IS bekennt sich zu Anschlag auf Kabuler Flughafen

26. Aug 2021 · Lesedauer 7 min

Vor dem Flughafen in Kabul ist es laut Angaben des US-Verteidigungsministeriums zu zwei Explosionen gekommen. Es handelte sich wohl um einen Selbstmordanschlag. Die Terrorgruppe IS bekennt sich nun zum Anschlag.

Bei einem Anschlag beim Flughafen von Kabul sind am Donnerstag zahlreiche Menschen getötet worden. Unter den Toten sind nach Angaben der US-Regierung zwölf amerikanische Soldaten. Das sagte US-General Kenneth McKenzie, der das US-Zentralkommando Centcom führt, am Donnerstag in einer Videoschaltung mit Journalisten im Pentagon. 15 US-Soldaten seien verletzt worden. Der in Afghanistan aktive Ableger der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) reklamierte den Anschlag für sich.

Bereits zuvor hatten die USA den sogenannten IS-Khorasan für den Anschlag verantwortlich gemacht. Das US-Militär geht nicht davon aus, dass die militant-islamistischen Taliban ihre Finger im Spiel hatten. Auch die Taliban wollten, dass die US-Truppen bis zum 31. August das Land verließen, sagte Frank McKenzie, Chef des für die Region zuständigen Central Command der USA so McKenzie. Solange man dieses gemeinsame Ziel habe, sei die Zusammenarbeit mit den Taliban bisher sehr nützlich gewesen.

Der Angriff sei von mindestens zwei Selbstmordattentätern ausgeführt worden, so McKenzie. Nach den Detonationen hätten eine Reihe von IS-Kämpfern das Feuer auf Zivilisten und Soldaten eröffnet. Es sei mit weiteren Anschlägen der Extremistengruppe zu rechnen. Die USA würden jedoch dessen ungeachtet den Evakuierungseinsatz zu Ende führen. In Afghanistan dürften sich noch etwa 1.000 US-Bürger aufhalten, sagte McKenzie.

"Komplexe Attacke"

John Kirby, Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, spricht auf Twitter von einer "komplexen Attacke" vor dem Abbey Gate des Flughafens in Kabul. Die genaue Zahl der Toten und Verletzten ist noch nicht bekannt. Ein afghanischer Gesundheitsbeamter sagte, es seien mindestens 30 Tote und mindestens 120 Verletzte bestätigt worden. Ein anderer Gesundheitsbeamter sprach von mindestens 40 Toten und 120 Verwundeten. Beide Beamte sprachen unter der Bedingung der Anonymität, weil die Taliban sie angewiesen hatten, die Presse nicht zu informieren.

Ein Vertreter der Taliban zunächst von 13 Toten, darunter mehrere Kinder sowie Taliban-Mitglieder. Später sagte Taliban-Sprecher Zabiullah Mujahid von mindestens 52 Verletzten. Es habe auch Tote gegeben, allerdings sei die Zahl noch unklar. Unter den Dutzenden Verletzten sollen mehrere Taliban sein. Kirby spricht von einer "einer unbekannte Zahl von Opfern".

Nach Angaben der US-Regierung sind mehrere amerikanische Soldaten getötet worden - aktuell wird von 12 Soldaten gesprochen. Das teilte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby, am Donnerstag mit, ohne eine genaue Zahl zu nennen. Mehrere US-Soldaten seien verletzt worden, auch mehrere Afghanen seien der Attacke zum Opfer gefallen.

Auch eine Notaufnahme in Kabul teilt via Twitter mit, dass bisher rund 60 Verletzte von der Explosion bei ihnen eingetroffen sein sollen.

Zwei Explosionen und Schüsse

Dan Sabbagh vom "Guardian" sowie das türkische Verteidigungsministerium berichten sogar von zwei Explosionen. Laut Sabbagh hat sich die zweite Explosion in der Nähe des Baron Hotels ereignet. Die Meldungen bestätigte Kirby am Abend. Das Hotel liegt in unmittelbarer Nähe zum Flughafen.

Vor dem Abbey Gate des Flughafens hatten sich in den vergangenen Tagen zahlreiche afghanische Flüchtlinge versammelt.

Ein Vertreter der Taliban verurteilte den Angriff am Flughafen. "Angriffe auf unschuldige Zivilisten sind Terrorakte", sagt ein Vertreter der Islamisten dem türkischen TV-Sender Habertürk. Dass solche Angriffe stattfänden, liege an der Anwesenheit ausländischer Truppen. 

Google Maps/PULS 24

US-Truppen sollen Tränengas eingesetzt haben

Nach der Explosion hätten US-Soldaten an einem anderen Flughafengate Tränengas eingesetzt, um die Menschen auseinander zu treiben, sagte ein Bewohner Kabuls, der an diesem Gate war. Er schätzte, zu dem Zeitpunkt seien dort 2.000 bis 4.000 Menschen gestanden. Mehrere Frauen und Mädchen seien durch das Tränengas verletzt worden.

Westliche Geheimdienste hatten zuletzt vor möglichen IS-Anschlägen in Kabul gewarnt. Die IS-Miliz und die Afghanistan jetzt regierenden radikalislamischen Taliban sind verfeindet.

Auswirkungen auf Evakuierungen unklar

Wie sich der Zwischenfall auf die laufenden Evakuierungen auswirken würde, war zunächst unklar. Ein auf Twitter geteiltes Bild, das offenbar vom Inneren des Flughafengeländes aufgenommen wurde, zeigte eine große Rauchwolke. Der lokale Fernsehsender ToloNews veröffentlichte auf Twitter Bilder, auf denen zu sehen ist, wie Verletzte in Schubkarren transportiert werden.

PULS 24 Chefredakteur Stefan Kaltenbrunner spricht von einer "hoch dramatischen Lage" rund um den Flughafen in Kabul nach zwei Explosionen.

Derzeit laufen die Evakuierungsmissionen auf dem Flughafen auf Hochtouren, da diese in wenigen Tagen voraussichtlich ihr Ende finden werden. Nach Angaben von US-Behörden vom Mittwoch flogen westliche Streitkräfte allein in den vergangenen 24 Stunden rund 19.000 Menschen mit 90 militärischen Frachtflugzeugen aus Kabul aus. Bisher sind es laut Pentagon insgesamt mehr als 88.000 Personen gewesen.

Deutschland stellt Evakuierungen offenbar ein

Am Donnerstag stellte Kanada die Evakuierungen ein und folgen damit Belgien, Dänemark und Polen. Die Niederlande planten ebenfalls noch am Donnerstag die Rettungsflüge zu stoppen, Frankreich für Freitag. Der Evakuierungseinsatz der deutschen Bundeswehr soll am Donnerstag ebenfalls zu einem Ende gekommen sein. Offenbar sind die drei letzten geplanten Bundeswehrmaschinen aus Kabul gestartet. 

Wie das österreichische Außenministerium in Wien mitteilte, arbeite das Krisenteam vor Ort weiterhin vehement daran, Österreicher und Afghanen mit einem Aufenthaltstitel in Österreich zu retten. Kritik an den Rettungsmaßnahmen gab es seitens der SPÖ.

Britische Rettungsmission wird fortgesetzt

Die britischen Streitkräfte wollen ihre Evakuierungsmission trotz des tödlichen Anschlags am Flughafen in Kabul fortsetzen. Das sagte Premierminister Boris Johnson nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts am Donnerstagabend. Der Premier verurteilte die Tat als "barbarisch" und sprach den USA sowie "dem afghanischen Volk" sein Beileid aus. Es habe sich wohl um eine Serie von Attacken gehandelt, so Johnson weiter.

Zu geheimdienstlichen Erkenntnissen über die Hintergründe wollte er sich nicht äußern. Es sei aber "beinahe sicher", dass auch Mitglieder der Taliban unter den Opfern seien, so Johnson. Mit dem Fortschritt der Evakuierungen zeigte sich Johnson zufrieden. Der größte Teil derjenigen, die evakuiert werden sollten, sei bereits außer Landes gebracht.

Afghanen auf der Flucht

Unterdessen verlassen immer mehr Afghanen ihr Heimatland in Richtung Pakistan. Aktuell überquerten jeden Tag mindestens 10.000 Afghanen die Grenze, so ein Grenzbeamter. Zuvor seien es an normalen Tagen etwa 4.000 gewesen.

Südkorea teilte mit, dass das Land knapp 400 Afghanen aufnimmt. Die Balkanländer Albanien und Kosovo haben ebenfalls ihre Bereitschaft bekräftigt, tausende Afghanen zumindest vorübergehend aufzunehmen.

Keine Österreicher betroffen

Angesichts der Terrorgefahr und den zu Ende gehenden Evakuierungsflügen wird eine Evakuierung der Österreicher aus Afghanistan immer schwieriger. Es gebe keine Hinweise, dass bei dem Anschlag am Donnerstag Österreicher zu Schaden gekommen seien, teilte das Außenministerium der APA auf Anfrage mit. Die Bemühungen, Österreicher und Personen mit österreichischer Aufenthaltserlaubnis bei der Ausreise zu unterstützen, liefen mit Hochdruck weiter, hieß es.

Stockhammer: "Taliban werden sicher nicht tatenlos zusehen"

"Die Krisenteams des Außenministeriums werden in den Nachbarländern ihre Bemühungen fortsetzen, die Österreicher vor Ort bestmöglich zu unterstützen", sagte Ministeriumssprecherin Gabriele Juen. Auch an den Grenzen zu den Nachbarländern sollen die Österreicher und legal in Österreich lebende Afghanen, die noch in Afghanistan auf eine Ausreise warten, bestmöglich bei einer möglichen Ausreise über den Landweg unterstützt werden, nachdem Länder wie Deutschland ihre Evakuierungsflüge beendet haben.

Nach Angaben von Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) warten "noch zwei, drei Dutzend" Menschen mit afghanischen Wurzeln auf die Ausreise nach Österreich. Laut Außenministerium kommen aber täglich neue Ansuchen hinzu. 89 Menschen wurden bisher aus Afghanistan gebracht. Allerdings organisiert Österreich keine eigenen Evakuierungsflüge, sondern bat andere Länder - darunter Deutschland -, die betroffenen Personen mitzunehmen.

Krisentreffen der Vetomächte

UN-Generalsekretär António Guterres lud angesichts der chaotischen Situation und der angespannten Sicherheitslage in Afghanistan die Vetomächte zu einem Krisentreffen ein. Diplomatenkreisen zufolge sollen die Botschafter der USA, Chinas, Russlands, Großbritanniens und Frankreichs am Montag in New York mit dem UN-Chef zusammenkommen, um sich über die Lage auszutauschen.

Trump: Anschlag "hätte nie passieren dürfen"

Der Terroranschlag hätte nach Ansicht von Ex-Präsident Donald Trump "nie passieren dürfen". Er spreche den Familien der getöteten und verletzten Soldaten sowie den Angehörigen der zivilen Opfer sein Beileid aus, erklärte Trump am Donnerstag. "Diese Tragödie hätte nie passieren dürfen, was unsere Trauer noch größer und schwerer zu begreifen macht", erklärte Trump.

Seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan Mitte August hatte der Republikaner fast täglich Erklärungen verschickt, in dem er seinem Nachfolger, dem Demokraten Joe Biden, große Vorwürfe machte. In seiner jüngsten Stellungnahme zu dem Anschlag gab es aber keine offenen politischen Angriffe oder Schuldzuweisungen.

Quelle: Agenturen / Redaktion / apb