S.P. RECORDS/YouTube

Polnisches Radio verbannt regierungskritischen Song aus Charts

20. Mai 2020 · Lesedauer 4 min

Kurz nachdem ein Song, der PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski kritisiert, die Spitze der Radiocharts erklimmt, verschwindet er. Der staatliche Sender erklärt die Wahl für manipuliert.

"Let's hope you never leave old friend" sang Freddie Mercury im Jahr 1984 im Queen-Hit "Radio Gaga" und befürchtete, das Medium könnte zu einem Hintergrundgeräusch degradiert werden. 36 Jahre später wird es im Vergleich zu Fernsehen und Internet wenig genutzt, erfreut sich aber weiterhin Beliebtheit. In Polen steht es im Mittelpunkt einer politischen Auseinandersetzung, die hohe Wellen schlägt. 

Stein des Anstoßes sind die Musikcharts im dritten Radioprogramm. Polskie Radio 3, im Volksmund Trójka (Die Drei) genannt, wurde vor 60 Jahren in Zeiten der Volksrepublik gegründet und ist das dritte Programm der öffentlich-rechtlichen Hörfunkanstalt. Rock, Pop und auch Jazz werden bis heute gespielt. In der Lista przebojów (Hitliste) können Hörer für ihre beliebtesten Songs abstimmen, denen sie dann auf Sendung lauschen können. 

Keine Spuren

Weil die Abstimmung vom Wochenende verschwunden ist, in der der Song "Twój ból jest lepszy niż mój" (Dein Schmerz ist besser als meiner) des Rock-Veterans Kazik zur Nummer eins gewählt wurde, regt sich großer Protest. Der populäre Moderator Marek Niedzwiecki nahm seinen Hut, bekannte Künstler solidarisierten sich und möchten nicht mehr, dass ihre Titel in den Äther geschickt werden.

Alle Hinweise auf den Song und die aktuellen Charts verschwanden von der Website. Der 57-jährige Sänger Kazik ist eine musikalische Institution und gilt als Rebell. In den 1980er Jahren kritisierte er das sozialistische Regime, im demokratischen Polen die gewählten Machthaber. Bei den MTV Music Awards 2001 wurde Kazik mit dem Preis für die beste polnische Band ausgezeichnet, den er jedoch ablehnte – weil er der Vereinnahmung seiner Musik durch Vermarktung und Kommerz ablehnend gegenübersteht.

Diese Unangepasstheit besitzt er bis heute. Sein Song kritisiert subtil PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski, der obwohl er einfacher Abgeordneter ist als politischer Strippenzieher der Dritten Republik gilt, ohne ihn explizit zu nennen. Kaczynski verärgerte viele Polen, weil während den verordneten Corona-Eindämmungsmaßnahmen der Regierung von Ministerpräsident Mateusz Morawiecki, die das Verbot große Friedhöfe aufzusuchen beinhalteten, das Grab seiner Mutter besuchte. 

Orwell im Dritten

Kazik singt u.a. über eine Mutter namens Maria, deren kleine Tochter vor vier Jahren in einem Verkehrsunfall ums Leben kam und das Grab des Mädchens nicht besuchen darf. Polnische Medien berichteten über die regierungskritische Nummer eins, kurz darauf waren weder die Hitliste, noch der Song auf der Webseite aufrufbar: "Error 500.19", der für Serverfehler steht, bekamen User zu lesen. Die Wochenzeitung Polityka titelte "Orwell w Trojce", Orwell im Dritten Programm. 

Chefredakteur Kowalczewski machte zuerst unterschiedliche Angaben zu den Gründen, weshalb der Song durch Manipulation die Topplatzierung belegte. Mal habe der Song eine niedrigere Position erreicht, dann soll er gar nicht erst auf der Wahlliste gestanden haben. Im Onlineportal Onet wurde letztere Aussage widerlegt. Am 18. Mai erklärte das Radio, wie die Abstimmung manipuliert wurde: "Die Hörer geben ihre Stimmen auf einer spezialen Seite ab, auf der sie sich einloggen müssen. Sie werden automatisch gezählt. In der folgenden Etappe der Vorbereitungen zur Liste steht die Eliminierung der Stimmen, bei der es Zweifel gibt, beispielsweise wenn zu sehen ist, dass Computerprogramme das Verhalten der User imitieren." Bei der Abstimmung soll Moderator Niedzwiecki eigenmächtig vorgegangen sein und den Song mit generierten Stimmen auf die Nummer eins gehievt haben. Ohne die Analyse vorgenommen zu haben, wäre Kazik mit 1157 Stimmen auf Rang vier gelandet, nach Abzügen auf Platz zwei. Der Sender gab zudem an, die Wahl in Zukunft transparenter machen zu wollen. 

Protestwellen für Protestsong

Kritiker stellen sich auf die Seite des Moderators und rufen zum Boykott auf. Der Sänger selbst, dessen Song auf YouTube bisher über fünf Millionen Mal aufgerufen wurde, äußerte sich auf Facebook kurz zu dem Streit und möchte, dass der Song nicht mehr auf dem Sender gespielt wird. Die "Chart-Affäre" und die Stellung des öffentlichen Radios und Fernsehen dürften ein großes Wahlkampfthema werden. Die PiS ordnete sich beides unter, die zur Hauptsendezeit ausgestrahlten Nachrichten geben gänzlich die Parteilinie wieder. 

Der Termin zur Präsidentenwahl steht noch nicht fest. Rafal Trzaskowski, Kandidat der Oppositionspartei PO, beschwerte sich auf Twitter über Zensur wie in kommunistischen Zeiten und ging in seiner ersten Pressekonferenz in den Angriffsmodus über: "Wir werden das öffentliche Fernsehen durch ein neues ersetzen, ohne Informationskanal, ohne Nachrichten, ohne politische Redaktion. Also ohne all das, was unser öffentliches Leben heute so vergiftet. Denn leider hat die Regierungspartei PiS die öffentlichen Medien komplett diskreditiert." Den Journalisten des Senders TVP sprach er eine offene Drohung aus: "Beeilt euch, Fragen zu stellen. Es bleibt nicht mehr viel Zeit."  

 

Radoslaw ZakQuelle: Redaktion / zak