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"War alles schön": Elke Heidenreich wird 80

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In Nullkommanix hat Elke Heidenreich eingeparkt, und Augenblicke später steht sie in der Tür. Sie trägt jene rote Samtjacke, die sie schon durch all ihre "Lesen!"-Sendungen begleitet hat. "Sie war das erste, was mir heute Morgen im Kleiderschrank entgegenkam, da hab' ich gedacht: Vielleicht bringt sie mir Glück." Heidenreich wird am Mittwoch 80 Jahre alt, aber sie wirkt unverändert energiegeladen.

Treffpunkt für das Gespräch mit ihr ist die Wolkenburg, ein kleiner barocker Gutshof mitten in der spröden Nachkriegsarchitektur der Kölner Innenstadt. Elke Heidenreich mag dieses Schmuckkästchen, sie hat hier oft Lesungen abgehalten. Jetzt aber ist es Montag in der Früh, und alles steht leer. Elke Heidenreich sprüht vor Energie. "Die Frauen in unserer Familie altern nicht", sagt sie der Deutschen Presse-Agentur. "Wir kriegen keine grauen Haare, wir kriegen keine Falten. Wir fallen eines Tages um." Aber natürlich, auch sie spürt ihr Alter. "Ich spüre es beim Aufstehen. Ich spüre es bei Anstrengungen. Ich spüre es auch seelisch, ich breche viel öfter in Tränen aus bei traurigen Sachen. Ich habe nicht mehr die Kraft von früher."

Ihr selbst sagen runde Geburtstage überhaupt nichts. Deshalb ist sie entschlossen, sich an ihrem 80. wie an einem ganz gewöhnlichen Tag an den Schreibtisch zu setzen. Okay, es werden wohl ein paar Blumensträuße von verflossenen Liebhabern ankommen. Es werden wohl auch ein paar Gäste auftauchen: ihre beste Freundin Leonie von Kleist und ihr Freund Marc-Aurel Floros. "Wir werden eine Torte essen und Champagner trinken und sagen: Altes Mädchen, du hast es geschafft. Aber das ist es dann auch. Soll ich mein Überleben feiern?"

Elke Heidenreich - was ist sie eigentlich genau? Journalistin, Kolumnistin, Moderatorin, Schriftstellerin, Rezensentin, Kabarettistin, Librettistin...? In erster Linie ist sie Elke Heidenreich. Sie definiert sich nicht über eine bestimmte Funktion, sie ist einfach sie selbst. Für viele Menschen in Deutschland, vor allem für ältere und da wiederum ganz besonders für ihre Leserinnen, ist sie eine Institution. Sie hat sie durch ihr Leben begleitet.

Bekannt wurde sie in den 70er- und 80er-Jahren als Moderatorin von Talkshows wie "Kölner Treff", vor allem aber mit einer der ersten weiblichen Comedy-Figuren, der Metzgersgattin Else Stratmann aus Wanne-Eickel. Geradezu prophetisch war ihre Warnung an Lady Di vor der Hochzeit mit Prinz Charles 1981: "Nimm 'n nich, Kind. Der hatt nix gelernt wie Prinz!"

Ihren größten Fernseherfolg hatte sie mit der Literatursendung "Lesen!". Damals konnte sie unbekannte Bücher in die Kamera halten und sagen "Leute, kaufen und lesen!" Und die Leute taten das dann. Doch nach gut fünf Jahren ging sie 2008 im Streit mit dem ZDF auseinander. "Ich fühlte mich nicht gut behandelt, unter anderem weil der Sendeplatz ständig gewechselt wurde. Inhaltlich hatte ich recht, finde ich nach wie vor, aber ich habe das zu undiplomatisch gesagt. Meine Art war zu pampig. Ist bei mir oft so. Danach habe ich eine Weile geschmollt und getrauert, aber im Rückblick war ich froh. Denn ich war auch erschöpft. Ich konnte nicht mehr."

Sie schrieb nun selbst wieder mehr, und dies durchweg sehr erfolgreich. Aktuell steht sie mit der Reiseerzählung "Ihr glücklichen Augen" auf den Bestsellerlisten. Bis heute ist sie eine disziplinierte Arbeiterin. Sie steht früh auf und dreht dann eine Runde mit ihren Hunde-Freundinnen, obwohl ihr eigener Mops vergangenen Sommer gestorben ist. Wahrscheinlich bekommt sie bald einen neuen. Eine Katze hat die Autorin des Erfolgsbuchs "Nero Corleone" über einen italienischen Kater, das im Vorjahr auch im Rahmen der Wiener Gratisbuchaktion verteilt wurde, nicht mehr, weil sie zu oft wegfährt und Katzen das Verreisen nun mal nicht mögen.

Danach sitzt sie von 10 bis 15 Uhr am Schreibtisch. Sie beantwortet E-Mails, verfasst Beiträge für den WDR, schreibt ihre Bücher, derzeit ein Kinderbuch. Danach kommt der Haushalt: Kochen, Waschen, Einkaufen. Sie macht alles selbst, sie hat keine Hilfe. Abends guckt sie entweder was im Fernsehen oder liest.

Schon als Kind im Ruhrgebiet war Lesen ihr "großes Glück". So konnte sie die raue Welt um sich vergessen. "Meine Eltern waren getrennt, meine Mutter musste arbeiten, und ich war immer allein. Ich habe mich zu Hause einfach nicht wohlgefühlt." Von Anfang an traf sie aber auch Menschen, die ihre besonderen Fähigkeiten erkannten und sie förderten. Zum Beispiel ihre Handarbeitslehrerin, die die Parole ausgab: "Alles häkelt, Elke liest!" Sie hat dann laut vorgelesen. "So hab ich das gelernt - gut zu lesen."

Lesungen macht sie auch heute noch für ihr Leben gern. Sie ist ein Bühnentier. Aber das ganze Drumherum: die Anfahrt in verspäteten Zügen, das Übernachten in schachtelartigen Hotelzimmern - das erschöpft sie mehr als früher. "Altwerden ist kein Witz", sagt sie. "Aber Jungsein ist auch kein Knaller. Ich war, als ich jung war, nicht besonders glücklich. Was habe ich mit 17 gelitten und geheult und mich hässlich gefunden. Heute sitze ich viel gelassener da. Aber auch wehmütiger und angeschlagener."

Im Alter blickt man zurück, und wenn sie das tut, macht sie das, was sie sieht, nicht unbedingt froh. "Ich sehe jetzt mit großem Kummer, dass die goldenen, sicheren Jahre vorbei sind und überall Regierungen an die Macht kommen, die weit entfernt sind von dem, was wir Demokratie nennen. Das ist schon traurig." Sogar nach Italien, wo sie früher ein Ferienhaus hatte, zieht es sie nicht mehr, solange dort die Rechtspopulistin Giorgia Meloni regiert.

Im persönlichen Bereich ist die Bilanz positiver. "Man nimmt Glück ja immer erst im Rückblick wahr. Auch bei Lieben, die auseinandergehen. Erstmal ist man froh - oder wütend. Und wenn es lange vorbei ist und geheilt, dann sieht man die glücklichen Jahre. Ich denke an meinen Mann, von dem ich geschieden bin. Wir haben keinen Kontakt mehr, wir sind auch keine Freunde mehr, aber wir hatten 25 Jahre eine wunderbare Ehe. Das weiß ich jetzt, und dafür bin ich ewig dankbar."

Nun steht die letzte Strecke an, und die kann anstrengend werden. Das weiß sie. Bis es soweit ist, will sie weitermachen wie bisher. "Mein Grundgefühl ist trotz Erschöpfung Dankbarkeit. War alles schön."

ribbon Zusammenfassung
  • "Sie war das erste, was mir heute Morgen im Kleiderschrank entgegenkam, da hab' ich gedacht: Vielleicht bringt sie mir Glück."
  • Heidenreich wird am Mittwoch 80 Jahre alt, aber sie wirkt unverändert energiegeladen.
  • "Die Frauen in unserer Familie altern nicht", sagt sie der Deutschen Presse-Agentur.
  • Aktuell steht sie mit der Reiseerzählung "Ihr glücklichen Augen" auf den Bestsellerlisten.
  • Schon als Kind im Ruhrgebiet war Lesen ihr "großes Glück".