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Kämpfe bei südukrainischer Stadt Cherson dauern an

06. Nov. 2022 · Lesedauer 4 min

Am Sonntag fanden um die südukrainische Stadt Cherson schwere Kämpfe statt.

Schwere Kämpfe haben auch am Sonntag die Region um die südukrainische Stadt Cherson erschüttert. Nach Darstellung des Generalstabs der ukrainischen Streitkräfte wurde in Kachowka ein Gebäude zerstört, in dem sich rund 200 russische Soldaten aufhielten. Die Folgen dieses Angriffs würden von russischer Seite "sorgfältig verschleiert", hieß es. Präsident Wolodymyr Selenskyj berichtete zudem von hohen russischen Verlusten bei Angriffen in der östlichen Region Donezk.

Zudem bereite Russland neue Attacken auf die ukrainische Infrastruktur vor, sagte Selenskyj am Sonntagabend in seiner nächtlichen Videoansprache. Er gehe davon aus, dass Russland seine Streitkräfte für eine mögliche Wiederholung der Massenangriffe auf die Infrastruktur zusammenziehe. Neuerlich kritisierte er die iranischen Waffenlieferungen an Russland. Diese würden den Krieg "verlängern". Ohne die Unterstützung Teherans für Moskau "wären wir schon näher an einem Frieden", sagte der ukrainische Staatschef.

Die ukrainische Armee berichtete, dass bei Radensk in der Region Cherson eine Kolonne gepanzerter russischer Fahrzeuge zerstört worden sei. Die Besatzer hätten in großem Stil Schiffe zerstört, die am Ufer des Dnipro-Flusses in Cherson vertäut sind. Ein Sprecher des ukrainischen Generalstabs teilt mit, dass Treibstoff aus den zerstörten Schiffen austrete. Außerdem wirft er den russischen Streitkräften vor, Motoren und andere Geräte aus den Schiffen beschlagnahmt zu haben. Vom russischen Verteidigungsministerium lag zunächst keine Stellungnahme vor.

Eine unabhängige Überprüfung der Berichte war nicht möglich. Zuvor hatten ukrainische Behörden in mehreren südukrainischen Städten von russischem Artillerie- und Raketenbeschuss berichtet. Betroffen war etwa Saporischschja.

Nach russischer Darstellung wurde indes der Staudamm des Kachowka-Stausees in Cherson durch ukrainischen Beschuss beschädigt. Die von russischen Truppen gehaltene Anlage sei von einer Himars-Rakete getroffen worden, zitiert die russische Nachrichtenagentur TASS einen Vertreter des Katastrophenschutzes. Eine Rakete habe dabei eine Schleuse des Kachowka-Damms getroffen, hieß es.

"Alles ist unter Kontrolle", zitierte die Nachrichtenagentur RIA Nowosti einen lokalen pro-russischen Behördenvertreter. Eines der Geschosse sei zwar am Damm eingeschlagen, "hat aber keine kritischen Schäden verursacht".

Wasserkraftwerk unter russischer Kontrolle

Der Staudamm des Wasserkraftwerks Kachowka liegt am Fluss Dnipro in der Region Cherson, die derzeit von russischen Truppen kontrolliert wird. Ein kilometerlanges Absperrbauwerk, das in Teilen aus einer Mauer und einem Damm besteht, staut den Fluss. Die Anlage versorgt vor allem die bereits im Jahr 2014 annektierte Krim-Halbinsel mit Wasser.

Mehr als 80 Orte, darunter Cherson, befänden sich bei einer Explosion in der schnellen Überschwemmungszone, warnte Präsident Wolodymyr Selenskyj. Eine Unterbrechung der Wasserversorgung in der Südukraine würde demnach auch das Kühlsystem des Atomkraftwerks Saporischschja beeinträchtigen.

In Saporischschja sei ein Gebäude der zivilen Infrastruktur zerstört worden, teilte ein Mitarbeiter des Stadtrates mit. Ein Mensch sei in Saporischschja getötet worden. Auch benachbarte Gebäude seien beschädigt worden. Im Gebiet Dnipropetrowsk schlugen demnach Geschoße aus Rohrartillerie und Mehrfachraketenwerfern in der Stadt Nikopol sowie den Orten Myrowe und Marhanez ein. In Myrowe sei ein neunjähriges Mädchen verletzt worden, schrieb der Vorsitzende des Gebietsparlaments, Mykola Lukaschuk, auf Telegram.

Die getroffenen Orte liegen am nördlichen Ufer des Dnipro. Russische Truppen haben das Südufer besetzt und können von dort unter anderem aus dem Schutz des Kernkraftwerks Saporischschja heraus schießen.

Munitionsdepot getroffen

Das russische Verteidigungsministerium teilte mit, in Saporischschja sei ein Munitionsdepot der ukrainischen Armee getroffen worden. In Cherson ist einem russischen Agenturbericht zufolge der Strom ausgefallen. Die Ursache sei noch unklar, meldete RIA Nowosti und beruft sich auf den örtlichen Energieversorger.

Kiews Bürgermeister Witali Klitschko schließt wegen der Schäden am Energiesystem ein Blackout in der ukrainischen Hauptstadt nicht aus. "Wir tun alles, damit es nicht so weit kommt. Aber wir wollen offen sein: Unsere Feinde tun alles dafür, damit diese Stadt ohne Heizung, ohne Strom, ohne Wasserversorgung dasteht - allgemein: dass wir alle sterben", sagte Klitschko am Samstagabend im ukrainischen Fernsehen.

Die Bürgerinnen und Bürger sollten Vorräte für einen solchen Fall anlegen und auch überlegen, zeitweise außerhalb der Stadt unterzukommen, so der Bürgermeister.

In Kiew lebten derzeit etwa drei Millionen Menschen, darunter 350.000 Binnenflüchtlinge aus anderen Teilen der Ukraine, sagte Klitschko. Bei einem Zusammenbruch des Fernwärmesystems bereite sich die Stadt darauf vor, 1.000 Wärmestuben einzurichten. Die Überlegungen der Verwaltung gingen sogar so weit, die Stadt bei einem Blackout vollständig zu evakuieren, berichtete die Zeitung "New York Times". Kiew dementierte das später, wie die Nachrichtenagentur Ukrinform meldete.

Bei russischen Raketenangriffen auf die Energieversorgung der Ukraine sind auch die Anlagen in Kiew beschädigt worden. Die Stadt versucht, das Netz durch gestaffelte Stromabschaltungen zu stabilisieren. Ganze Stadtteile haben stundenweise kein Licht.

Quelle: Agenturen / frn