Karner sieht "undurchsichtiges Vorgehen" der russischen Armee

21. Apr. 2022 · Lesedauer 3 min

Offizier und Militärexperte Gerald Karner vermutet im Gespräch mit PULS 24, dass die russischen Truppen versuchten "Schwachstellen" in der ukrainischen Frontlinie zu finden. Angebote und Aussagen des tschetschenischen Befehlshaber Ramsan Kadyrow kann man "kaum Glauben schenken".

Militärexperte Gerald Karner erklärt im Interview mit PULS 24, dass aktuell die Angriffe der russischen Armee "prinzipiell entlang der gesamten Frontlinie" passieren, welche ungefähr 480 bis 500 Kilometer lang ist. Diese Angriffe finden allerdings "punktuell" statt, weswegen der Offizier vermutet, dass die russischen Truppen "Schwachstellen" in der ukrainischen Aufstellung zu identifizieren versuchen und dann dort in weiterer Folge mit intensiveren Angriffen reagieren zu können.

Soldaten "scheibchenweise" einsetzen 

Für Karner stellt sich die Situation momentan so dar, dass die russischen Streitkräfte die neu aufgestellten, neu regenerierten und neu eingezogenen Soldaten "scheibchenweise" einsetzen, um hier möglichst "schnell erste Erfolge" erzielen zu können. Sollte sich dies bewahrheiten, könnte man diese Angriffe allerdings auch leichter abwehren. "Ein relativ undurchsichtiges Vorgehen", findet der Militärexperte für den abzuwarten bleibt, ob die angekündigte und erwartete "Großoffensive wirklich passieren wird".

Schwierige Lage in Mariupol 

Angesprochen auf die Situation im der Hafenstadt Mariupol – in welcher sich die letzten ukrainischen Streitkräfte in einem Stahlwerk verschanzt haben – meint Karner, dass es eine "Lösung des Problems" in Mariupol brauche. Die russischen Kräfte sind anscheinend "nicht bereit oder nicht in der Lage den letzten Kern der ukrainischen Verteidigung (…) aufzubrechen" – das würde nämlich auch eine "kräfteraubende" Operation benötigen, welche hohe Verluste auf beiden Seiten bedeuten würde.

Für den Militärexperten spricht allerdings "nichts dafür, dass es in den nächsten Tagen funktionieren wird", da alle anderen Verhandlungen in letzter Zeit auch gescheitert sind bzw. Vereinbarungen - vor allem durch die russische Seite - nicht eingehalten worden sind. So könne man auch den Aussagen von Ramsan Kadyrow – den Befehlshaber der tschetschenischen Truppen in der russischen Armee – kaum Glauben schenken, findet Karner.

Dieser habe vor kurzem den ukrainischen Soldaten im Stahlwerk angeboten, dass wenn sie sich schnell ergeben, von der russischen Armee "die richtige Entscheidung getroffen" werden wird, wie mit ihnen umzugehen sei. Die Aussagen von Kadyrow "sind undurchsichtig und bewusst kryptisch gewählt", erklärt Karner, der diese Aussagen eher als "Drohung" erkennen würde und nicht als Angebot.

Ermittlungen gegen Kriegsverbrechen

Inzwischen wurden weitere Massengräber im Kiewer Vorort Borodjanka entdeckt. Angesprochen auf die Ermittlungen gegen Kriegsverbrecher erklärt Karner, dass dieser Krieg zwar nicht der erste sei, in welchem mithilfe von forensischen Methoden dadurch "gesorgt wird, dass Kriegsverbrechen geahndet werden". In diesem Konflikt werden allerdings mehr Mittel eingesetzt als bei anderen Kriegen. Die russische Seite habe laut dem Militärexperten nicht damit gerechnet, dass z.B. Satellitenbilder eingesetzt werden, oder viele Beobachter und Ermittelnde direkt vor Ort sind. "Das wurde von den Verbrechern nicht bedacht", meint Karner.

Natürlich bleibt allerdings die Frage der "Ahndung dieser Verbrechen". Dass man der Kriegsverbrecher habhaft wird, wird laut Karner "nicht von heute auf morgen möglich sein". Er kann sich eher eine Situation wie nach dem Krieg in Ex-Jugoslawien vorstellen – man sollte also von "mehreren Jahren ausgehen".

Dazu brauche es laut dem Offizier auch "militärische und politische" Veränderungen, welche es dann erlauben würden, dass "die verantwortlichen Militärs und Politiker" ausgeliefert werden. Es sei allerdings jetzt schon wichtig, "die Botschaft zu senden", dass sich kein Kriegsverbrecher sicher sein kann, nicht vor Gericht zu stellen", erklärt Karner.

Quelle: Redaktion / foj