Sadat-Neffe: US-Nahost-Plan einzige Wahl für Palästinenser
Der Trump-Plan sei wohl nicht das Beste, das die Palästinenser bzw. Araber im jahrzehntelangen, blutigen Konflikt gegen Israel bekommen könnten. "Aber wir müssen das Beste daraus machen", betonte Sadat am Mittwoch in Wien. Ägypten versuche dies als Vermittler im nach dem Gaza-Krieg wieder in Gang gekommenen Friedensprozess den Palästinensern verständlich zu machen. Ägypten spiele hier eine wichtige Rolle, denn die Stimme Kairos werde sowohl von den Palästinensern als auch von Israel und den USA gehört.
Die erste Phase des Waffenstillstands sei zwar durch viele Angriffe der Israelis verletzt worden. "Aber wir müssen die zweite Phase der Umsetzung des Friedensplans beginnen und sehen", was die geplante Übergangsregierung sowie der internationale, sogenannte Friedensrat, unter Vorsitz Trumps, der sie beaufsichtigen soll, bringen werden: "Wir sollten diese Gelegenheit nicht an uns vorbeiziehen lassen! Vielleicht ist sie die letzte", mahnte Mohamed Anwar Sadat. "Wir haben schon so viele Chancen verpasst."
Sadat warnte aber auch "unsere israelischen Freunde": "Wenn sie regionale Zusammenarbeit haben wollen, friedliche Koexistenz mit den Arabern, dann müssen sie aufhören, den Palästinensern anzutun, was sie ihnen antun - egal ob im Westjordanland oder im Gazastreifen. Sie müssen Verständnis dafür zeigen, dass dieses Volk leben können und ein menschenwürdiges Auskommen haben muss. Genug ist genug!"
Unter Ägide der USA und ihrem Präsidenten Jimmy Carter hatte Ägypten mit Sadats Onkel an der Spitze 1978/79 als erstes Land der Region das Camp-David-Abkommen und einen Friedensvertrag mit Israel geschlossen. Anwar al-Sadat und der israelische Premier Menachem Begin erhielten dafür den Friedensnobelpreis. "Die Ägypter hatten viel gelitten. Er wollte ihnen ein bessere Leben ermöglichen. Er war ein Mann mit Vision, Mut, ohne Angst. Als er seine Initiative für Frieden mit Israel startete, wusste er, dass das einen Preis hat, aber er war bereit, sein Leben zu geben, für seinen Glauben an den Frieden", sagt der Neffe über den Onkel, nach dem er benannt wurde.
Palästinenser lassen sich nicht vertreiben
Zu der "Angst und dem Verdacht", dass Israel und die USA in Wahrheit beabsichtigen könnten, die Palästinenser mehr oder weniger gänzlich aus dem Gazastreifen zu vertreiben - etwa in die jüngst von Israels Regierung anerkannte, von Somalia abtrünnige Region Somaliland - machte Sadat klar: "Die Palästinenser sind standhaft. Sie werden bleiben, wo sie sind, egal was sie erdulden müssten. Ägypten hat den USA deutlich gemacht, dass die Palästinenser nicht aus Gaza weggebracht werden können, und alle arabischen Staaten haben hier dieselbe Position", so der 70-Jährige.
"Die Israelis wissen, dass sie das nicht machen und sich gleichzeitig normale Beziehungen zur arabischen Welt erwarten können. Wir arbeiten alle für einen Palästinenserstaat aus einem mit dem Gazastreifen verbundenen Westjordanland." Auch die Israelis müssten verstehen, dass das eine Chance für sie ist. Auch dass die Palästinenser beim Wiederaufbau des Gazastreifens zu der von Trump beschworenen "Riviera" ausgebootet werden könnten in dem Sinn, dass die USA investieren und die Gewinne großteils abziehen, während den Palästinensern nur die Rolle von Niedriglohnarbeitern bleibt, glaubt Sadat nicht.
Iranisches Regime wankt nicht
Der liberale Politiker und Bürgerrechtsaktivist analysierte im APA-Gespräch auch die jüngsten Ereignisse im Iran. Massenproteste gegen das schiitische theokratische Regime, ausgelöst durch die prekäre wirtschaftliche Lage des Landes und vieler seiner Einwohner, wurden jüngst wieder einmal blutig niedergeschlagen. "Ich glaube nicht, dass das Regime in Gefahr ist. Es handelt sich um eine weitere Welle des Aufbegehrens, sie ist stark, ja, aber das wird nicht das Ende des Regimes sein", meinte Sadat.
"Deswegen sehen wir auch, dass Trump mit all seine Angriffsdrohungen wieder aufgehört hat. Er sieht, was immer er tut, es wird keinen echte Wende bringen", sondern im Gegenteil. Daher sind laut Sadat keine gezielten Tötungen iranischer Führer oder Militärschläge wie im Juni des Vorjahres gegen Atomanlagen in der Islamischen Republik zu erwarten. Man müsse über eine andere Herangehensweise nachdenken, "versuchen, sie an den Verhandlungstisch zu bekommen, eine Normalisierung einleiten, im Gegenzug für mehr Freiheit für die Iraner".
Wie sieht es in Ägypten aus?
In Ägypten selbst und seiner von dem autokratischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi geprägten Politik erhielt Sadats "Partei für Reformen und Entwicklung" bei der Parlamentswahl im Herbst 11 der 596 Sitze. "Wir tun unser Bestes, um die Regierung zu kontrollieren", versicherte Sadat. In den letzten 15 Jahren erlebten die Ägypter den Sturz des Langzeitregimes unter Präsident Hosni Mubarak, Gewalt, Hoffnung auf Demokratie und Freiheit, eine islamistische Wende und die Rückkehr zu autokratischer Stabilität - umgeben von Krieg und Chaos in allen Nachbarländern: Sudan, Libyen, Israel/Palästina.
Ägypten stehe vor wirtschaftliche Herausforderungen, vor politischen Reformen und Aufgaben in Sachen Menschenrechte. Sadat: "Ich hoffe auf eine Verständigung mit der Regierung, um zu einer Situation zu kommen, wo jeder in den Genuss von Freiheit kommen und ein würdevolles Leben in seiner Familie führen kann. Das braucht Zeit." Für die Zukunft wünscht er sich, dass Ägypten beides hat: Stabilität und Demokratie.
Mohamed Anwar Sadat profitiert politisch von seiner Verwandtschaft zu einem prestigeträchtigen Vorgänger Sisis: Er darf dem 25-köpfigen Nationalen Rat für Menschenrechte angehören. Das ist eine Ombudsstelle, an die sich Ägypter wenden können, wenn sie zu Opfern der Behörden wurden. Das Gremium kümmert sich etwa um die Rechte Inhaftierter. Sadat nimmt daher dieser Tage in Wien nicht nur an einer Podiumsdiskussion am Bruno-Kreisky-Forum für internationalen Dialog teil und forscht im Archiv des Nahost-Vermittlers Kreisky zu seinem prominenten Verwandten, er besuchte auch die Volksanwaltschaft, die mit ihm und dem Menschenrechtsrat kooperiert.
Persönliche Erinnerungen
Mohamed Anwar Sadat ist der Sohn eines Bruders von Anwar al-Sadat. "Er war ein Familienmensch. Auch um sein Heimatdorf im Nildelta hat er sich gekümmert", sagt der Neffe über den Onkel. "Wann immer er einen Tag frei hatte, fuhr er nach Mit Abu al-Kum, wo er alle kannte, und verbrachte seine Zeit mit ihnen."
Jeder Ägypter weiß, wo er war - einerseits als am 26. März 1979 der Friedensvertrag mit Israel unterschrieben, andererseits als Staatschef Sadat, der früher als Militär persönlich in den Kampf gegen Israel gezogen war, am 6. Oktober 1981 in Kairo ermordet wurde. Mohamed Sadat erinnert sich an das erste Ereignis: "Wir sahen ihn - glücklich, ermutigend. Der Schritt wurde sehr, sehr willkommen geheißen damals: Wir haben das Bedürfnis nach Frieden gespürt."
Beim zweiten war er gerade auf seiner Hochzeitsreise in München angekommen. Sogleich reiste er wieder in die Heimat zurück. "Das war ein sehr trauriger Moment. "Auf den Straßen von München waren mit Trauerflor geschmückte Bilder Sadats."
Der deutsche Kanzler Helmut Schmidt sei damals im Bundestag wegen des Mordes an Anwar al-Sadat fast in Tränen ausgebrochen. Später antwortete Schmidt auf die Frage, welcher seiner politischen Kollegen ihn am meisten beeindruckt habe: "Sadat". Weil Sadat gewusst habe, dass er Frieden schaffen musste und sein Leben damit aufs Spiel gesetzt habe - und es dann auch für seine Überzeugung lassen musste.
(Das Gespräch führte Martin Richter/APA)
Zusammenfassung
- Mohamed Anwar Sadat nennt den US-Friedensplan von Präsident Trump 'die einzige Wahl' für die Palästinenser und fordert, diese Chance zu ergreifen.
- Ägypten übernimmt laut Sadat eine Schlüsselrolle als Vermittler im Nahost-Friedensprozess und wird von allen relevanten Akteuren ernst genommen.
- Sadat warnt Israel, dass regionale Zusammenarbeit und Frieden nur möglich sind, wenn die Rechte und das menschenwürdige Auskommen der Palästinenser geachtet werden.
- Er betont, dass die Palästinenser nicht aus dem Gazastreifen vertrieben werden können und verweist auf die einheitliche Haltung aller arabischen Staaten.
- Trotz der jüngsten Proteste im Iran sieht Sadat das Regime nicht in Gefahr und spricht sich für Verhandlungen statt militärischer Maßnahmen aus.
