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Nordkorea feuert Mittelstreckenrakete über Japan

03. Okt. 2022 · Lesedauer 5 min

Beim jüngsten nordkoreanischen Raketentest hat eine ballistische Rakete am Dienstag erstmals seit fünf Jahren den Norden Japans überflogen. Die Rakete sei außerhalb des japanischen Meeresgebiet, 3.000 Kilometer von der Küste entfernt, in den Pazifischen Ozean gestürzt, so Regierungssprecher Hirokazu Matsuno. Mit 4.600 Kilometer handle es sich um die weiteste horizontale Reichweite einer nordkoreanischen Rakete. Südkorea feuerte daraufhin zwei Präzisionsbomben ab.

Nach Angaben des südkoreanischen Militärs handelte es sich bei der nordkoreanischen Rakete offenbar um eine ballistische Mittelstreckenrakete (IRBM), die aus dem Gebiet Mupyong-Ri in der Provinz Jagang nahe der chinesischen Grenze gestartet wurde. In der Provinz hat Nordkorea in jüngster Zeit mehrere Starts durchgeführt, darunter eigenen Angaben zufolge auch von Hyperschallraketen. Laut dem japanischen Verteidigungsminister Yasukazu Hamada könne es sich um eine Hwasong-12-Rakete gehandelt haben. Es handelt sich laut Angaben des südkoreanischen Militärs um Nordkoreas ersten Start einer Mittelstreckenrakete seit über acht Monaten.

US-Präsident Joe Biden hat den jüngsten Raketentest auf Schärfste verurteilt. Japans Regierungschef Fumio Kishida und Biden hätten den Test in einem Telefonat als "eine Gefahr für das japanische Volk" bezeichnet, teilte das Weiße Haus am Dienstag mit. Es handle sich um "eine Destabilisierung der Region und ein klaren Verstoß gegen Resolutionen des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen". Biden und Kishida haben dem Weißen Haus zufolge vereinbart, "ihre unmittelbare und längerfristige Reaktion" weiterhin sowohl bilateral, als auch mit Südkorea und der internationalen Gemeinschaft eng koordinieren zu wollen.

UN-Generalsekretär António Guterres hat den Raketentest ebenso verurteilt. "Dies ist eindeutig eine Eskalation, etwas, das der Generalsekretär verurteilt", sagte Sprecher Stephane Dujarric am Dienstag in New York. Eine Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel sei nötig. Die Einheit des UN-Sicherheitsrates in der Frage "extrem" wichtig - eine Sitzung des wichtigsten Gremiums der Vereinten Nationen könnte Diplomatenangaben zufolge bereits am Mittwoch stattfinden.

Südkoreas Streitkräfte feuerten indessen in Reaktion auf Nordkoreas jüngsten Raketentest zwei Präzisionsbomben ab. Wie die Nachrichtenagentur Yonhap am Dienstag unter Berufung auf das südkoreanische Militär berichtete, wurden die Bomben von einem Kampfflugzeug des Modells F-15K über der unbewohnten Insel Jikdo im Gelben Meer abgeworfen. Zudem habe man gemeinsam mit US-amerikanischen Kampfflugzeugen des Typs F-16 Flugmanöver abgehalten. Das Gelbe Meer wird von China und der koreanischen Halbinsel umrandet.

"Die Serie von Aktionen Nordkoreas einschließlich der wiederholten Starts ballistischer Raketen bedroht den Frieden und die Sicherheit Japans, der Region und der internationalen Gemeinschaft und stellt eine ernsthafte Herausforderung für die gesamte internationale Gemeinschaft einschließlich Japans dar", sagte Regierungssprecher, Hirokazu Matsuno, in einer kurzen Pressekonferenz am Dienstag. Auf die Frage, ob Japan Sanktionen gegen Nordkorea verhängen werde, meinte er, dass man angemessene Schritte mit Verbündeten abspreche.

Der südkoreanische Präsident Yoon Suk-yeol verurteilte den Raketenüberflug als "rücksichtslose Provokation" und kündigte eine "strenge Antwort" an. Die USA berieten mit Südkorea und Japan über eine Reaktion. Der Nationale Sicherheitsberater im Weißen Haus, Jake Sullivan, habe in zwei separaten Telefonaten mit seinen Kollegen über "angemessene und handfeste, gemeinsame und internationale Antworten" beraten, erklärte die Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrates des Weißen Hauses, Adrienne Watson, am Montagabend (Ortszeit). EU-Ratspräsident Charles Michel ächtete den Raketentest in einer Nachricht auf dem sozialen Netzwerk Twitter als "ungerechtfertigte Aggression und eine unverhohlene Verletzung internationalen Rechts" und bekräftigte die Solidarität mit Südkorea und Japan. Nordkorea würde die Sicherheit in der Region vorsätzlich gefährden.

Bisher schickte Nordkorea die meisten Raketen auf eine steile Flugbahn Richtung Weltraum, was zu einem Einschlagspunkt in der Nähe des Startplatzes führte und Überflüge der Nachbarländer vermied. Ein Über- oder Vorbeiflug an Japan ermögliche es den nordkoreanischen Wissenschaftern jedoch, Raketen unter Bedingungen zu testen, "die repräsentativer für die Konditionen sind, denen sie im realen Einsatz ausgesetzt wären", erklärte Ankit Panda von der US-Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden.

Das Frühwarnsystem J-Alert wurde in zwei nördlichen Provinzen Japans ausgelöst. Die japanische Regierung hatte seine Bürger auf der Insel Hokkaido und in der Präfektur Aomori über Lautsprecher, Fernsehen und Handy-Benachrichtigungen aufgefordert, Schutz in Häusern oder unterirdisch zu suchen. Laut dem Nachrichtenportal "The Japan Times" seien auch die Izu-Inseln und Ogasawara-Inseln, Teile der Präfektur Tokio, betroffen gewesen. Der Zugverkehr in den nördlichen Regionen Japans wurde ausgesetzt. Es gebe bisher keine Berichte über Schäden an Flugzeugen oder Schiffen.

Es war das erste Mal seit fünf Jahren, dass eine nordkoreanische Rakete über japanisches Hoheitsgebiet flog. Südkorea und die USA befürchten, dass Pjöngjang in naher Zukunft erstmals seit 2017 wieder einen Atomwaffentest vornehmen könnte.

Der jüngste Test war der fünfte Nordkoreas innerhalb von zehn Tagen. Die Südkorea, die USA und Japan hatten vergangene Woche erstmals seit fünf Jahren trilaterale Übungen zur U-Boot-Bekämpfung abgehalten. Pjöngjang sieht dieses Militärmanöver als Provokation. Mit den Raketenstarts, die in diesem Jahr ungewöhnlich häufig sind, verstößt Nordkorea gegen UNO-Resolutionen, die die Tests von atombombenfähigen Raketen untersagen.

Südkoreas Verteidigungsminister Lee Jong-sup warnte in einer Parlamentsansprache, dass Nordkorea im Mai Vorbereitungen für einen erneuten Atombombentest abgeschlossen habe. Von Geheimdienstquellen informierte südkoreanische Abgeordnete gingen vergangenen Mittwoch von einem Atombombentest Ende Oktober bis Anfang September aus. Nordkorea verfügt nach Diplomatenangaben über Nuklearwaffen und ballistische Raketen. Bisher wurden beide Waffensysteme jedoch noch nicht erfolgreich zu einer Atomrakete zusammengeführt.

Quelle: Agenturen