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Experte sieht Mobilmachung als Folge ukrainischer Offensive

21. Sept. 2022 · Lesedauer 4 min

Die vom russischen Präsidenten Wladimir Putin am Mittwoch verkündete Teilmobilmachung von bis zu 300.000 Reservisten ist eine logische Eskalationsstufe aufgrund der erfolgreichen ukrainischen Militäroffensive Anfang des Monats, die zu großen Geländegewinnen für die Ukraine geführt hat. "Die Erfolge der Ukraine haben das Pendel der Möglichkeiten für die russische Führung in die eskalatorische Richtung ausschlagen lassen", sagte Oberst Berthold Sandtner im Gespräch mit der APA.

Die ukrainische Offensive war sicher ein Brandbeschleuniger", so Sandtner, Referatsleiter Führungslehre und Forscher am Institut für höhere militärische Führung an der Landesverteidigungsakademie des Bundesministeriums für Landesverteidigung in Wien. Putin sei einerseits innenpolitisch unter Druck geraten, härter in der Ukraine vorzugehen. Andererseits sei Russland schon bisher keinen Millimeter von seinen strategischen Zielen die Ukraine betreffend abgerückt. Die Teilmobilmachung sei damit eine weitere Eskalation und Zeichen dafür, dass dieser Konflikt noch lange dauern werde. Er habe bei einer Studienreise im Baltikum und Polen kürzlich von dortigen Experten die Warnung gehört, dass der Westen die Nachhaltigkeit nicht unterschätzen sollte, mit der Russland und Putin ihre strategischen Ziele verfolgen.

Wie die angekündigte Teilmobilmachung im Detail aussehen wird, ist noch unklar. Es könnten einerseits kurzfristig Lücken in den bestehenden Verbänden geschlossen werden, vielleicht auch Soldaten die seit über 7 Monaten im Einsatz stehen, ausgetauscht werden, und auch neue Einheiten aufgestellt werden. Letzteres würde Monate dauern, erklärt Sandtner. Es müssen die Reservisten einberufen, zu militärischen Einheiten formiert und deren Feldverwendungsfähigkeit durch Ausbildungsmaßnahmen zumindest zu einem gewissen Grad hergestellt werden. Das benötigte Gerät müsste großteils aus der Langzeitkonservierung geholt werden. "Das alles dauert. Erschwerend kommt dazu, dass derzeit der Großteil des russischen Berufsmilitärs in der Ukraine im Einsatz ist." Diese Männer fehlen für die Mobilmachung, denn sie müssten die Reservisten formieren und ausbilden.

300.000 Mann wären das Doppelte von dem, womit Russland am Beginn des Kriegs im Februar in der Ukraine einmarschiert ist. Damals sei man von 150.000 russischen Soldaten ausgegangen, die eingesetzt wurden. Der Personalmangel sei von Anfang an eine der größten Herausforderungen für die Russen gewesen, das wolle man nun jedenfalls wettmachen.

Nach den Folgen der Teilmobilmachung gefragt, antwortet Sandtner: "Unmittelbar, morgen und übermorgen hat die Teilmobilmachung keine unmittelbaren Auswirkungen am Gefechtsfeld, aber die Ukraine und der Westen sind unter Zugzwang." Auch die ukrainische Seite müsse zusätzliche Soldaten mobilisieren und ausbilden. Das tue sie auch, so werden derzeit etwa 10.000 Ukrainer in Großbritannien ausgebildet. Die Ukraine werde aber auch weitere Waffen brauchen, allen voran schwere Waffen wie zum Beispiel Kampfpanzer, und das nicht nur aus Deutschland, wo derzeit eine politische Debatte darüber tobt.

Einen klaren Zusammenhang sieht Sandtner zwischen den angekündigten Referenden über einen Beitritt zu Russland in den besetzen Gebieten und der Mobilmachung. Mit den Referenden sollen die besetzten Gebiete zu russischem Territorium werden und das ändere die rechtlichen Bedingungen: "Russland verteidigt nicht mehr Russen im Ausland, sondern einen Teil Russlands." Auf die Verteidigung Russlands fuße die gesamte russische Wehrverfassung sowie die Nuklearwaffen-Doktrin, wonach ein Nuklearwaffeneinsatz bei souveränitätsgefährdenden Angriffen auf Russland möglich ist. "Wenn die Ukraine dort angreift, greift sie demnach Russland an."

Die heute neuerlich ausgesprochene nukleare Drohung Russlands, sieht Sandtner nicht als konkrete Bedrohung, sondern als "Darstellung der nuklearen Karte". "Es ist eine Drohgeste einer Person, die mit dem Rücken zur Wand steht. Putin will uns sagen: Wir eskalieren jetzt, wir machen mobil und werden die besetzten Gebiete anschließen und erinnert mit dieser Drohung daran, was die Anzahl der Atomsprengköpfe betrifft, die größte Nuklearmacht der Welt zu sein."

Das Fazit des Militärexperten lautet: Ein Krieg endet dann, wenn eine Seite ihre strategischen Ziele erreicht hat und das ist bei beiden Seiten nicht der Fall. Russland wolle einen Regimewechsel in der Ukraine herbeiführen und jedenfalls die besetzten Gebiete an Russland anschließen." Das ist bis jetzt nicht erreichet und zumindest die Annexion der besetzten Gebiet wird man weiter nachhaltig verfolgen." Die Ukraine wiederum habe angekündigt, jeden Zentimeter besetzten Gebiets, inklusive der Krim, befreien zu wollen. "Davon ist auch sie weit entfernt", so Sandtner.

Quelle: Agenturen