APA - Austria Presse Agentur

Erdogan will Rücknahme von Bidens Völkermord-Erklärung

26. Apr 2021 · Lesedauer 3 min

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat seinen US-Kollegen Joe Biden aufgefordert, die Einstufung der Massentötung von Armeniern vor mehr als 100 Jahren als Völkermord zurückzunehmen. Dieser "Fehltritt" Bidens belaste die Beziehungen, erklärte Erdogan am Montag. Die USA sollten zudem "einen Blick in den Spiegel werfen". Er gehe davon aus, beim NATO-Gipfel im Juni ein neues Kapitel mit Biden aufschlagen zu können, fügte Erdogan hinzu.

Biden habe über die "schmerzhaften Ereignisse" während des Ersten Weltkriegs vor mehr als einem Jahrhundert "haltlose, ungerechtfertigte und wahrheitswidrige" Aussagen gemacht, kritisierte Erdogan. Sie hätten keine rechtliche und historische Grundlage und hätten das türkische Volk betrübt.

Erdogan warf den USA vor, Druck von armenischen und anti-türkischen Interessengruppen nachgegeben zu haben. Das ändere aber nichts an der "zerstörerischen" Auswirkung der Aussagen auf die türkisch-amerikanischen Beziehungen.

Es war die erste öffentliche Reaktion des türkischen Staatsoberhaupts seit Bidens Erklärung am Samstag. Außenminister Mevlüt Cavusoglu hatte erklärt, die Entscheidung der USA basiere auf Populismus.

Biden hatte in einer vom Weißen Haus verbreiteten Mitteilung zum Gedenktag der Massaker am Samstag erklärt, "das amerikanische Volk ehrt all jene Armenier, die in dem Völkermord, der heute vor 106 Jahren begann, umgekommen sind." Der demokratische Politiker löste mit seiner Aussage ein Wahlkampfversprechen ein. Allerdings war er um Schadenbegrenzung bemüht. So betonte Biden, dass es bei der Erklärung nicht um eine Schuldzuweisung gehe, sondern darum, eine Wiederholung der damaligen Ereignisse zu verhindern. Hochrangige US-Regierungsvertreter betonten zugleich, wie sehr Washington an einer guten Partnerschaft mit Ankara gelegen sei.

Die aus dem Osmanischen Reich hervorgegangene Türkei erkennt zwar an, dass zahlreiche Armenier während des Ersten Weltkrieges getötet wurden. Dass es sich dabei um einen systematischen Völkermord handelte, für den die Regierung des Reiches verantwortlich gewesen sei, weist sie jedoch zurück. Der Nationalrat in Wien hatte bereits im April 2015 die Ermordung von 1,5 Millionen Armeniern offiziell als Völkermord bezeichnet, was zu einer Belastung der bilateralen Beziehungen zu Ankara führte. Ein Jahr später folgte auch der Deutsche Bundestag mit einer ähnlichen Erklärung.

Das Osmanische Reich war im Ersten Weltkrieg ein Bündnispartner von Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich, die beim Massenmord an den Armeniern wegschauten. In der deutschen Armee gab es sogar Befürworter des Genozids, weil die Armenier beschuldigt wurden, auf der Seite des gemeinsamen Kriegsfeindes Russland zu stehen. Dieses kämpfte mit Großbritannien und Frankreich gegen die drei "Mittelmächte".

Quelle: Agenturen