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Afghanistan-Gespräche in Wien

16. Sept. 2022 · Lesedauer 4 min

In Wien findet gerade eine Afghanistan-Konferenz statt, die sich mit der Zukunft des kriegsgebeutelten Landes befasst. Prominentester Teilnehmer ist der führende afghanische Widerstandskämpfer gegen die Taliban, Ahmad Massoud. Der Chef der Nationalen Widerstandsfront erklärte am Freitag vor Journalisten, dass es ohne eine inklusive afghanische Gesellschaft, repräsentiert durch eine legitime Regierung keinen Frieden geben könne. Der Dialog mit den Taliban werde angestrebt.

Rund 25 Politiker, Menschenrechtsaktivisten, Wissenschafter und andere afghanische Persönlichkeiten verschiedener ethnischer Gruppen waren am Donnerstag in Wien zusammengekommen. Fünf Personen waren online zugeschaltet. Die Organisation der Konferenz übernahm die das Österreichische Hilfskomitee für Afghanistan, wie der Spitzendiplomat Wolfgang Petritsch erläuterte. Die Gruppe um Massoud habe sich an die Privatstiftung gewandt, weil man "Österreich als Ort der Begegnung schätzt". Die Teilnehmer leben außerhalb von Afghanistan, Massoud selbst etwa in Tadschikistan im Exil.

Ziel der Konferenz sei es, "eine Vision und einen Weg zu einem friedlichen Afghanistan zu finden", sagte der Sohn des berühmten Widerstandskämpfers Ahmad Shah Massoud. Ein Jahr nach der Machtübernahme der Taliban in seinem Heimatland seien viele Menschen unzufrieden, verwies Massoud auf die humanitären, menschenrechtlichen, wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die Sicherheitsprobleme sowie die Unterdrückung von Mädchen und Frauen in Afghanistan. Vielen seien ins Ausland geflüchtet. "Zusammenhalt und Kooperation der verschiedenen Gruppen" seien entscheidend, betonte Massoud. Er wolle "die Taliban auf den Verhandlungstisch bringen, um eine legitime Regierung zu bekommen".

Dazu zählen die Oppositionellen auf Druck aus der afghanischen Bevölkerung und der internationalen Gemeinschaft. Afghanistan brauche die Aufmerksamkeit der Welt, sagte Massoud. Beinahe 23 "terroristische" Gruppen agierten in Afghanistan inklusive der Al Kaida, die auch seinen Vater 2001 getötet hatte. Massoud ergänzte, keine militärische Hilfe zu erbitten. "Afghanistan braucht keine militärische Lösung. Afghanistan benötigt eine politische Lösung."

Petritsch betonte, dass es bei der Wiener Konferenz um einen "politischen Prozess für ein demokratisches Afghanistan" gehe. "Wir wollen nicht, dass von hier zum Krieg aufgerufen wird. Das geschieht ja auch nicht." Er berichtete auch von Kontakten der Afghanen mit österreichischen Vertretern der Regierungsparteien und der Opposition. Österreich habe im Gegensatz zu anderen internationalen Playern keine Eigeninteressen. "Wir werden hier als ehrlicher Makler anerkannt", sagte der langjährige Friedensverhandler und Afghanistan-Kenner. Wichtig sei auch der internationale Druck. "Dass man nicht den Taliban allein das Afghanistan-Bild von heute überlässt, sondern dass man sieht, da gibt es ein anderes Afghanistan, das ein demokratische, inklusives Land möchte, ist ganz wichtig", sagte Petritsch zur APA.

Wie schwierig es wird, den Zusammenhalt herzustellen, zeigte sich am Rande der Konferenz. Verschiedene afghanische Gruppen demonstrierten vor dem Ort der Pressekonferenz gegen die Unterstützung von "Terroristen", "Verbrechern", "Mördern" und "Plünderern". Auch dass Massoud mit ehemaligen umstrittenen Regierungsmitgliedern kooperiert, wurde ihm vorgeworfen. Angesprochen auf die Vorwürfe sagte Massoud, dass er niemanden ausschließen und aus der Geschichte lernen wollen. "Spaltung war der Grund, warum wir gescheitert sind." Er äußerte außerdem Bedauern über die Kriegsverbrechen im Panjir-Tal im Norden Afghanistans während Kämpfen zwischen Taliban und der Nationalen Widerstandsfront. Nach seiner Darstellung habe es sich um systematische und angeordnete Taten der Taliban gehandelt.

Im Interview mit der "Presse" (Freitag-Ausgabe) erklärte Massoud, dass die Taliban 40.000 Mann im Panjir-Tal in Stellung gebracht hatten, auch "Kämpfer der Al-Kaida und anderer terroristischer Gruppen". Deswegen hätten sich seine Kämpfe in Seitentäler zurückgezogen. Die Zahl seiner Kämpfer bezifferte er mit "mehr als 3.000". Warum er trotz massiver Vorbehalte mit den Taliban verhandeln will, begründete Massoud pragmatisch: "weil das die Welt von uns will." Derzeit erhalte er "überhaupt keine" internationale Unterstützung. "Mit einem Bruchteil der Unterstützung, die die Ukraine erhält, könnten wir große Teile Afghanistans befreien", betonte Massoud gegenüber der Zeitung. Erneut kritisierte er den Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan, was die Machtübernahme der Taliban zur Folge hatte. "Der Westen hat uns Frieden, Demokratie, Menschen- und Frauenrechte, Zivilgesellschaft gepredigt. Und am 15. August des Vorjahres haben sie das alles vergessen."

Quelle: Agenturen