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Wiener Aktionismus Museum: Neueröffnung mit Nitsch-Schau

Heute, 13:58 · Lesedauer 4 min

Die frische Farbe, die man in den Räumen des Wiener Aktionismus Museums (WAM) riecht, stammt nicht von den Exponaten. Die Rinn- und Schüttbilder, die hier zu sehen sind, entstanden alle vor mindesten sechs Jahrzehnten. Das Privatmuseum in der Wiener Innenstadt wurde unter der Oberhoheit des langjährigen Albertina-Chefs Klaus Albrecht Schröder in den vergangenen Monaten umfassend umgebaut und erweitert. Eröffnet wird am Mittwoch mit der Schau "Hermann Nitsch 1960 bis 1965".

Zu sehen ist also "der frühe Nitsch", ein Werk, geschaffen von einem 22- bis 27-Jährigen, der sich mit seiner Arbeit radikal vom damals herrschenden Kunstverständnis löste, auf Unverständnis stieß und kriminalisiert wurde. "Es war ein Schlag in das Gesicht des Bürgers", sagte Schröder bei der Presseführung am Dienstag, in der er darauf hinwies, dass die nun gezeigten Arbeiten vier Jahrzehnte vor Nitschs erstem Sechs-Tage-Spiel entstanden seien. "Das ist nicht nur ein Anfang, sondern ein Fundament. Es enthält bereits alles, was ihn ausmacht."

Der verwinkelte Parcours der neuen Raumfolge, die nun auch durch Schließung von Fenstern die vierfache Hängefläche gegenüber dem Vorzustand aufweist, führt rasch ins Kellergeschoß. Das passt zu einem der Auftakt-Räume, der "die Gründungsurkunde des Wiener Aktionismus" enthält, nämlich das mehrere Meter lange "Blutorgelbild", das 1962 bei der legendären "Blutorgel"-Aktion im Wiener Perinetkeller entstand. Schwarz-Weiß-Fotos dokumentieren nicht nur die Aufregung, die diese Kunstaktion unter den Anrainern auslöste, sondern auch drei der daran beteiligten jungen Künstler: Hermann Nitsch, Otto Muehl und Günter Brus. Sie ließen sich für drei Tage in dem Lokal an der Grenze zwischen Leopoldstadt und Brigittenau einmauern. Vom damals dabei Geschaffenen sei praktisch nur das neun Meter lange und zwei Meter hohe Bild von Nitsch erhalten, sagte Schröder, der sich stolz zeigte, das Werk aus Leipzig als Leihgabe erhalten zu haben.

Neben einem kleinen Sidestep zu "Nitsch vor Nitsch", ein paar Bildern aus dem Früh-Frühwerk quasi, sind es Rinn- und Schüttbilder (Schröder: "ein fürchterlicher, ein formalistischer Ausdruck"), die einem vor Augen führen, dass die grundlegenden Überlegungen zu der Kunst des 2022 gestorbenen und ebenso bedeutenden wie umstrittenen Künstlers sehr früh angelegt waren. Anstelle des Bildes tritt immer stärker die Aktion, der künstlerische Akt, der später zu Nitschs Gesamtkunstwerk aus Ritual, Performance und Musik namens Orgien Mysterien Theater führt. Die Schlussetappen der mit 1965 abbrechenden Schau bilden Objekte, die die "Kasel", von Priestern getragene Messgewänder - "Nicht nur Ausdruck priesterlicher, sondern auch väterlicher Autorität", so Schröder - einbeziehen und zu Reliktmontagen mit Pflastern, Papiertaschentüchern, Mull- und Menstruationsbinden führen. Es gehe Nitsch um "die sich niemals schließende Wunde Mensch", führte der WAM-Direktor aus, und Sammlungsdirektorin Julia Moebus-Puck zeigte sich darüber erfreut, damit "einen Nitsch, den man nicht in allererster Linie erwartet", zeigen zu können.

Vor Muehl-Ausstellung wird Ethikcode erarbeitet

Die Nitsch-Ausstellung ist bis 5. Juli zu sehen. Danach soll eine Schausammlung zum Aktionismus gezeigt werden. Wie genau man künftig mit dem Werk von Otto Muehl umgehen wird - zu dem 2013 gestorbenen Aktionisten und Kommunengründer, der wegen Sittlichkeitsdelikten bis hin zur Vergewaltigung verurteilt wurde, plant das WAM eine Ausstellung -, hänge von einem Ethikcode ab, den man gerade zu den Bereichen Kunst und Verbrechen, Opfer und Schuld erarbeite, sagte Schröder auf Nachfrage.

Er wollte sich nicht im Detail dazu äußern, da das Werk von Nitsch derzeit im Zentrum des Hauses stehe, ließ aber größte Skepsis gegenüber dem Vorgehen von Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler (SPÖ) erkennen, der am Montag die Einsetzung eines Expert*innen-Rats zum Umgang mit Kunst in Gewaltkontexten angekündigt hatte. Er habe keinen Kontakt zu Babler und suche ihn auch nicht. "Wir zwei haben nicht sehr viel gemein. Das wird wahrscheinlich kein starker Dialog mehr zwischen uns." Er stelle sich aber immer häufiger die Frage, ob ein derart umfassendes Gestalten, wie er es beim Ausbau und der Neupositionierung der Albertina umsetzen konnte, unter heutigen politischen Verhältnissen überhaupt noch möglich wäre, so Schröder.

(S E R V I C E - "Hermann Nitsch 1960 bis 1965", Ausstellung im Wiener Aktionismus Museum, Wien 1, Weihburggasse 26. Eröffnung: 25.3., 17 Uhr, 26.3. bis 5.7., tgl. außer Mo., 11-18 Uhr, https://wieneraktionismus.at/ )

Zusammenfassung
  • Das Wiener Aktionismus Museum wurde nach umfassendem Umbau neu eröffnet und zeigt ab 25. März die Ausstellung 'Hermann Nitsch 1960 bis 1965' mit Werken aus dem radikalen Frühwerk des Künstlers.
  • Ein zentrales Exponat ist das etwa neun Meter lange und zwei Meter hohe 'Blutorgelbild' von 1962, das als wichtigstes Relikt der berühmten 'Blutorgel'-Aktion gilt.
  • Die Ausstellung läuft bis 5. Juli täglich außer Montag von 11 bis 18 Uhr, anschließend folgt eine Sammlung zum Wiener Aktionismus; für eine geplante Otto-Muehl-Ausstellung wird derzeit ein Ethikcode erarbeitet.