APA - Austria Presse Agentur

Von Goisern: "Jeder soll seinen eigenen Vogel ausleben"

25. Mai 2020 · Lesedauer 7 min

Als Musiker hat er Erfolge im In- und Ausland gefeiert, mit Traditionen gebrochen und Stile vermengt, die Donau bereist und unterschiedlichste Kulturen erkundet. Nun wird Hubert von Goisern mit 67 nochmals zum Debütanten: Als Hubert Achleitner veröffentlicht er sein Romandebüt "flüchtig". Mit der APA sprach er über die Motivation durch seine Kinder, das Schreiben ohne Plan und seinen Glauben.

Als Musiker hat er Erfolge im In- und Ausland gefeiert, mit Traditionen gebrochen und Stile vermengt, die Donau bereist und unterschiedlichste Kulturen erkundet. Nun wird Hubert von Goisern mit 67 nochmals zum Debütanten: Als Hubert Achleitner veröffentlicht er sein Romandebüt "flüchtig". Mit der APA sprach er über die Motivation durch seine Kinder, das Schreiben ohne Plan und seinen Glauben.

APA: Heute erscheint Ihr erster Roman, für den Sommer haben Sie ein neues Album angekündigt. Wie geht es Ihnen angesichts dieser Vorzeichen als Künstler mit dem Shutdown aufgrund des Coronavirus?

Hubert von Goisern: Mir geht es gut. (lacht) Nein, es ist so wie es ist. Das ist wie das Wetter: Es hat keinen Sinn, sich darüber aufzuregen. Für die Fertigstellung des Albums war der Shutdown ein Segen, weil wir so gut wie alle Aufnahmen im Kasten hatten. Wäre es zwei Wochen früher gewesen, hätten wir wirklich eine Krise gehabt, weil doch einige Leute herumreisen mussten.

APA: Mit "Stromlinien" haben Sie bereits ein Buch über Ihre Schiffstournee geschrieben. Was hat Sie nun an der Romanform gereizt?

Von Goisern: Die Uridee dazu hatte ich wohl 2003: Eine Frau verlässt die Wohnung und kommt nicht mehr zurück. Also eigentlich die Umkehrung des Klischees. Ich habe mir immer schon gewünscht, einen Roman zu schreiben. Beim Sachbuch über meine Donaureise habe ich wirklich gelitten, weil du einfach bei den Fakten bleiben musst. Es kommen reale Figuren vor. Also auch wenn jemand ein Trottel ist, kannst du das nicht schreiben, weil der sich nicht wehren kann. Damals habe ich mir geschworen: Ich muss Fiktion schreiben! Dann kann ich meiner Fantasie freien Lauf lassen, ich kann jemanden alles nennen und ihm eine Ohrfeige geben. Als ich dann begonnen habe zu schreiben, merkte ich: Ein Sachbuch ist viel einfacher! (lacht) Weil du dich an etwas anhalten kannst. Und trotz der Freiheiten habe ich niemandem eine Ohrfeige gegeben. Es gibt so viele schlimme Sachen auf der Welt, die man nicht ungeschehen machen kann. Aber man kann sich selber an der Nase nehmen, um nicht zu Gewalt und Respektlosigkeit beizutragen.

APA: Wieso hat es jetzt geklappt mit dem Roman?

Von Goisern: Es ist mir bisher einfach immer die Musik dazwischen gekommen. Es braucht viel Konzentration, bis man wirklich gestartet ist. Während des Nachdenkens und Sinnierens habe ich immer ein Instrument in die Hand genommen und gespielt. Und dann war da diese geile Musik! (lacht) Es war der Weg des geringsten Widerstands, das war das Ventil. Jetzt habe ich mir ein Jahr Zeit genommen, darüber nachzudenken und habe dann angefangen zu schreiben. Und trotzdem habe ich innerhalb der ersten sechs Monate des Romanschreibens mehr als die Hälfte der kommenden Platte komponiert, also die Ideen festhalten. Letztlich habe ich alle Instrumente wegräumen müssen, damit ich schreiben musste. Es war schön, aber auch heftig. Dennoch habe ich es sehr genossen.

APA: Ein Roman hat wie auch Musik Rhythmus und Melodie. War der Klang von "flüchtig" von Anfang an da, oder hat sich das erst im Laufe des Schreibens herauskristallisiert?

Von Goisern: Ich habe das wohl von Anfang an gewusst oder gespürt. Die Musik ist ja Teil meines Lebens und der Roman hat viel mit mir zu tun. Ein Roman ist wie ein Traum. Die Traumdeutung von Jung sagt ja: Du bist alles im Traum - der, der durch den Traum geht, all jene, denen du begegnest, du bist der Himmel und die Erde. Im Roman ist es auch so. Das sind alles Dinge, die mir entweder widerfahren sind, die mir jemand erzählt hat oder die ich in der Synthese all dieser Gedanken und Erlebnisse ausspinnen konnte. Natürlich ist keine Figur real. Aber man kann mich in jeder Figur finden. Weil das so ist, ist auch meine musikalische Welt da drin.

APA: Sie begegnen Ihren vielen Figuren stets auf Augenhöhe, zeichnen auch Nebencharaktere sehr genau. Ist dieser respektvolle Umgang etwas, was Sie von Ihren vielen Reisen mitgenommen haben?

Von Goisern: Ja, ich glaube schon, dass das mit Reisen zu tun hat. Wenn du reist, bist du immer Gast und abhängig davon, dass dich Leute aufnehmen - selbst wenn du dafür bezahlst, wenn du ein Zimmer mietest. Jemand lässt dich ein und lässt sich auf dich ein. Höflichkeit und ein respektvoller Umgang sind das Um und Auf, damit man zusammenkommt. Den abgedroschenen Spruch "Wie du mir, so ich dir" erfährt man da auf sehr intensive Art und Weise. Auf diesen Reisen habe ich verschiedene Lebensentwürfe kennengelernt, bei denen ich mir dachte: Das ist gar nicht meiner. Aber solange jemand nicht übergriffig wird oder meint, ich solle auch so tun, habe ich kein Problem damit. Jeder soll seinen eigenen Vogel ausleben, ich tu das auch.

APA: In verschiedener Form begegnet man im Roman auch Religion beziehungsweise Glaube. Welche Rolle nimmt das für Sie ein?

Von Goisern: Das ist ein grundlegendes Element. So wie Witterung oder Temperatur begleitet mich auch der Glaube durch mein Leben. Es ist spannend darüber nachzudenken, was unser Leben jenseits des Materiellen bedeutet. Ich habe viel Zeit mit Leuten verbracht, die andere Religionen ausüben. Das reicht von Muslimen über Buddhisten bis zu Inuit. Die haben zum Teil einen ganz anderen Lebensentwurf oder eine andere Vorstellung von Transzendenz. Bei allen hatte ich das Gefühl, dass uns der Glaube auch verbindet. Ich mag Menschen, die eine spirituelle Ebene leben. Das tun sogar Atheisten - das kannst du nur sein, indem du dich damit beschäftigst. Das Miteinander funktioniert am besten, wenn man respektvoll ist. Mich zieht es in Moscheen, Synagogen, Kirchen. Das sind Oasen, wo man wegkommt vom Hecheln und irgendetwas Erledigen müssen, sondern wo es um nichts geht. Dieses Nichts finde ich spannend.

APA: Beim Komponieren eines Lieds geht es nicht zuletzt um den richtigen Moment, es dann loszulassen, zu einem Ende zu finden. War es schwer, das Ende des Romans zu finden?

Von Goisern: Ich habe mir das Ende nicht vorstellen können, bis ich es hatte. Der Roman hat sich irgendwie selber geschrieben. Man hat eine Grundidee, entwickelt die Figuren, und irgendwann beginnen sie zu leben, weil man sich so intensiv mit ihnen beschäftigt. Dann sind sie da und machen nicht immer das, was man gerne hätte. Es gab ein paar so Situationen, in denen die Figuren immer nach links statt nach rechts gegangen sind. Das muss man dann zur Kenntnis nehmen, dass da irgendetwas in meinem Kopf ist, das die Figur an einer Schnur wohin zieht. Da wird dann die eigene Neugier geweckt: Was kommt jetzt? Ein paar Mal hatte ich wirklich keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Also zwingt man sich: Schreib irgendwas! Und plötzlich kommst du irgendwo hin. Picasso meinte: Die Muse ist immer unterwegs. Sie geht dahin, wo Betriebsamkeit herrscht. Im Ohrensessel wird sie dich nicht küssen, sie braucht Hitze und Energie. Wenn du ins Tun kommst, passieren die Einfälle.

APA: Hat das Schreiben Sie gepackt, wird dem Roman ein weiterer folgen?

Von Goisern: Ich kann mir das vorstellen, aber ich habe keinen Plan. Als der Roman fertig war, war ich schon sehr froh. Mittendrin hatte ich mehrmals die Befürchtung: Das kriege ich nie hin. Es ist zu verworren, da wird sich keiner auskennen. Der Grund, warum ich nicht das Handtuch geworfen habe, waren in erster Linie meine Kinder. Denen sage ich immer: Wenn ihr etwas beginnt, dann bringt es auch zu einem Ende. Egal, ob man dann sagt, man ist gescheitert - immerhin hat man es zu einem Ende gebracht. Und sie haben mich immer wieder mal gefragt, wie es mir mit dem Schreiben geht. Also konnte ich niemals sagen, ich habe aufgegeben. (lacht) Das war eine große Motivation.

Quelle: Agenturen