APA - Austria Presse Agentur

Alles für die Fisch'? Warum die Fischerei ein Brexit-Knackpunkt ist

07. Dez 2020 · Lesedauer 2 min

Drei große Hürden stehen einer Brexit-Einigung entgegen, eine davon ist der Streit um Fischerei-Rechte. Hier treffen wirtschaftliche, symbolische und politische Interessen aufeinander.

Die Brexit-Verhandlungen sind auf der Zielgeraden - zumindest was den Zeitrahmen angeht. Bis 31. Dezember muss ein Vertrag ratifiziert sein, denn dann läuft die Übergangsfrist aus und ohne Vertrag tritt ein harter No-Deal-Brexit in Kraft. Eine Einigung scheitert aktuell an drei Punkten:

  • der Festlegung von fairen Wettbewerbsbedingungen,
  • der Einrichtung von Schlichtungsstellen bei Handelsdifferenzen und
  • den Fischerei-Rechten.

Dass gerade die Regelung der Fischerei so ein großer Streitpunkt ist, verwundert, wenn man sich die eher geringere wirtschaftliche Bedeutung ansieht. Der Fischsektor beschäftigt in Großbritannien insgesamt etwa 24.000 Menschen, mehr als die Hälfte davon in Schottland, und trägt weniger als 0,1 Prozent zum Bruttoinlandprodukt bei.

EU-Fangquoten gestehen Briten nur 40 Prozent zu

Aktuell regelt die EU, wie viel die Fischer der unterschiedlichen Länder in den jeweiligen Gewässern fangen dürfen. Vor allem für französische, belgische und niederländische Fischer sind die fischreichen britischen Gewässer wichtig. Den britischen Fischern steht laut aktueller EU-Regelung 40 Prozent des Fanges in ihren Gewässern zu - das kommt für sie einer Beleidigung gleich. Die EU will das beibehalten. Der britische Premier Boris Johnson will Fangquoten jedes Jahr neu aushandeln, wie es zwischen Norwegen und der EU Praxis ist.

In der stolzen Seenation Großbritannien ist dies seit Beginn des Brexits ein sehr emotionales Thema, die britischen Fischer fordern volle Souveränität über die eigenen Küsten. Johnson kann es sich kaum leisten, in dieser hochsymbolischen Frage nachzugeben, schließlich muss er den heimischen Fischern eine "Brexit-Dividende" zukommen lassen. Hinzu kommt, dass gerade in Schottland, wo mehr als die Hälfte des Fischereisektors ansässig ist, mit dem vollen Inkrafttreten des Brexits ein neues Unabhängigkeitsreferendum droht.

Maximalforderung und Verhandlungspoker

Falls Großbritannien aber die EU-Boote aus seinen Gewässern aussperrt, droht die EU im Gegenzug damit, britischen Fisch vom EU-Markt auszusperren, dorthin fließt nämlich mit rund 70 Prozent ein Großteil des Fangs der britischen Fischer. Das Vereinigte Königreich wiederum importiert den Fisch, der im Land verzehrt oder weiterverarbeitet wird, zu einem beträchtlichen Teil aus der EU.

Die EU-Forderung nach Beibehaltung des Status quo ist allerdings eine Maximalforderung, auf die zwar insbesondere Frankreich besteht, die etwa in Deutschland allerdings kaum Relevanz hat. Eine Einigung scheint also nicht ausgeschlossen, der Verhanldungspoker wird aber wohl bis zum letzten Moment weitergehen.

Stephan HoferQuelle: Redaktion / hos