Cherson von Russland erobert

03. März 2022 · Lesedauer 4 min

Die ukrainischen Behörden haben die Einnahme der Hafenstadt Cherson im Süden der Ukraine durch die russische Armee bestätigt. Cherson ist die erste Großstadt, die Russland seit dem Einmarsch in die Ukraine vor einer Woche erobert hat.

Regionalverwaltungschef Gennady Lakhuta schrieb in der Nacht zum Donnerstag im Mitteilungsdienst Telegram, russische Besatzer seien in allen Stadtteilen und "sehr gefährlich".  Die russische Armee hatte die Einnahme von Cherson bereits Mittwoch früh gemeldet. Dies war zunächst allerdings von ukrainischer Seite dementiert worden.

Mehrere schwere Explosionen

In der ukrainischen Hauptstadt Kiew kam es in der Nacht auf Donnerstag zu mehreren schweren Explosionen. Auf Videos, die in sozialen Netzwerken geteilt wurden, waren mächtige Detonationen zu sehen. Zunächst war unklar, ob es sich etwa um einen Luftangriff handelt und was die Ziele gewesen sein könnten. Der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko schrieb im Nachrichtenkanal Telegram: "Der Feind versucht, in die Hauptstadt durchzubrechen."

Bereits zuvor war beim Einschlag eines Geschosses südlich des Hauptbahnhofs von Kiew mindestens ein Mensch verletzt worden. Ukrainische Medien berichteten zudem über Kämpfe in Vororten der Millionenstadt. Dabei soll ein russisches Flugzeug abgeschossen worden sein.

"Werden hier keinen Frieden haben"

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte den Gegnern seines Landes einen harten Kampf an. "Sie werden hier keinen Frieden haben, sie werden hier kein Essen haben, sie werden hier keine ruhige Minute haben", so der 44-Jährige in der Nacht auf Donnerstag in einer Videobotschaft. Besetzer würden von den Ukrainern nur eine Sache bekommen: "Eine solch heftige Gegenwehr, dass sie sich für immer daran erinnern, dass wir das Unsere nicht hergeben."

Innerhalb einer Woche seit dem Einmarsch Russlands habe die Ukraine Pläne durchkreuzt, die der "Feind" seit Jahren vorbereitet habe. Selenskyj sprach von fast 9.000 getöteten Russen. Der moralische Zustand der russischen Armee verschlechtere sich. Täglich würden russische Soldaten gefangen genommen. "Und sie sagen nur eine Sache: Sie wissen nicht, wofür sie hier sind", sagte der ukrainische Präsident.

Chersons Bürgermeister Ihor Kolychajew schrieb in einer offensichtlichen Anspielung auf russische Soldaten auf Facebook, er habe ein Gespräch mit "bewaffneten Gästen" geführt. Dabei habe er "gezeigt, dass wir nicht aggressiv sind, an der Sicherung der Stadt arbeiten und versuchen, mit den Folgen der Invasion fertigzuwerden". Er hab den Russen "keine Versprechungen gemacht" und sie "aufgefordert, nicht auf Menschen zu schießen".

Schwierigkeiten Tote zu bergen

Kolychajew rief eine Ausgangssperre aus und verhängte Beschränkungen über den Fahrzeugverkehr. "Bis jetzt läuft alles gut. Die Flagge, die über uns weht, ist die ukrainische. Und damit das so bleibt, müssen diese Forderungen respektiert werden", schrieb er.

Der Bürgermeister der 290.000-Einwohner-Stadt berichtete von "enormen Schwierigkeiten, die Toten zu bergen und zu begraben" sowie bei der Versorgung mit Essen und Medikamenten.

Cherson liegt unweit der 2014 von Russland annektierten Krim-Halbinsel. Auch die Hafenstadt Berdjansk wurde bereits von russischen Truppen erobert, ein Angriff auf die Hafenstadt Mariupol läuft. "Heute war der schwierigste und grausamste Tag der sieben Tage des Krieges", sagte Mariupols Bürgermeister Wadim Boitschenko in einem auf Telegram veröffentlichten Video. "Heute wollen sie uns einfach alle vernichten". Auch Wohngebäude würden von der russischen Armee beschossen. Wichtige Infrastruktur sei beschädigt: "Wir sind wieder ohne Licht, ohne Wasser, ohne Heizung", schilderte er.

USA kritisiert russische Streubomben

Die russische Armee nimmt nach Angaben der US-Regierung bei ihrem Angriffskrieg in der Ukraine zunehmend Zivilisten ins Visier. Russland bringe "extrem tödliche Waffen" ins Land, sagte die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Linda Thomas-Greenfield, am Mittwoch. Dies umfasse Streubomben und Vakuumbomben (thermobare Sprengköpfe), die international geächtet seien und "keinen Platz auf dem Schlachtfeld" hätten. Laut dem Genfer Übereinkommen über die Beschränkung bestimmter konventioneller Waffen aus dem Jahr 1980 ist der Einsatz jeglicher Brandbomben, wie es auch Vakuumbomben sind, gegen die Zivilbevölkerung oder zivile Objekte verboten. Der Einsatz von Streumunition ist laut der 2010 in Kraft getretenen Konvention gegen Streumunition verboten; diesem Abkommen haben sich allerdings weder Russland, noch die Ukraine, noch die USA angeschlossen.

Bei der russischen Offensive seien bereits "hunderte, wenn nicht tausende Zivilisten getötet oder verletzt worden", sagte US-Außenminister Antony Blinken. Die Folgen für die Bevölkerung seien "erschütternd". Das russische Militär greife Gebäude und Städte an, die "keine militärischen Ziele sind", betonte er: "Die humanitären Auswirkungen werden in den kommenden Tagen noch zunehmen."

Quelle: Agenturen