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Wiederentdeckung: Vicki Baums "Vor Rehen wird gewarnt"

06. Mai 2020 · Lesedauer 4 min

"Menschen im Hotel" ist ihr zweifelsohne bekanntestes Werk, "Vor Rehen wird gewarnt" eines ihrer schönsten. Nun wurde der lange in Vergessenheit geratene, 1951 erschienene Roman der in Wien geborenen Vicki Baum (1888-1960) wieder aufgelegt - ein Glücksfall für Liebhaber der gehobenen Belletristik, die ebenso psychologisch ausgefeilte wie auch bitter-humorige Menschenzeichnungen zu schätzen wissen.

"Menschen im Hotel" ist ihr zweifelsohne bekanntestes Werk, "Vor Rehen wird gewarnt" eines ihrer schönsten. Nun wurde der lange in Vergessenheit geratene, 1951 erschienene Roman der in Wien geborenen Vicki Baum (1888-1960) wieder aufgelegt - ein Glücksfall für Liebhaber der gehobenen Belletristik, die ebenso psychologisch ausgefeilte wie auch bitter-humorige Menschenzeichnungen zu schätzen wissen.

Anlass der Neuedition ist der 29. August - jährt sich doch an diesem Tage der Tod der Schriftstellerin und Musikerin zum 60. Mal. Gleich zu Beginn des teils in Wien, hauptsächlich aber in San Francisco spielenden Romans wird klar gestellt, dass das Reh für die liebreizende zarte Ann Ambros steht. Sie ist eine Frau, die überaus zerbrechlich und hilfsbedürftig wirkt, tatsächlich aber stahlhart und manipulativ ist. Überall, wo sie aktiv eingreift, hinterlässt sie verbrannte Erde. Im Gegensatz zum Leser und zu einigen Menschen in Anns Umfeld durchschauen nur wenige sofort den wahren egozentrischen Charakter der Frau, deren Maxime lautet: "Ich kriege immer, was ich will."

Selbst ihre Stieftochter Joy liebt zunächst die Frau, die ihr die Mutter und den Vater nimmt - bis sie zwar die Fassade der schönen Ann durchschaut, sich ihr aber weiterhin verpflichtet fühlt. Der Leser erfährt schon nach wenigen Seiten, dass Joy nach einem Handgemenge ihre inzwischen um Einiges gealterte Stiefmutter von einer Zugplattform stößt. Auch wenn diese Ausgangsposition mehr oder weniger auf das Ende weist, bleibt die Geschichte ungemein spannend und unterhaltsam, vor allem wenn Baum ihrer scharfzüngigen Ironie freien Lauf lässt.

So also wird der Werdegang der Familie in Rückblenden skizziert. Ann und ihre Schwester Maud sind Sprösslinge eines wohlhabenden Unternehmers in San Francisco. Hier lernen sie den jungen begabten und attraktiven Wiener Violinisten Florian Ambros kennen, in den sich Ann schon als 15-Jährige verliebt. Ambros aber heiratet die stille unscheinbare Maud, ist glücklich mit ihr und der gemeinsamen Tochter Joy. Ann hingegen angelt sich aus Frust (und Geldgier) einen steinreichen Briten, den sie verabscheut. Klar, dass ihr das Glück der Schwester ein Dorn im Auge ist. Geschickt arbeitet sie an dessen Zerstörung, unter Einsatz ihrer erfolgreichsten Mittel: Intrige und Manipulation. Um dann Mann, Kind und Haus an sich zu reißen.

Dieser Charakterzug, der sich von Beginn an offenbart, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben - und sorgt in der gleichen zwingenden Konsequenz in anderen Leben für Chaos. Er hilft ihr aber auch stets beim Überleben. Man kennt diesen nahezu unbezwingbaren Willen ansatzweise auch von Scarlett O'Hara aus Margret Mitchells "Vom Winde verweht" (1936). Und ähnlich wie Scarlett kommt Ann in Augenblicken der Not die Erkenntnis der eigenen Schuld - wenn auch gleich mit einer "guten" Begründung für ihr Handeln. Denn es geht in einer bewegten Zeit, die Krieg und auch das schwere Erdbeben von San Francisco im Jahr 1906 einbezieht, vor allem um eines: ihr eigenes Wohl.

Neben der umwerfenden Charakterisierung Anns lernt der Leser den, zwischen zwei Frauen hin und her gerissenen schwachen Geigenvirtuosen Florian Ambros sowie dessen eigenwillige Tochter Joy näher kennen. Und selbst das Wesen jeder Nebenfigur ist überzeugend gezeichnet. Ja, Vicki Baum versteht etwas davon, Menschen auf den Grund ihres Herzens zu sehen. Vor allem aber versteht sie es, diese Erkenntnisse in unwiderstehlicher Weise zu Papier zu bringen, was zum Beispiel Klaus und Erika Mann dieses Kompliment entlockte: "Vicki Baum weiß so viel von der Welt, sie kennt so gut die Menschen, sie begreift so genau und warmherzig ihre Schicksale und die Beziehungen, die sie miteinander verknüpfen."

Dieses tiefe Verstehen liegt auch im Leben der Frau begründet, deren Werke 1933 der Bücherverbrennung zum Opfer fielen, und die als Jüdin in die USA emigrierte. Nach Deutschland sollte sie nie wieder kommen, und auch ihre Bücher schrieb sie nie wieder in deutscher Sprache. Nach 1945 entdeckte der Literaturmarkt die begnadete Erzählerin hierzulande wieder neu, was wohl nicht zuletzt auch der oscarprämierten Verfilmung von "Menschen im Hotel" mit Greta Garbo zu verdanken war. Es sollte nicht der einzige Film nach einem Werk von ihr sein. Und auch mehrere Bühnenadaptionen gab es.

Schön, dass jetzt der für lange Zeit in der Versenkung verschwundene Roman "Vor Rehen wird gewarnt" wieder vorliegt. Denn Vicki Baum ist, wie Literaturexpertin Elke Heidenreich sagt, "eine erstklassige Schriftstellerin erste Güte!" - bezogen (und abgewandelt) auf ein Zitat aus Baums Memoiren.

Quelle: Agenturen