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Viel mehr als "Das Vamperl": Autorin Renate Welsh ist 85

22. Dez. 2022 · Lesedauer 4 min

Mit ihrem Erinnerungsband "Kieselsteine" (2019) und dem Roman "Die alte Johanna" (2021), der Fortsetzung ihres 1979 erschienenen Jugendbuchklassikers "Johanna", hat Renate Welsh, seit "Das Vamperl" eine der renommiertesten Kinderbuchautorinnen Österreichs, in jüngster Zeit vor allem im allgemeinen Literatursegment aufgezeigt. Zuletzt erschien ihr Essay "Hoffnung lebt vom Trotzdem". Heute, Donnerstag, feiert Welsh ihren 85. Geburtstag.

Seit Februar 2006 ist Welsh Präsidentin der IG Autorinnen und Autoren. "Renate Welsh ist auf eine sehr unspektakuläre Weise eine der bedeutendsten und auf eine ebenso selbstverständliche Art eine der exponiertesten österreichischen Autorinnen der österreichischen Gegenwartsliteratur, sie ist es zweifach, als hochdekorierte Kinder- und Jugendbuchautorin und als erfolgreiche Romanschriftstellerin, und sie ist es ganz besonders als eine Autorin der großen Frauenrollen in der Literatur." So gratulierte heute die Interessensvertretung der Autorin, die Themen wie Integration von Einwanderern oder Restitution von jüdischen Kulturgütern in ihren Büchern behandelte, lange bevor sie zur öffentlichen Tagesordnung gehörten.

Welsh, geboren am 22. Dezember 1937 als Renate Redtenbacher in Wien, begann schon als Kind zu schreiben, "um mich durchzusetzen". Mit 15 ging sie mit einem Stipendium für ein Jahr nach Portland (USA). Nach der Matura in Wien studierte sie Englisch, Spanisch und Staatswissenschaften, brach ihre Ausbildung aber bald ab und heiratete. Danach arbeitete Welsh freiberuflich als Übersetzerin. Seit 1970 ("Der Enkel des Löwenjägers") verfasst sie Kinder- und Jugendbücher. Vorwiegend erzählt die Autorin von Außenseitern, die erst lernen müssen sich zu behaupten.

Den kommerziell größten Erfolg landete Welsh mit "Das Vamperl" (1979), der Geschichte über einen kleinen Vampir, der den Menschen das Gift aus der Galle saugt. Zu ihren politisch engagierten Büchern zählt unter anderem "Ülkü, das fremde Mädchen": Vor über 40 Jahren beschrieb Welsh das schwierige Leben eines eingewanderten türkischen Mädchens, das sich nach einiger Zeit in Österreich hier mehr zu Hause fühlt, als in ihrer Heimat - was aber nicht das Ende der Probleme bedeutet.

In dem Buch "Dieda oder Das fremde Kind" erzählt sie von ihrer eigenen Kindheit am Ende des Zweiten Weltkrieges. "Besuch aus der Vergangenheit" heißt das Buch, in dem es um die Restitution geraubten jüdischen Eigentums geht, "Drachenflügel" ist die Geschichte eines Mädchens und ihres behinderten Bruders. Der Roman "Johanna" ist ein einfühlsamer Text über eine unehelich geborene Magd, die sich in der Zwischenkriegszeit aus einem erniedrigenden und nahezu rechtlosen Dienstbotendasein befreien kann. Im Vorjahr ließ sie die Fortsetzung "Die alte Johanna" folgen. Der Rückblick auf ein mühsames Leben und Einblick in ein Sterben, das auch nicht gerade leicht fällt, schaffte es erneut auf die Bestsellerliste.

Den "Versuch, 'kindertümlich' zu schreiben oder ihnen nach dem Mund zu reden, finde ich nur peinlich", wies sie 2017 im APA-Interview Spezifika von Kinderliteratur von sich. "Ich sehe nicht ein, dass ich mit dem halben Hirn schreiben soll, wenn ich für Kinder schreibe. Da reicht manchmal mein ganzes Hirn nicht aus. Ich finde es anmaßend, Kinder als eine Spezies sui generis zu betrachten."

1980 erhielt Welsh den Deutschen Jugendliteraturpreis, 1992 wurde ihr der Österreichische Würdigungspreis für ihr Gesamtwerk sowie der Berufstitel "Professorin" verliehen. Weiters erhielt die Autorin mehrfach den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis sowie den Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien und das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien. Immer wieder war Welsh für den hoch dotierten Astrid-Lindgren-Preis nominiert. 2017 erhielt sie den Theodor-Kramer-Preis. Welsh lebt in Wien, heißt nach ihrer Heirat im Jahr 2000 offiziell Welsh-Rabady und veranstaltet neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit Schreibwerkstätten für Behinderte und Randgruppen.

Mitte April wird ein neuer Roman von Renate Welsh erscheinen. "Ich ohne Worte" sei "die äußerst mutige und persönliche Geschichte über das Altern und den langen Weg zurück zur Sprache und in ein selbstbestimmtes Leben", kündigt der Czernin Verlag das Buch an: "Mit gewaltiger Sprachkunst und Fingerspitzengefühl erzählt Renate Welsh von einem sehr persönlichen Ereignis: ihrem Schlaganfall, der Rehabilitation danach und vom harten Kampf zurück zu sich selbst."

Quelle: Agenturen