APA - Austria Presse Agentur

Anschlag in Wien: Trost und Trauer an den Orten des Grauens

09. Nov 2020 · Lesedauer 3 min

Einschusslöcher an einer Fassade, das kaputte Fenster eines Lokals, Dutzende Polizeimarkierungen am Boden: Eine Woche nach dem Terroranschlag in der Wiener Innenstadt sind die Spuren der Schreckensnacht im Partyviertel "Bermuda-Dreieck" immer noch deutlich sichtbar.

Am augenfälligsten sind allerdings die vielen Kerzen und Blumen, die Menschen als Ausdruck des Gedenkens an die vier Todesopfer und mehr als 20 Verletzten zu den Orten des Grauens gebracht haben.

Zeugnisse der stillen Anteilnahme finden sich am Montagvormittag an allen Schauplätzen, an denen der Täter am Abend des 2. November um sich geschossen und dabei Personen getötet oder teils schwer verletzt hat. Allein am Desider-Friedmann-Platz - dort, wo auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen und die Regierungsspitze am Tag nach dem Anschlag Kränze niedergelegt haben - stehen Tausende Kerzen. Einzelne brennen, ihre Flammen sind an diesem nebelig-tristen Novembertag auch bei Tageslicht gut zu sehen.

Dazwischen liegen Blumen und teils handgeschriebene Botschaften. "Liebe > Hass", "Peace is my religion" oder "Wien steht zusammen" ist darauf zu lesen. Auch ganze Briefe oder Gedichte haben Trauernde hier hinterlassen. Aus Teelichtern hat jemand den Schriftzug "KABUL WIEN" gelegt.

"Der Schmerz ist einfach... es gibt keine Wörter dafür"

Eugen Kaba, der Cousin der Anschlagsopfers Nedzip V. schildert im Gespräch mit PULS 24 Chronik-Chefreporterin Magdalena Punz, wie die Familie vom Tod des 21-Jährigen erfuhr und wie sie mit der Trauer umgehen.

Ein paar Schritte weiter befindet sich jenes Lokal, wo eine junge Kellnerin den Schüssen des IS-Sympathisanten zum Opfer gefallen ist. Auch hier ein Meer aus Kerzen, Blumen, Zeichnungen, Botschaften. "Wir sind in Gedanken bei unserer Kollegin und allen Opfern dieses Attentats", liest man. Dort, wo zwei Projektile Löcher in die Fensterscheibe geschlagen haben, steckt nun je eine Blume. "Wien lässt keinen Platz für Hass", lauten die tröstenden Worte auf einem Zettel darunter.

Nicht nur hier, sondern überall dort, wo bei dem Terroranschlag ein Mensch ums Leben gebracht wurde, bleiben Passanten - darunter auch Mitarbeiter von Bau- oder Handwerkerfirmen - stehen, halten inne, machen Handyfotos. Manche bekreuzigen sich. Gesprochen wird kaum oder lediglich gedämpft. Zwischendurch hört man jemanden fragen, was die von der Exekutive auf den Boden gesprayten Rechtecke, Kreise, Buchstaben und Zahlen wohl bedeuten könnten.

"Wer einen von uns angreift, der greift uns alle an"

In der Seitenstettengasse - von hier aus wurden der Polizei am Montagabend um ziemlich genau 20.00 Uhr die ersten Schüsse gemeldet - reicht der Halbkreis aus Kerzen und Blumen bis zur Straßenmitte. Unweit der Synagoge und der Israelitischen Kultusgemeinde baumeln zwei herzförmige Luftballons an einem Hydranten. "Wer einen von uns angreift, der greift uns alle an", kündet ein handgeschriebenes Plakat - versehen mit dem Hashtag "schleichdiduoaschloch".

Am Ruprechtsplatz, wo der Täter von der Polizei schließlich erschossen wurde, befindet sich seit kurzem eine besondere Trauerwand. Menschen sind eingeladen, ihre Nachricht auf herbstfarbene Baumblätter zu schreiben und sie mittels Klebeband an der Mauer zu befestigen. Dutzende sind der Aufforderung bereits gefolgt. Eine junge Frau überlegt kurz, nimmt dann den dort angebundenen schwarzen Stift und hinterlässt ihre Botschaft. Sie besteht nur aus einem Wort: "Liebe".

Quelle: Agenturen