APA - Austria Presse Agentur

"Lage in griechischen Flüchtlingscamps kann explodieren"

27. März 2020 · Lesedauer 5 min

Obwohl es in Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln noch keine Corona-Infektion gibt, sind die Ärzte ohne Grenzen (MSF) besorgt. "Überfüllte Orte sind der beste Platz zur Verbreitung der Krankheit", sagte Apostolos Veizis, medizinischer Leiter von MSF Griechenland, zur APA. Die Zustände in den Lagern seien schlimm: "Wir sind besorgt, weil wir denken, die Situation kann explodieren."

Die Menschen in den Lagern seien mehreren Risikofaktoren ausgesetzt, die sie krank machen und die Verbreitung von Krankheiten erleichtern können, ergänzte Veizis. Mehr als 40.000 Menschen leben in den Lagern auf fünf Inseln, die Kapazität eigentlich nur für 6.000 hätten. Maßnahmen wie Distanz einhalten seien dabei unmöglich. In Zelten von drei Meter Durchmesser leben rund sechs Personen, berichtete der Experte, der sich gerade in Athen aufhält.

Hinzu kämen "unhygienische Bedingungen" und ein großer Mangel an sanitären Einrichtungen. "Die Menschen leben zwischen Müll." Veizis berichtete: Im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos etwa gebe es einen Bereich, in dem 5.000 Menschen keinen Zugang zu Wasser, Toiletten oder Elektrizität hätten. "Sie verrichten ihre Notdurft unter freiem Himmel. 1.300 Menschen teilen sich eine Wasserstelle. Eine Toilette ist für 167 Menschen, eine Dusche für mehr als 200 Menschen da."

Zugang zu medizinischer Versorgung hätte ein Großteil der Asylwerber nur im Notfall. Auf Lesbos gebe es drei Ärzte für rund 20.000 Bewohner. Selbst Krankheiten, die eigentlich verhindert werden könnten zum Beispiel durch eine Masernimpfung, brachen aus. Außerdem gebe es viele psychische und physische Krankheiten in den Lagern. Kinder hegen laut SOS Kinderdorf Suizidgedanken. Sechs von zehn Bewohnern seien unter 12 Jahre alt, 15 Prozent davon unbegleitete Minderjährige, so Veizis.

Im Kampf gegen das Coronavirus hat die griechische Regierung die Camps praktisch unter Quarantäne gestellt. Von 7 Uhr abends bis 7 Uhr in der Früh dürften sich die Bewohner nicht frei bewegen. Die Möglichkeit, tagsüber aus dem Lager rauszugehen, sei stark eingeschränkt worden. Für die Asylwerber bedeute das "mehr Angst, mehr Stress", was zu mehr Gewalt führen könne, erklärte Veizis. Schon mehrmals kam es zu aggressiven Auseinandersetzungen oder Bränden.

Die Nichtregierungsorganisation bereitet sich nun gemeinsam mit den Behörden auf einen möglichen Corona-Ausbruch vor. So würden Möglichkeiten für Untersuchungen eingerichtet, sowie für Isolation und Triage, also die Trennung von Infizierten. Die Lagerbewohner seien über das Virus informiert worden. Außerdem kooperiere MSF mit den Spitälern zur Erhöhung der Kapazitäten.

Ärzte ohne Grenzen fordert die Evakuierung der Lager. Herausgeholt werden sollten insbesondere jene Menschen, die besonders gefährdet sind wie etwa chronisch Kranke. Gefordert sei hierbei nicht nur die griechische Regierung sondern auch die EU. Veizis hofft sehr auf Solidarität der EU-Länder, dass diese in der Krise gerade auf die Verletzlichsten nicht vergessen. Einsperren und abschirmen von Flüchtlingen erachtet er jedenfalls als keine Lösung: "Krankheiten kennen keine Grenzen und Identitäten von Patienten."

Ein Appell zur Evakuierung der Flüchtlingslager auf den Inseln der griechischen Ägäis bekam unterdessen großen Zuspruch. Mittlerweile wird dieser von mehr als 300 NGOs in Europa unterstützt, womit sich die Zahl in den vergangenen vier Tagen bereits mehr als verdoppelt hat, wie aus einer Aussendung vom Freitag hervorgeht.

"Der dringende Appell zur Evakuierung der Flüchtlingslager in Griechenland hat breiteste Unterstützung gefunden", betonte Lukas Gahleitner-Gertz, Sprecher der asylkoordination österreich, die den Appell koordiniert. "Das sind zum Teil sehr große internationale Organisationen, wie die Caritas Europa, SOLIDAR, Pro Asyl, die Schweizerische Flüchtlingshilfe oder PICUM." Aber auch viele italienische NGOs hätten sich trotz der schlimmen Lage im eigenen Land durch die Coronavirus-Pandemie solidarisch erklärt.

Es sei erfreulich, dass zudem hohe kirchliche Würdenträger wie die Bischöfe Hermann Glettler (Innsbruck) und Michael Chalupka (Evangelische Kirch A.B. in Österreich) und sehr viele kirchliche Organisationen hinter dem Appell stünden. Dies zeige, "dass es auch in Österreich ein starkes Bewusstsein zu Flüchtlingsrechten und humanitären Verpflichtungen gibt, mehr, als die Regierungspolitik wahrhaben will", so Gahleitner-Gertz.

Der Appell sei bewusst in Österreich lanciert worden, "um ein Gegengewicht zur hartnäckigen Weigerung der ÖVP, evakuierte Flüchtlinge in Österreich aufzunehmen, zu setzen". Erst am Donnerstag hatte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) von einer "Verhärtung" seiner Position in dieser Frage gesprochen. "Meine Position hat sich nicht geändert, ich würde sagen, sie ist sogar noch verschärft worden", bekräftigte der 33-Jährige bei einer Pressekonferenz in Wien.

In den vergangenen Tagen häuften sich Meldungen über Essensrationierung und Einstellung der Trinkwasserversorgung in Moria, dem größten Lager auf der drittgrößten griechischen Insel Lesbos. Es sei eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis das Coronavirus in den Flüchtlingslagern ausbreche, "in diesem Fall droht eine humanitäre Katastrophe," warnen die Initiatoren des Appells.

Unterstützung erhofft man sich vom Europäischen Parlament. So forderte der Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres (LIBE) bereits am Dienstag eine Evakuierung der 42.000 Flüchtlinge von den Inseln als "dringende präventive Maßnahme". Der spanische LIBE-Vorsitzende Juan Fernando Lopez Aguilar betonte darüber hinaus, dass es wichtig sei, den Druck auf die Mitgliedsländer zu erhöhen, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus den Lagern aufzunehmen.

Die Grünen plädieren im Gegensatz zur ihrem Koalitionspartner ÖVP dafür, dass sich Österreich in der EU an einer Hilfsaktion für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge beteiligen soll. Allerdings sieht Vizekanzler Werner Kogler vor allem die griechische Regierung in der Pflicht, die Versorgung der Flüchtlinge im Land so zu organisieren, dass die Gefahr einer Ansteckung mit dem Coronavirus möglichst reduziert werde.

Quelle: Agenturen