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Selenskyj-Rede im Parlament: Sobotka will Einladung nur bei "Einvernehmen"

23. März 2022 · Lesedauer 4 min

Die SPÖ will doch nicht als Bremserin bezüglich einer Ansprache des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Nationalrat dastehen. Die Partei spielte den Ball nun Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) zu. Dieser will Einvernehmen unter den Fraktionen.

SPÖ-Vize-Klubobmann Jörg Leichtfried verwies aber auch auf Österreichs Neutralität bei diesem Thema. Diese brachte auch die FPÖ, die in den vergangenen Jahren enge Kontakte nach Russland gepflegt hat, als Argument vor, warum man die von den NEOS angeregte Einladung an den ukrainischen Staatschef in der Präsidiale nicht unterstützt hat. Leichtfried betonte nun am Mittwoch in einer Aussendung, die SPÖ habe in dieser Sitzung darauf hingewiesen, dass Österreichs neutraler Status berücksichtigt werden müsse, der ja auch ein großer Vorteil sein könne, wenn es darum geht, als Vermittler aufzutreten.

Angriff wird verurteilt

Klar sei jedoch, dass Österreich den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine durch das Putin-Regime aufs Schärfste verurteile. Denn Österreich sei niemals neutral gegenüber der Verletzung von Völkerrecht und Menschenrechten.

Aus dem Büro Sobotkas, an das der Ball von der SPÖ zugespielt worden war, hieß es zur APA: "Wenn das Einvernehmen zwischen den Fraktionen hergestellt ist, wird man eine Lösung finden. Ich war und bin jedenfalls dazu bereit, das zu ermöglichen."

Philip Kucher, Gesundheitssprecher der SPÖ, erklärt, wie die SPÖ zu einer möglichen Selenskyj-Rede im Parlament steht.

Bundespräsident Alexander van der Bellen äußerte sich bei einem Besuch bei EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen in Brüssel zum Thema: Er sehe "nicht, inwieweit das mit der Neutralität unvereinbar sein sollte. Selbst wenn Präsident Selenskyj Ansinnen an Österreich hätte, die mit der Neutralität nicht vereinbar sind, dann liegt es an uns, das dann auch zu sagen", sagte er gegenüber Journalisten.

Doskozil kritisiert "außenpolitischen Fehler" der SPÖ

Der burgenländische Landeshauptmann Doskozil hält die Ablehnung einer Rede von Selenskyj jedenfalls für einen Fehler und sieht darin überhaupt "keine Frage der Neutralität, wenn jemand seine Meinung transportiert". "Das war ein außenpolitischer Fehler, der hätte nicht passieren dürfen", übte er am Rande einer Pressekonferenz am Mittwoch in Eisenstadt Kritik an seiner Bundespartei und verwies auf die Vergangenheit, in der Österreich in anderen Fällen Partei ergriffen habe. Dem ukrainischen Ministerpräsidenten, der mit dem Rücken zur Wand stehe, nicht das Wort zu erteilen, hält er für "falsch", zumal auch jeder wisse, wer "die Schuldfrage trägt und wer Kriegsverbrechen betreibt".

Europaministerin Karoline Edtstadler (ÖVP) betonte am Rande eines Termins, dass es natürlich Sache des Parlaments sei, ob es den ukrainischen Präsidenten einlade. Für sie sei es aber "in der jetzigen Zeit wichtig, Solidarität öffentlich zu zeigen und nicht nur Gespräche in der Amtsstube zu führen". Für das Parlament könne sie aber natürlich nicht sprechen.

"Erstaunt, aber auch erfreut" über "den offensichtlichen Sinneswandel der SPÖ" zeigte sich unterdessen NEOS-Vizeklubchef Nikolaus Scherak nach Leichtfrieds Stellungnahme. "Nach 24 Stunden zu behaupten, dass die SPÖ nie gegen eine Rede Selenskyjs war, weil es keine Abstimmung dazu gab, ist einigermaßen verwunderlich und zeigt deutlich die fragwürdige Haltung der SPÖ: Nur nicht konkret Stellung beziehen, im Zweifel lieber nichts tun und mit fadenscheinigen Argumenten dagegen kommen." Es gehe hier nicht nur um die Frage, ob Selenskyj vor dem Parlament spricht, sondern "wie stark sich Österreich tatsächlich auf die Seite der Ukraine stellt und was wir als neutrales Land alles tun können, um Putin zu stoppen". Dafür sei eine eindeutige Haltung notwendig.

Nachdem jetzt offenbar fast alle Fraktionen für eine Rede Selenskyjs im Hohen Haus seien, schlug Scherak eine Nationalratssondersitzung nächste Woche vor, in deren Rahmen die Rede stattfinden soll.

Selenskyj war in den vergangenen Tagen in mehreren Ländern die Möglichkeit gegeben worden, per Video zu den Abgeordneten zu sprechen - etwa in Deutschland, Italien, Kanada und den USA sowie im Europaparlament.

Quelle: Agenturen / Redaktion / lam/koa