APA - Austria Presse Agentur

Afghanistan: Taliban verkünden Sieg

15. Aug 2021 · Lesedauer 7 min

Die Taliban haben die Macht in Afghanistan übernommen. Ein führender Repräsentant der Taliban erklärte dies Sonntagnacht. Zu vor haben die Islamisten den Präsidentenpalast in Kabul eingenommen. Präsident Ghani rechtfertigte auf Facebook seine Flucht aus dem Land.

Dieser unerwartete Erfolg sei beispiellos in der Welt, sagte ein führender Repräsentant der Taliban, Mullah Baradar, am Sonntag in einer Videobotschaft. Zuvor waren die radikalislamischen Taliban ins Zentrum der Macht in Kabul vorgerückt. Dutzende bewaffnete Kämpfer der Miliz besetzten den Präsidentenpalast in der afghanischen Hauptstadt, wie auf Fernsehbildern zu sehen war. "Unser Land wurde befreit und die Mujaheddin haben in Afghanistan gesiegt", sagte einer von ihnen dem TV-Sender Al Jazeera. 

Die Taliban drangen am Sonntag in den Präsidentenpalast in Kabul ein und haben die politische Kontrolle in Afghanistan übernommen. Aufnahmen des Nachrichtensenders Al Jazeera zeigen eine Gruppe von Taliban-Kämpfern im Präsidentenpalast der afghanischen Hauptstadt Kabul. Umgeben von Bewaffneten wandten sich Führer der Gruppe an Journalisten, wie auf den Fernsehbildern zu sehen war. Es wird erwartet, dass die Taliban ihre Machtübernahme aus dem Palast verkünden werden.

Zuvor hat der afghanische Präsident Ashraf Ghani unter dem Druck des Taliban-Vormarsches Afghanistan am Sonntag verlassen. Ein hochrangiger Beamter des afghanischen Innenministeriums sagte, Ghani sei in das benachbarte Tadschikistan unterwegs. Verteidigungsminister Bismillah Khan Mohammadi kritisierte die Flucht Ghanis auf Twitter. Bildungsministerin Rangina Hamidi sprach von einer "wirklichen Schande". Auf Facebook erklärte Ghani, dass er geflohen sei, "um Blutvergießen zu vermeiden". 

Abdullah sagte in einem am Sonntag auf seiner Facebook-Seite veröffentlichten Video.: "Der frühere afghanische Präsident hat die Nation verlassen." Aus dem Präsidentenbüro in Kabul wurde das zunächst nicht bestätigt. Mit dem Verweis auf Gründe der Sicherheit könne man nichts zum Aufenthalt Ghanis sagen, hieß es gegenüber Reuters.

Nach ihrem überraschend schnellen Eroberungsfeldzug haben die radikal-islamischen Taliban die afghanische Hauptstadt Kabul erreicht und stehen nach 20 Jahren vor einer Rückkehr an die Macht. Gerade einmal gut ein Vierteljahr nach Beginn des internationalen Truppenabzugs rückten die Extremisten am Sonntag nach Angaben des Innenministeriums in die Stadt ein. Sie kämen "von allen Seiten", sagte ein ranghoher Ministeriumsvertreter der Nachrichtenagentur Reuters.

Taliban drangen nach Kabul ein

Die Taliban erklärten, mit der Regierung liefen Gespräche über eine friedliche Machtübergabe. Nach jüngsten Angaben eines Sprechers haben sie ihre Kämpfer angewiesen, in die Hauptstadt Kabul einzurücken, um Plünderungen zu verhindern. In Teilen der Hauptstadt warden Schüsse zu hören, nachdem zunächst nichts über Kämpfe bekannt geworden war. Mehr als 40 Menschen wurden nach Angaben eines Krankenhauses in Kabul bei Kämpfen am Stadtrand verletzt. Details wurden nicht genannt.

Koordinierungsrat für eine friedliche Übergabe

Nach der Flucht Ghanis sei ein Koordinierungsrat für eine friedliche Übergabe der Macht gebildet worden, teilte Ex-Präsident Hamid Karzai auf Facebook mit. Um Chaos angesichts des Vormarschs der islamistischen Taliban zu vermeiden, das Leiden der Menschen zu verringern und sich um Themen rund um Frieden zu kümmern, sei dieser Rat gebildet worden. Ihm gehörten der Vorsitzende Abdullah, der ehemalige Kriegsfürst Gulbuddin Hekmatjar und er selbst an. Der Rat bitte die Sicherheitskräfte der Regierung und die Sicherheitskräfte der Taliban, Zusammenstöße und Chaos zu vermeiden.

Neben Abdullah, der Ghani den "früheren Präsidenten" nannte, kritisierte Verteidigungsminister Bismillah Khan Mohammadi kritisierte die Flucht Ghanis. "Sie haben uns die Hände hinter unserem Rücken gefesselt und das Land verkauft", schrieb er auf Twitter ohne nähere Erläuterung. Ghani und seine Gruppe seien verdammt, schrieb er weiter. Bildungsministerin Rangina Hamidi sprach von einer "wirklichen Schande".

Zuvor hatte der kommissarische Innenminister Abdul Sattar Mirsakawal nach Angaben von TOLO News eine friedliche Übergabe an eine Übergangsregierung angekündigt: "Es wird keinen Angriff auf die Stadt (Kabul) geben". 

Die Taliban waren seit dem Beginn des Abzugs der internationalen Truppen im Mai nach einem fast 20-jährigem Einsatz in Afghanistan zuletzt immer schneller bis vor die Tore Kabuls vorgestoßen. In der vergangenen Woche eroberten sie eine Provinzhauptstadt nach der anderen, zuletzt auch die vorletzte große Stadt Jalalabad, wo sie nach Angaben eines Behördenvertreters kampflos einrückten. Auch brachten sie sämtliche großen Grenzübergänge und damit alle wichtigen Landwege in die Nachbarländer unter ihre Kontrolle.

Die Taliban erklärten, mit der Regierung liefen Gespräche über eine friedliche Machtübergabe. Nach jüngsten Angaben eines Sprechers haben sie ihre Kämpfer angewiesen, in die Hauptstadt Kabul einzurücken, um Plünderungen zu verhindern. Der in Katar ansässige Taliban-Vertreter Suhail Shahin versicherte, dass die Kämpfer der Taliban keine ausländischen Botschafter oder Staatsbürger angreifen würden: "Es wird kein Risiko für Diplomaten, Nichtregierungsorganisationen, für irgendjemanden geben." Die Ausländer könnten ihre Arbeit in Afghanistan fortsetzen. Der Taliban-Sprecher appellierte an die Ausländer, das Land nicht zu verlassen.

Botschaften werden geräumt

Schon in den Vortagen hatten die USA und andere westliche Staaten mit den Vorbereitungen zum Ausfliegen von Botschaftsangehörigen und anderer ihrer Staatsbürger aus Afghanistan begonnen. Österreich hat kein Botschaftspersonal in Kabul, der Amtsbereich Afghanistan wird von Islamabad aus betreut. Das Außenministerium in Wien weiß aktuell nur von einer Person mit österreichischer Staatsbürgerschaft, die sich derzeit noch in Afghanistan aufhält, wie eine Sprecherin am Sonntag auf APA-Anfrage mitteilte. Das Ministerium stehe mit der Person laufend in Kontakt, eine Ausreise sei geplant, hieß es. Weitere Österreicher hätten sich bisher nicht gemeldet.

Die Taliban hatten in Afghanistan bereits in den Jahren 1996 bis 2001 geherrscht, bis sie durch eine von den USA angeführte Militärinvasion gestürzt wurden. Shahin trat nun Befürchtungen entgegen, dass die Islamisten auf ähnlich drakonische Weise herrschen könnten wie damals: "Wir wollen mit jedem Afghanen zusammenarbeiten, wir wollen ein neues Kapitel des Friedens, der Toleranz, der friedlichen Koexistenz und nationalen Einheit für unser Land und das Volk von Afghanistan aufschlagen", beteuerte er.

Für US-Außenminister Antony Blinken ist die Evakuierung des Botschaftspersonals aus Afghanistans Hauptstadt Kabul die "Aufgabe Nummer eins". "Daran arbeiten wir gerade", sagte Blinken im US-Fernsehen am Sonntagmorgen (Ortszeit) in Washington. Das gelte auch für afghanische Helfer, die US-Truppen während des Einsatzes unterstützt haben. Blinken betonte: "Das ist nicht Saigon." Damit spielte auf die Niederlage der USA im Vietnamkrieg 1975 an. Damals gingen Bilder einer chaotischen Rettung des Botschaftspersonals aus Hanoi um die Welt. Blinken äußerte sich nicht zum Stand der Evakuierung in Kabul.

USA verteidigen Truppenabzug

Blinken verteidigte erneut den Truppenabzug. "Wir sind vor 20 Jahren nach Afghanistan gegangen, mit einer Mission", sagte er. Es sei darum gegangen, sich mit den Leuten zu befassen, welche die USA am 11. September 2001 angegriffen hätten. "Und wir haben diese Mission erfolgreich erfüllt", sagte Blinken. Er räumte allerdings ein, dass auch die USA von den Ereignissen in Afghanistan überrascht worden seien. "Wir sehen, das die Streitkräfte nicht in der Lage waren, das Land zu verteidigen - und zwar schneller, als wir es erwartet hatten", so der Minister.

Schon in den Vortagen hatten die USA und andere westliche Staaten mit den Vorbereitungen zum Ausfliegen von Botschaftsangehörigen und anderer ihrer Staatsbürger aus Afghanistan begonnen, darunter Deutschland, die Niederlande, Schweden oder Italien.

Österreich hat kein Botschaftspersonal in Kabul, der Amtsbereich Afghanistan wird von Islamabad aus betreut. Das Außenministerium in Wien weiß aktuell nur von einer Person mit österreichischer Staatsbürgerschaft, die sich derzeit noch in Afghanistan aufhält, wie eine Sprecherin am Sonntag auf APA-Anfrage mitteilte. Das Ministerium stehe mit der Person laufend in Kontakt, eine Ausreise sei geplant, hieß es. Weitere Österreicher hätten sich bisher nicht gemeldet. Ein US-Vertreter erklärte, die USA würden weiterhin den Flughafen von Kabul ansichern, damit Diplomaten und Nicht-Afghanen ausreisen könnten.

Quelle: Agenturen / Redaktion / koa