. Etwa zwei Drittel der Raketen, mit denen Russland ukrainische Ziele beschieße, würden zivile Gebäude und Infrastruktur treffen. Die Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen. Russland dementiert, Zivilisten ins Visier zu nehmen.

Explosionen um Kiew 

Am frühen Morgen habe es im Westen der ukrainischen Hauptstadt drei Detonationen gegeben, so die AFP-Korrespondenten. Wie bereits am Vortag, als die russischen Streitkräfte mehrere Wohnhäuser unter Beschuss genommen hatten, stiegen anschließend schwarze Rauchsäulen auf. Weitere Explosionen folgten am Vormittag. Die Behörden machten zunächst keine Angaben. Wegen einer am Dienstagabend verhängten Ausgangssperre konnten auch Medienvertreter sich nicht in der Stadt bewegen. Am Dienstagmorgen waren durch mehrere russische Angriffe mindestens vier Menschen getötet worden.

"Volksrepublik Luhansk" rückt vor

Im Osten der Ukraine dauern nach russischen Angaben auch die heftigen Gefechte um die Großstadt Sjewjerodonezk an. Einheiten der selbst ernannten "Volksrepublik Luhansk" kämpften an den Stadtgrenzen im Nordwesten, Nordosten und Osten, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Mittwoch in seinem Morgenbericht. In Sjewjerodonezk leben etwa 100.000 Menschen. Die Aufständischen im Gebiet Donezk hätten mehrere Dörfer unter ihre Kontrolle gebracht, sagte Konaschenkow. Das ließ sich nicht überprüfen.

Die Zahl der seit Kriegsbeginn am 24. Februar zerstörten ukrainischen Panzer und gepanzerten Fahrzeuge gab Konaschenkow mit 1.353 an. Zudem seien 111 Flugzeuge, 68 Hubschrauber, 160 Drohnen und 159 Raketenabwehrsysteme getroffen worden. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte seinen Einmarsch in die Ukraine auch damit begründet, dass er das vom Westen mit Waffen ausgerüstete Land "entmilitarisieren" wolle.

500 Tote in Charkiw 

In Charkiw sind nach Angaben der Regionalverwaltung seit Beginn der russischen Invasion mindestens 500 Einwohner getötet worden. Die Angaben ließen sich unabhängig nicht überprüfen. Russland dementiert, bei seinen Militäraktionen Zivilisten ins Visier zu nehmen.

Krankenhaus in Mariupol besetzt 

Russische Truppen haben nach Angaben der ukrainischen Vize-Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk in der Hafenstadt Mariupol ein Krankenhaus unter ihre Kontrolle gebracht. 400 Patienten und Mitarbeiter würden als Geiseln gehalten. Die Soldaten hätten auf dem Klinikgelände Artillerie in Stellung gebracht und würden Schüsse abfeuern, sagt die stellvertretende Regierungschefin in einer Video-Ansprache. Ob ein Fluchtkorridor zur Evakuierung weiterer Zivilisten aus der ostukrainischen Stadt diesen Mittwoch geöffnet werden könne, sei fraglich. Die Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen. Mariupol gehört zu dem am heftigsten umkämpften Städten in der Ukraine.

Flucht aus der Stadt

Nach ukrainischen Angaben bisher rund 20.000 Einwohner in Privatautos aus dem belagerten Mariupol geflohen. Dies teilt der Berater des ukrainischen Innenministeriums, Vadym Denysenko, mit. Ukrainischen Angaben zufolge sind die rund 400.000 Einwohner seit fast zwei Wochen ohne Heizung, Strom und fließendes Wasser in der Hafenstadt im Südosten des Landes eingeschlossen. Mindestens 200.000 Menschen seien dringend auf eine Evakuierung angewiesen.

Raketenangriff auf Bahnhofsgelände 

Im Süden griffen russische Truppen nach ukrainischen Angaben auch die Stadt Saporischschja an, in der sich neben den Einwohnern auch tausende Flüchtlinge aus Mariupol aufhalten. "Erstmals sind zivile Objekte in Saporischschja angegriffen worden", schrieb am Mittwoch Gouverneur Alexander Staruch auf Telegram. Die Raketen seien unter anderem auf einem Bahnhofsgelände eingeschlagen, es sei niemand getötet worden.

Saporischschja war bisher von den Kämpfen weitgehend ausgenommen. Das von russischen Truppen bereits vor zwei Wochen eingenommene Atomkraftwerk Saporischschja liegt 50 Kilometer außerhalb. Die Stadt war bisher ein erster sicherer Anlaufpunkt für Menschen, die aus der von russischen Truppen belagerten Hafenstadt Mariupol flüchteten. Von Saporischschja aus brechen die Menschen dann in den Westen der Ukraine sowie nach Polen oder andere Nachbarländer auf.

Kampfflugzeuge abgeschossen 

Nahe der südwestukrainischen Hafenstadt Odessa seien zwei Kampfflugzeuge vom Typ Suchoi Su-30 abgeschossen worden, teilte die ukrainische Luftwaffe mit. Nach Angaben des regionalen Militärstabs versuchten russische Einheiten, die ukrainische Luftabwehr bei Odessa auszuschalten, dies sei aber nicht gelungen. Vor der Küste kreuzen demnach mehrere russischen Kriegsschiffe, von denen eins ebenfalls auf ukrainische Stellungen gefeuert haben soll. Bisher habe es aber keinen Landeversuch gegeben.

"Die Führung der Russischen Föderation versucht Verbündete zu finden, Soldaten, die bereit sind, auf ukrainischen Feldern zu sterben", sagte der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak. Nach ukrainischen Angaben wurden seit Kriegsbeginn am 24. Februar etwa 13 800 russische Soldaten getötet. Etwa 430 Panzer, 1375 gepanzerte Fahrzeuge und Hunderte weitere Fahrzeuge seien zerstört worden, ebenso rund 85 Kampfflugzeuge und mehr als 100 Hubschrauber. Die Angaben können nicht unabhängig überprüft werden.

Streubomben in der Nähe eines Waisenhauses

Bei Recherchen in Mykolajiw fand ein Reporter der deutschen Wochenzeitung "DIE ZEIT" auf dem Gelände eines Waisenhauses Reste von Streubomben. Ein Waffenexperte der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch bestätigte der "ZEIT", dass es sich um diesen Munitionstyp handelt. Damit gibt es einen weiteren Beleg dafür, dass russische Truppen Streubomben gegen zivile Ziele in der Ukraine einsetzen. Zuvor hatten verschiedene Organisationen den Einsatz dieser von den meisten Staaten geächteten Waffen dokumentiert. Auch die Vereinten Nationen und die NATO gehen davon aus, dass Russland im Krieg gegen die Ukraine Streubomben einsetzt.

Quelle: Agenturen / Redaktion / foj