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Austro-Mikrodatenzentrum startet mit rund 40 Datensätzen

01. Juli 2022 · Lesedauer 5 min

Das bei der Statistik Austria angesiedelte Austrian Micro Data Center (AMDC) startet heute, Freitag, den operativen Betrieb. Damit erhalten ausgewiesene Forschungseinrichtungen unter strengen Datenschutzauflagen erstmals Zugang zu Mikrodaten aus Österreich. Für Statistik Austria-Generaldirektor Tobias Thomas hat das Projekt das Potenzial, den Umgang mit Daten hierzulande grundlegend zu ändern. Für viele Wissenschaftsbereiche eröffnen sich durch das AMDC neue Möglichkeiten.

Dies werde nicht nur zu Publikationen in hochrangigen wissenschaftlichen Fachjournalen, sondern auch zu wichtigen Erkenntnissen über gesellschaftliche und ökonomische Entwicklungen sowie zur evidenzbasierten Politikgestaltung führen, zeigte sich Thomas im Gespräch mit der APA überzeugt. So lasse sich etwa einer der Gretchenfragen der Gesellschafts- und Bildungspolitik auf den Zahn fühlen: Nämlich welche Mechanismen hinter dem in Österreich noch immer stark ausgeprägten Zusammenhang zwischen dem Bildungsniveau der Eltern und den Chancen der Kinder am Arbeitsmarkt stecken ("Bildungsvererbung"). Man könnte auch exakter analysieren, welche Covid-Hilfen für Firmen oder Teuerungsausgleichsmaßnahmen für Haushalte welche Effekte zeitigen.

Nach einer schon im vergangenen Jahr gestarteten Aufbauphase könne man nun wie geplant "live gehen", so Thomas. Mit dem neuen, datenschutzkonformen Zugang hieve sich Österreich von einem der hinteren Plätze international auf den Status quo von Vorreiterländern, wie etwa Dänemark oder den Niederlanden. "Das ist ein Meilenstein für den Wissenschaftsstandort Österreich", so der Statistik Austria-Chef. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem AMDC eine langjährige Forderung aus der Wissenschaftsgemeinde, die bisher für viele Fragestellungen auf internationale Daten ausweichen und die heimische Situation ausklammern musste.

Dementsprechend haben zahlreiche Forscher Projekte in ihren Schubladen. Man rechne auch mit einem relativ großen Andrang: Eine Umfrage der "Plattform Registerforschung" habe ergeben, dass für das kommende Jahr 80 bis 100 Anträge zu erwarten sind, erklärte Tobias Göllner, AMDC-Leiter bei Statistik Austria. Glücklicherweise habe man sich schon im Vorjahr Serverkapazitäten gesichert und konnte so die aktuellen Engpässe umgehen. In den vergangenen Monaten gab es eine Testphase mit "Friendly Users", wie dem Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO).

Die internen Abläufe und die Schnittstelle zu den nach Akkreditierung zugriffsberechtigten Forschungseinrichtungen - das sind im Gesetz definierte Institutionen wie zum Beispiel Universitäten oder die Akademie der Wissenschaften (ÖAW) - funktionieren und wurden in Tests als praktikabel bewertet. Die strengen Voraussetzungen zum Zugang zu Daten wie etwa pseudonymisierten Informationen aus dem Melderegister oder dem Bildungsstandregister definiert das Bundesstatistikgesetz. Zudem ließ man im Zuge des Aufbaus auch das Thema Informationssicherheit noch einmal von einer externen Stelle durchleuchten.

Ein zentrales Element ist eine Applikation, wo eingesehen werden kann, welche Daten im AMDC prinzipiell verfügbar sind. Wird eine Forschungsfrage formuliert, können die dafür notwendigen Informationen beantragt werden. Dazu bracht es eine Begründung. Der dann eigens erstellte "Forschungsdatenkörper" wird nach einer Prüfung aufgesetzt. In einem "virtuellen Arbeitszimmer" können Forscher dann Berechnungen durchführen. Personen oder Firmen sind nicht direkt zuordenbar. Die Daten bleiben immer bei der Statistik Austria, Zugang haben nur die speziellen Forschungseinrichtungen aus der Ferne.

Für Aufbau und Betrieb stellt das Bildungsministerium 505.000 Euro jährlich zur Verfügung. Dazu kommen Gelder von den Forschungsinstitutionen für die Nutzung der Services. Im ersten Schritt stellt Statistik Austria nun den Großteil der eigenen Daten zur Verfügung. "Wir starten mit rund 40 Mikrodatensätzen", betonte Thomas. Das Spektrum umfasst Bildungs-, Arbeitsmarkt-, Steuer- und Unternehmensdaten, demographische Kennwerte sowie Informationen zur Migration oder Binnenwanderung und sozioökonomischen Erhebungen. Weitere Daten würden noch aufgearbeitet und dann ebenso bereitgestellt. Für Statistik Austria sei das AMDC auch eine große Chance zur verstärkten Kooperation mit anderen Wissenschaftern, so Thomas - seines Zeichens selbst Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Düsseldorf.

Zusätzlich können dem Gesetz nach auch Forschungsinstitute selbst entsprechend pseudonymisierte Daten einbringen. Die dritte Quelle sind Informationen, die in öffentlichen Institutionen, wie den Ministerien liegen. Letztere können ihre Daten über eine gemeinsame Verordnung auf Basis des Forschungsorganisationsgesetzes mit dem Bildungsministerium zur Verfügung stellen. Eine erste einschlägige Verordnung des Bildungsressorts selbst ist in Vorbereitung, Minister Martin Polaschek (ÖVP) bezeichnete das AMDC am Freitag als "Leuchtturmprojekt im Bereich der Data-Forschung". Gegen Ende des Jahres sollen erste Mikrodaten der Bundesverwaltung angeboten werden.

Für Thomas ist mit dem AMDC auch die Hoffnung verbunden, das gesamte "Datenökosystem" hierzulande deutlich zu verbessern. So könnten Informationen künftig einheitlicher verwaltet und aufbereitet und dem Prinzip, Daten nicht mehrfach zu erheben (Once-Only-Prinzip), mehr Rückenwind verschafft werden. In der Schweiz habe ein ähnliches Projekt beim dortigen Statistikamt erstmalig zu einem Gesamtüberblick der Daten öffentlicher Stellen auf Ebene des Bundes und der Kantone geführt. "Es wäre durchaus sinnvoll, wenn wir in Österreich auch solche Überlegungen zu einer zentralen Informationsstelle anstellen und dabei die Erfahrungen des AMDC und der Schweiz nutzen würden. Im fünften Jahrzehnt der digitalen Revolution können wir es uns nicht leisten, unsere Daten nicht besser zu nutzen", so Thomas.

(S E R V I C E - https://www.statistik.at/amdc)

Quelle: Agenturen