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AKW Saporischschja: IAEA-Experten wollen dauerhaft bleiben

01. Sept. 2022 · Lesedauer 4 min

Atomexperten der Vereinten Nationen haben am Donnerstag ungeachtet anhaltender Kämpfe im Süden der Ukraine das von Russland besetzte AKW Saporischschja erreicht.

Der Chef der in Wien ansässigen Internationalen Atomenergie-Behörde IAEA, Rafael Grossi, erklärte anschließend auf Twitter seine Behörde werde nun vor Ort präsent bleiben. Russische Behörden hatten dagegen im Vorfeld angedeutet, der IAEA-Einsatz solle nur einen Tag dauern.

Grossi kündigte nach einem ersten mehrstündigen Aufenthalt an, seine Experten würden eine neutrale technische Begutachtung des Kraftwerkes vornehmen. "Wir gehen nirgendwo hin", sagte er Reportern zum weiteren Vorgehen. "Die IAEA ist jetzt vor Ort, sie ist in der Anlage und wird nicht weggehen - sie wird dort bleiben." Es gebe noch viel zu tun. Neun Experten einschließlich Grossi verließen am Nachmittag das Gelände und führen zurück in ukrainisches Gebiet, fünf blieben für weitere Untersuchungen vor Ort in dem Kraftwerk.

AKW unter Beschuss

Der Chef des ukrainischen Energiekonzerns Energoatom, Petro Kotin, sagte der Nachrichtenagentur Reuters zuvor, die IAEA-Mitglieder würden wohl bis Samstag bleiben. Kotin zufolge bemühen sich die ukrainischen Techniker, den fünften Reaktorblock von Saporischschja wieder in Gang zu bringen. Dieser war am Morgen nach einem Beschuss vom Netz genommen worden.

Das Atomkraftwerk ist mit sechs Reaktoren und einer Kapazität von 5.700 Megawatt die leistungsstärkste Nuklearanlage in Europa. Das Gelände und die dazugehörige Stadt Enerhodar wurden bereits kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs von den Besatzungstruppen erobert. Seither werden sie von einer moskauhörigen Militärverwaltung kontrolliert. Das Kraftwerk selbst wird jedoch weiterhin von ukrainischem Fachpersonal betrieben.

Kurz vor dem Eintreffen der Experten am Donnerstag in der Anlage, das unter massiver Präsenz russischer Truppen erfolgte, waren in der Umgebung erneut Kämpfe ausgebrochen. Ukrainer und Russen gaben sich gegenseitig die Schuld. Einer von zwei noch betriebenen Reaktoren des AKW wurde nach Angaben des ukrainischen Betreibers Enerhoatom nach russischem Beschuss heruntergefahren.

Große Sorgen vor Schäden

Die Atom-Experten mit IAEA-Chef Grossi an der Spitze sollen überprüfen, in welchem Zustand die Anlage mit ihren sechs Reaktoren ist, unter welchen Bedingungen die ukrainische Bedienungsmannschaft arbeitet, ob alles Nuklearmaterial noch vorhanden ist. Die Anlage und ihre Umgebung sind in den vergangenen Wochen immer wieder beschossen worden, wobei Russen und Ukrainer sich gegenseitig die Schuld zuschieben. International gab es große Sorge vor Schäden am Werk und einem Austritt von Radioaktivität.

Der ukrainische AKW-Betreiber Enerhoatom teilte mit, die Mitarbeiter seien Repressionen durch die russischen Besatzer ausgesetzt. Mehrere Mitarbeiter, die den Russen gegenüber nicht wohlgesonnen seien, seien verschwunden.

Internationale Rote Kreuz fordert Kampfende rund ums AKW

Das Internationale Rote Kreuz hat Russland und die Ukraine zu einem Ende der Kämpfe in der Nähe des Atomkraftwerks aufgefordert. "Es darf keine Kämpfe in, um, in Richtung und aus derartigen Einrichtungen wie dem AKW heraus geben", sagte der Leiter der Organisation, Robert Mardini, Journalisten am Donnerstag in Kiew. Bei einem "massiven Zwischenfall" in Europas größtem Kraftwerk im Süden der Ukraine gäbe es "nur noch wenig, was irgendjemand tun kann".

Russland hatte am 24. Februar mit dem Einmarsch in die benachbarte Ex-Sowjetrepublik begonnen. Kurz darauf eroberte es große Teile der südlichen Ukraine. In den vergangenen Tagen starteten das inzwischen mit moderneren Waffen aus dem Westen ausgerüstete ukrainische Militär eine seit längerem angekündigte Gegenoffensive. Diese erstrecke sich nicht nur auf den Süden, sondern auch den Osten des Landes, sagte Präsident Selenskyj in seiner abendlichen Ansprache. "Aktives militärisches Vorgehen findet jetzt entlang der gesamten Frontlinie statt: im Süden, in der Region Charkiw, im Donbass."

Offensive vorangetrieben

Britischen Geheimdiensten zufolge hat die Ukraine ihre Offensive im Süden des Landes vorangetrieben. Panzerverbände hätten seit Montag an mehreren Frontverläufen Angriffe gestartet und dabei unter Ausnutzung von Schwachstellen in der Verteidigung die russischen Streitkräfte stellenweise etwas zurückgedrängt. Das Verteidigungsministerium in Moskau erklärte dagegen, russische Truppen hätten die ukrainischen Streitkräfte zurückgeschlagen. Berichte aus dem Kampfgebiet können unabhängig nicht überprüft werden.

Die Regierung in Moskau bezeichnet ihr Vorgehen als Spezialoperation mit dem Ziel, militärische Kapazitäten der Ukraine zu zerstören und als gefährlich eingestufte Nationalisten zu bekämpfen. Die Ukraine und ihre Verbündeten sprechen von einem Angriffskrieg, in dem inzwischen Tausende Menschen getötet wurden. Millionen sind auf der Flucht.

Quelle: Agenturen / Redaktion / poz