Afghanistan: US-Regierung sieht "akute" Gefahr eines IS-Anschlags

22. Aug 2021 · Lesedauer 5 min

Die US-Regierung befürchtete einen Anschlag der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) am Flughafen Kabul oder in der Umgebung. Am Flughafen selbst herrschen Chaos und Verzweiflung. Im Gedränge der Menschenmasse verloren sieben Personen ihr Leben.

Die US-Regierung hat Medienberichte über die Gefahr eines Anschlags der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) am Flughafen Kabul oder in der Umgebung bestätigt. "Die Bedrohung ist real, sie ist akut, sie ist anhaltend", sagte der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, am Sonntag im Sender CNN. Eine Woche nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan versuchen die Taliban, das Chaos um den Kabuler Flughafen nach wie vor in den Griff zu bekommen.

"Wir arbeiten intensiv mit unseren Geheimdiensten zusammen, um herauszufinden, woher ein Angriff kommen könnte", sagte Sullivan. Man nehme die Warnungen "absolut todernst". Die militant-islamistischen Taliban und der regional aktive Zweig des IS sind verfeindet und haben in der Vergangenheit gegeneinander gekämpft.

"Herzzerreißende" Szenen am Flughafen

Sullivan sagte, die Szenen außerhalb des Flughafens seien herzzerreißend. "Wir arbeiten jede einzelne Minute, jede einzelne Stunde, jeden einzelnen Tag daran, so viel Ordnung und Sicherheit wie möglich herzustellen." Auch Amerikaner hätten Schwierigkeiten, durch das Chaos außerhalb des Flughafens zu gelangen. "Das ist eine logistische Herausforderung, an der wir in den letzten 72 Stunden gearbeitet haben. Wir glauben jetzt, dass wir alternative Methoden haben, um die Amerikaner zum Flughafen zu bringen." Sullivan machte keine Angaben dazu, um welche Methoden es sich handeln könnte.

US-Streitkräfte und ihre Koalitionspartner in Afghanistan haben seit Beginn der US-Evakuierungsmission vor gut einer Woche nach Angaben aus US-Regierungskreisen mehr als 25.000 Menschen aus Kabul ausgeflogen. Aus dem Weißen Haus hieß es am Sonntag, in den vorangegangenen 24 Stunden seien 3.900 Menschen an Bord von US-Militärflugzeugen und ebenso viele an Bord von Flugzeugen der Koalitionspartner in Sicherheit gebracht worden. Seit dem 14. August seien damit insgesamt 25.100 Menschen ausgeflogen worden. Seit Ende Juli - vor dem offiziellen Beginn der amerikanischen Evakuierungsmission - liege diese Zahl bei rund 30.000.

Evakuierungen fortgesetzt

Auch andere Länder setzten ihre Evakuierungen am Sonntag fort. So flog die deutsche Bundeswehr weitere 180 Menschen aus. Eine Maschine des Typs A400M sei auf dem Weg in die usbekische Hauptstadt Taschkent, schrieb die Bundeswehr am Sonntagnachmittag bei Twitter. Insgesamt hat die deutsche Armee bisher 2.500 Personen ausgeflogen. Die Niederlande verstärkten ihren militärischen Rettungseinsatz. Dafür seien am Sonntag weitere Soldaten nach Kabul aufgebrochen, teilte das Verteidigungsministerium in Den Haag mit. Sie sollen die 62 bereits vor Ort eingesetzten Militärangehörigen bei der Evakuierungsaktion unterstützen.

Der britische Evakuierungseinsatz in Kabul hat nach Angaben der britischen Regierung Fahrt aufgenommen. In den vergangenen 24 Stunden seien 1.721 Menschen in acht Maschinen der Royal Air Force ausgeflogen worden, teilte ein Staatssekretär des Verteidigungsministeriums am Sonntag mit. Anders als am Vortag gelinge es nun besser, geordnete Schlangen zu bilden, die Wartenden auf den Flughafen zu bringen und die Flüge zu koordinieren. Das liege auch daran, dass die Taliban dies nicht blockierten.

Die Regierung rief daher am Sonntag berechtigte britische Staatsbürger und Ortskräfte wieder auf, zum Flughafen zu kommen. Die Lage könne sich zwar wieder ändern, aber wenn sie bleibe wie aktuell, könne man eine große Anzahl an Menschen ausfliegen. Insgesamt habe man bisher mehr als 5.000 Menschen ausgeflogen, sagte der britische Botschafter in Kabul, Laurie Bristow, am Sonntagabend in einem Twitter-Video. Es gebe aber weiterhin extrem viel zu tun.

Luftschüsse der Taliban am Flughafen

Taliban schossen am Sonntag Augenzeugen zufolge vor dem Kabuler Flughafen in die Luft und setzten Schlagstöcke ein, um die zum Airport drängenden Menschen in geordnete Warteschlangen zu zwingen. Tausende von Menschen bemühten sich verzweifelt, Plätze in den Flugzeugen zu ergattern, mit denen westliche Länder ihre Landsleute und von Verfolgung bedrohte Afghanen außer Landes fliegen. In den Menschenmengen nahe des Flughafens kamen nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums allein am Samstag sieben afghanische Zivilisten ums Leben. In den vergangenen sieben Tagen habe es hier sogar mindestens 20 Tote gegeben, sagte ein NATO-Vertreter zu Reuters. "Unser Fokus ist die Evakuierung aller Ausländer so schnell wie möglich."

Unter den Toten außerhalb des Flughafens war einem Bericht der "New York Times" zufolge auch ein zweijähriges Mädchen. Die Tochter einer afghanischen Übersetzerin, die für eine amerikanische Firma in Kabul gearbeitet haben soll, wurde demnach am Samstag zu Tode getrampelt. "Ich habe reinen Terror gefühlt", sagte die Frau der Zeitung in einem Telefoninterview aus Kabul. "Ich konnte sie nicht retten."

Am frühen Nachmittag sagte der deutsche Brigadegeneral Jens Arlt, die Lage am Flughafen entspanne sich etwas. Grund dafür sei, dass sich in der Bevölkerung herumgesprochen habe, dass einige Tore zum Flughafen aus Sicherheitsgründen vorerst geschlossen blieben. "Das ist immer nur eine Momentaufnahme", schränkte Arlt jedoch ein.

Humanitäre Krise verschlimmert sich

Die humanitäre Lage in Afghanistan könnte sich deutlich verschärfen. Zwischen Jahresbeginn und Anfang August sind mehr als 550.000 Menschen in dem Krisenland wegen Gefechten aus ihren Städten und Dörfern geflohen. Das geht aus Daten der UNO-Agentur zur Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA) hervor. Im Vorjahr waren es im gleichen Zeitraum rund 165.000 Binnenflüchtlinge gewesen. Weitere fünf Millionen Menschen im Land gelten als Langzeitvertriebene.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das UNO-Kinderhilfswerk UNICEF warnen, dass die Versorgung von Millionen mit Arzneimitteln und anderen wichtigen Gütern immer schwieriger werde. Das dürfe in der Diskussion um Rettungsflüge nicht vergessen werden, teilten die beiden Organisationen mit. Mit 18 Millionen Menschen, die Hilfe benötigten, sei Afghanistan schon vor den Ereignissen der vergangenen Woche der drittgrößte humanitäre Einsatz weltweit gewesen.

Quelle: Redaktion / pea