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Russland verstärkt Angriffe im Donbass: Selenskyj fordert weitere Sanktionen

22. Mai 2022 · Lesedauer 4 min

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat weitere Sanktionen gegen Russland gefordert. Die Situation im Donbass sei äußerst schwierig.

Darüber habe er auch mit Italiens Regierungschef Mario Draghi gesprochen, sagte das Staatsoberhaupt in einer in der Nacht auf Sonntag veröffentlichten Videobotschaft. Viele westliche Staaten haben bereits beispiellose Strafmaßnahmen gegen Russland verhängt.

Die russische Armee habe seit Beginn des Kriegs vor gut drei Monaten 1.873 Bildungseinrichtungen in der Ukraine zerstört, sagte Selenskyj. "Russland hat praktisch alle seine Ressourcen geschickt, um uns zu zerstören."

Offensive im Donbass

Die Situation im Donbass sei äußerst schwierig, ergänzte der Präsident. Die russische Armee versuche die Städte Slawjansk und Sewerodonezk anzugreifen. "Die Streitkräfte der Ukraine halten diese Offensive zurück." Jeder Tag, an dem die Verteidiger Pläne Russlands durchkreuzten, sei ein konkreter Beitrag auf dem Weg zum Sieg.

Zugleich warnte Selenskyj davor, dass der Krieg in jenen Landesteilen in Vergessenheit geraten könnte, in denen aktuell nicht gekämpft werde. Man dürfe nicht unvorsichtig sein, mahnte er. "Ukrainer sterben jeden Tag für unsere Unabhängigkeit." Der Krieg sei noch nicht vorbei. "Wir müssen noch weiter kämpfen."

Russland hatte am Samstag seine Offensive im Donbass im Osten der Ukraine verstärkt. Schwere Kämpfe meldete die Ukraine aus dem Bezirk Luhansk. Das ukrainische Militär erklärte, neun Vorstöße seien abgewehrt worden. Dabei sollen in den vergangenen 24 Stunden fünf Panzer und zehn gepanzerte Fahrzeuge zerstört worden sein. Um 20.00 Uhr MEZ sollen demnach an vier verschiedenen Orten die Gefechte angehalten haben. Die Angaben konnten nicht verifiziert werden.

Nach ukrainischen Angaben setzte die russische Armee an der gesamten Frontlinie im Donbass Flugzeuge, Artillerie, Panzer, Raketen, Mörser und Marschflugkörper für Angriffe auf öffentliche Infrastruktur und Wohngebiete ein. Dabei seien im Bezirk Donezk mindestens sieben Menschen getötet worden.

Kein Waffenstillstand "um jeden Preis"

Der Luhansker Gouverneur Serhij Gaidai teilte mit, die russischen Truppen versuchten Siewierodonesk zu zerstören, es werde von den Früh- bis in die Abendstunden gekämpft. Siewierodonesk wird zusammen mit seiner Zwillingsstadt Lysytschansk auf der anderen Seite des Flusses Siwerskiy Donets seit Beginn des Krieges von ukrainischen Truppen trotz zahlreicher Angriffe gehalten. Nach Angaben Gaidais zerstörten die Russen am Samstag eine Brücke zwischen beiden Städten.

Unterdessen bekräftigte der ukrainische Unterhändler Mychailo Podoljak, es werde keinen Waffenstillstand um den Preis territorialer Abtretungen geben. "Die (russischen) Streitkräfte müssen das Land verlassen, und danach wird die Wiederaufnahme des Friedensprozesses möglich sein", sagte er Reuters. Ein Waffenstillstand werde nur dazu führen, dass Russland sich neu formieren werde, um dann umso heftiger anzugreifen.

Ungeachtet der Niederlage in der Hafenstadt Mariupol hat die ukrainische Armee nach Überzeugung von Präsident Wolodymyr Selenskyj Russlands Streitkräften großen Schaden zugefügt. Die Ukraine habe der russischen Armee "das Rückgrat gebrochen", sagte Selenskyj in einem am Samstag ausgestrahlten Fernsehinterview. "Sie werden die nächsten Jahre nicht mehr auf die Beine kommen", sagte der 44-Jährige.

Kurz zuvor hatten sich die letzten mehr als 2.400 ukrainischen Verteidiger der Hafenstadt im Südosten des Landes ergeben und in russische Gefangenschaft begeben.

Kiew will sich "alles zurückholen"

Kiew werde sich alles zurückholen, betonte Selenskyj. Eine Rückkehr zu den Frontlinien von vor dem 24. Februar - der Tag, an dem Russlands Angriffskrieg begann - werde bereits als Sieg gelten. "Das wird bedeuten, dass sie uns nicht erobert und wir unser Land verteidigt haben", sagte der Staatschef. Der Weg dorthin werde jedoch sehr schwierig. Am Ende stehe dann die Diplomatie.

Selenskyj pocht auf eine Ausweitung der Sanktionen gegen Russland. Nach einem Telefonat mit dem italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi unterstrich er die Notwendigkeit, dass die Blockade der ukrainischen Seehäfen aufgehoben wird. In einem Tweet dankte er Draghi für die bedingungslose Unterstützung des Wunsches, Mitglied der Europäischen Union zu werden.

Der Krieg in der Ukraine kann nach Ansicht von Selenskyj letztlich nur durch Diplomatie beendet werden. Der Krieg werde "blutig sein, es wird heftige Kämpfe geben, aber endgültig enden wird er nur durch Diplomatie", sagte der Staatschef am Samstag dem ukrainischen Fernsehsender ICTV. "Es gibt Dinge, die wir nur am Verhandlungstisch erreichen können." Die Ergebnisse der Verhandlungen müssten "gerecht" für die Ukraine sein.

Quelle: Agenturen / Redaktion / koa