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4 Jahre Ukraine-Krieg - Energiekrise provoziert Vertreibung

Heute, 13:35 · Lesedauer 3 min

Seit Ende des vergangenen Jahres nehmen russische Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur zu, was laut IOM zu einem Anstieg von Binnenvertriebenen führen könnte. Der eingeschränkte Zugang zu Strom und Heizung bei winterlichen Temperaturen verleite derzeit viele Ukrainerinnen und Ukrainer dazu, zumindest zeitweise ihr Zuhause zu verlassen, berichtet die Internationale Organisation für Migration (IOM).

Eine aktuelle Erhebung der UNO-Migrationsorganisation legt nahe, dass schätzungsweise 325.000 ukrainische Rückkehrende aufgrund der anhaltenden Energiekrise in den kommenden Monaten zu Binnenvertriebenen werden könnten. Mehr als ein Drittel erwäge auch, wieder ins Ausland zu ziehen.

Russische Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine habe es laut Arthur Erken, Regionaldirektor der IOM für Europa und Zentralasien, bereits seit Kriegsbeginn gegeben. Seit 2025 beobachte IOM allerdings eine deutliche Zunahme. "Die Menschen ziehen nun nicht mehr ausschließlich wegen der Kampfhandlungen fort, sondern auch aufgrund der Energiekrise", erklärt Erken im Gespräch mit der APA. Dies könne eine Taktik sein, um die Bevölkerung zu zermürben und Regionen zu entvölkern.

Mehrere Regionen im Land seien laut dem IOM-Regionaldirektor von der Energiekrise betroffen - selbst im Westen, weit entfernt von der Front. Ziele seien dabei überwiegend Elektrizitätswerke, was indirekt auch die Warmwasserversorgung beeinflusse und zu flächendeckenden Strom- und Heizungsausfällen führe.

"Viele Vertriebene, darunter etwa 325.000 Rückkehrende, erwägen aufgrund der winterlichen Bedingungen, ihre Häuser erneut zu verlassen, da die Menschen Schwierigkeiten haben, an den Orten zu bleiben, an denen sie derzeit untergebracht sind", erklärt Erken. Ihnen stehen in temporären Unterkünften unter anderem Decken, Öfen und Heizgeräte zur Verfügung. IOM-Mitarbeitende unterstützen vor allem im Osten des Landes mit Reparaturen und Wohnrauminstandsetzung sowie mit der Wiederherstellung von Wasser- und Sanitäranlagen.

Große Finanzierungslücke bei Hilfsmaßnahmen

Der IOM-Krisenreaktionsplan für die Ukraine sieht für 2026 Mittel in Höhe von über 200 Millionen US-Dollar vor, um mehr als 700.000 vom Krieg betroffene Menschen im Land, darunter auch Binnenvertriebene, ausreichend zu unterstützen. Nur etwa 20 Prozent des geschätzten Bedarfs sei laut IOM derzeit finanziell gedeckt. Von der internationalen Gemeinschaft wünsche man sich daher vor allem finanzielle Hilfe. Zum einen für den bestmöglichen Wiederaufbau der Infrastruktur, zum anderen, um den Menschen vor Ort zu helfen, mit der Krise umzugehen.

Wie lang der Energienotstand im Land noch anhalten werde, kann Erken nicht sagen. Angriffe auf die Energieversorgung gebe es bereits seit Kriegsbeginn. Mit dem Frühling würden die Probleme voraussichtlich weniger gravierend, da der Energiebedarf zurückgehen wird. Die Widerstandsfähigkeit der Ukrainerinnen und Ukrainer sowie ihre Fähigkeit zum Wiederaufbau, die der IOM-Regionaldirektor bisher beobachten konnte, stimmen ihn hinsichtlich einer baldigen Wiederherstellung der Energieinfrastruktur optimistisch. Künftige Herausforderungen seien viel eher, ob es ausreichend Rückkehrende geben wird, die das Land wieder aufbauen, sowie ob es ausreichende Unterstützung für die mentale Gesundheit der Bevölkerung geben wird.

(Das Gespräch führte Katharina Nieschalk/APA)

Zusammenfassung
  • Seit Ende 2025 nehmen russische Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur massiv zu, was zu großflächigen Strom- und Heizungsausfällen auch in westlichen Regionen führt.
  • Schätzungsweise 325.000 Rückkehrende könnten laut IOM in den kommenden Monaten erneut zu Binnenvertriebenen werden, mehr als ein Drittel denkt sogar an Auswanderung ins Ausland.
  • Der IOM-Krisenreaktionsplan für 2026 sieht Hilfen für über 700.000 Menschen vor, doch bislang sind nur rund 20 Prozent der benötigten über 200 Millionen US-Dollar finanziert.