APA/APA/Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

"Visionary Dances": Staatsballett auf Generationenzeitreise

Heute, 05:01 · Lesedauer 4 min

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen - oder ins Wiener Staatsballett. Am Samstag feierte die Truppe in der Staatsoper ihre neueste Premiere "Visionary Dances", die drei zentrale Arbeiten der vergangenen Jahrzehnte zusammenspannt. Eine Zeitreise durch drei Generationen von Choreografierenden - bei der interpretatorischer Gestus und Chronologie aber überraschenderweise gegenläufig sind.

Am Beginn dieses choreografischen Mehrgenerationenhaushalts steht mit "Heatscape" die Arbeit des jüngsten Künstlers des Abends. Der auch heute erst 38-jährige Justin Peck hat das Werk 2015 noch in seiner Zeit als junger Solist am New York City Ballett geschaffen, was man der Choreografie jedoch in keiner Weise anmerkt. Obgleich "Heatscape" aus persönlichen Erfahrungen Pecks in Miami heraus entstanden ist, strahlt das Stück weniger die schwüle Sinnlichkeit der Jugend auf den Straßen der Stadt aus, als dass es an das Seniorenparadies Florida denken lässt. Daran ändert auch der vom Straßenkünstler Shepard Fairey gestaltete Bühnenhintergrund nichts.

Die Street Credibility tendiert hier gen Null, selbst wenn Peck dezent hie und da Alltagsbewegungen wie einen Joggingmove einwebt. Auch Bohuslav Martinůs Klavierkonzert Nr. 1, ein neoklassizistisches Werk aus den 1920ern, ist nun nicht gerade das, was man sich als Musikwahl für die Arbeit erwarten würde. "Heatscape" wird am Ende das klassischste der drei Werke des Abends gewesen sein, vollends auf heteronormative Paare und Gruppen fokussierend. Der Einsatz der Spitze, die ausgreifenden Armbewegungen, die Repetition der Pas de deux - am Ende steht eine eigenartig inhomogene, nicht stringent zu Ende gedachte Arbeit, die so gar nicht zum Übertitel "Visionary Dances" passen möchte.

Es geht zurück in der Zeit oder zumindest in der Generation. Der heute 56-jährige Wayne McGregor legte 2018 mit "Yugen" eine gänzlich anders gelagerte Arbeit vor als Peck. Im Werk des Briten sind die Bewegungen fließend, weicher, zarter, fragiler. Alles ist im Fluss, aus einem Guss und zugleich narrativer gestaltet als "Heatscape", lässt sich doch in die mannigfaltig wechselnden Konstellationen der Akteure der Lebensweg eines Mannes lesen.

McGregor verlässt sich dabei gänzlich auf eine minimalistische Ästhetik, in der die Tanzenden in rote, androgyne Gewänder gekleidet sind, während für den Bühnenraum Netsuke-Experte Edmund de Waal (Autor von "Der Hase mit den Bernsteinaugen") verantwortlich zeichnet. Dieser setzt auf Glaskuben als Schutz- und Erweiterungsraum für die Tanzenden, aufgrund derer "Yugen" eine fast kontemplative Eleganz ausstrahlt. Diese wird letztlich noch durch die stimmige Wahl von Leonard Bernsteins "Chichester Psalms" als ebenso religiöses wie vom Gestus her weltliches Werk als Musik unterstrichen.

Ein Klassiker am Ende

Das abendliche Trio komplettierte schließlich Twyla Tharps heute bereits zum Klassiker gewordene Arbeit "In the Upper Room", die 1986 das Licht der Welt erblickte und sich nicht zuletzt aufgrund der von Philip Glass geschriebenen Musik bis heute vital zeigt. Der heute 84-jährigen Tharp gelang damals, Modern Dance mit klassischem Ballett zu verbinden - und daraus kein Amalgam, sondern ein Zusammenspiel zu schaffen. Beide Tanzgrammatiken bleiben nebeneinander bestehen.

Der Ballettspitzenschuh kommt ebenso zum Einsatz wie der weiße Sneaker. Ironisch werden Straßenbewegungen eingeflochten und selbst Elemente der Aerobic. Die Dichotomien leben auch in machoiden Bewegungsabläufen vs. sanfteren Weiblichkeitsgesten, ohne diese den jeweiligen Geschlechtern zuzuordnen. Es sind die Gegensätze, die hier hochleben und vor allem durch eines zusammengehalten werden: pure Energie und Lebensfreude, was in der Haltung den denkbar größten Kontrast zur fragilen Sinnlichkeit von McGregors Arbeit liefert.

Ein Bühnenbild benötigt Tharp dabei nicht, Kunstnebel und Licht genügen der Choreografin - und die vorantreibende Musik von Philip Glass, die in der Staatsoper bedauerlicherweise anders als jene von Martinů und Bernstein nicht live gespielt wird. Aber auch mit Klängen aus der Konserve ist es der neuen Staatsballettchefin Alessandra Ferri hoch anzurechnen, mit "In the Upper Room" nun einen Klassiker ins Repertoire der Compagnie geholt zu haben - der noch dazu wesentlich frischer wirkt als manch jüngere Arbeit ...

(Von Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E - "Visionary Dances" des Wiener Staatsballetts an der Staatsoper, Opernring 2, 1010 Wien. Musikalische Leitung: Gavin Sutherland. "Heatscape" von Justin Peck mit Musik von Bohuslav Martinů, Bühne: Shepard Fairey, Kostüme: Reid Bartelme/Harriet Jung, Licht: Brandon Stirling Baker. "Yugen" von Wayne McGregor mit Musik von Leonard Bernstein, Bühne: Edmund de Waal, Kostüme: Shirin Guild, Licht: Lucy Carter. "In the Upper Room" von Twyla Tharp mit Musik von Philip Glass, Kostüme: Norma Kamali, Licht: Jennifer Tipton. Weitere Aufführungen am 30. März sowie am 1., 4., 6., 7., 10., 14. und 17. April. www.wiener-staatsoper.at/kalender/detail/visionary-dances/ )

Zusammenfassung
  • Das Wiener Staatsballett präsentierte mit "Visionary Dances" eine Zeitreise durch drei Generationen von Choreografen mit Werken aus den Jahren 2015, 2018 und 1986.
  • Justin Pecks "Heatscape" aus 2015 zeigt klassische Ballettformen und fokussiert auf heteronormative Paare, obwohl der Choreograf erst 38 Jahre alt ist.
  • Wayne McGregors "Yugen" von 2018 setzt auf minimalistische Ästhetik, androgyne rote Kostüme und Leonard Bernsteins "Chichester Psalms" als Musik.
  • Twyla Tharps "In the Upper Room" von 1986 verbindet Modern Dance und klassisches Ballett mit Musik von Philip Glass und gilt als Klassiker.
  • Die Aufführungen finden in der Wiener Staatsoper am 30. März sowie am 1., 4., 6., 7., 10., 14. und 17. April statt.