APA - Austria Presse Agentur

Viel Applaus für "Die Große Freiheit" in Cannes

08. Juli 2021 · Lesedauer 4 min

Langer, herzlicher Applaus stand am Donnerstagmittag am Ende der Premiere des Films "Die Große Freiheit" des österreichischen Regisseurs Sebastian Meise bei den Filmfestspielen in Cannes. Die österreichisch-deutsche Produktion tritt in der renommierten Reihe "Un Certain Regard" an, behandelt die Verfolgung von Homosexuellen in Nachkriegsdeutschland und zeigt eine berührende Geschichte von der Suche nach Liebe und Zuneigung hinter Gefängnismauern.

Protagonist des Films ist der Homosexuelle Hans Hoffman, den Franz Rogowski mit großer Intensität zeichnet. Er lässt sich vor dem Gesetz nichts anderes zuschulde kommen, als dass er gegen den Paragraphen 175 verstößt, der bis 1969 gleichgeschlechtliche Liebe unter Strafe stellte (der vergleichbare Paragraph in Österreich wurde erst 1971 abgeschafft). Der Film beginnt mit mittels versteckter Kamera gemachten Aufnahmen aus einer öffentlichen Toilette, die 1968 zu einer (weiteren) Verurteilung von Hans führen und spielt in der weiteren Folge im Gefängnis. Mehrere Rückblenden führen zurück in die Jahre 1945 und 1957 und zu der unglaublichen Tatsache, dass Hans wegen seiner Homosexualität bereits von den Nationalsozialisten ins KZ gebracht worden war, nach der Befreiung durch die Alliierten aber die "Reststrafe" noch absitzen musste.

Im Gefängnis begegnet er anderen jungen Männern, die wegen des gleichen Delikts eingesperrt sind, aber auch dem verurteilten Mörder Viktor (ebenfalls außerordentlich stark: Georg Friedrich), der sich zunächst heftig dagegen wehrt, einen "Perversen" in seine Zelle zu bekommen, aber immer mehr Verständnis für seinen neuen Zellengenossen findet. Über die Jahre - Hans kommt immer wieder in Haft, der drogenabhängige Viktor bleibt drinnen - entsteht eine enge Zuneigung zwischen den Männern und auch eine körperliche Beziehung.

Dabei zeigt der Film mit großer Sensibilität die Annäherung der beiden anhand von erster körperlicher Nähe, als Viktor in der Zelle die eintätowierte KZ-Nummer auf dem Arm von Hans mit einem improvisierten Tattoo überdeckt, die sich bei aller Rauheit im Umgang immer stärker zeigende menschliche Solidarität bis hin zum Drogenentzug, bei dem Hans dem Freund beisteht. Sexualität wird nicht ausgespart - ist aber nicht die Triebfeder dieser Beziehung. Wie sehr Sexualität aber lange vom Staat verfolgt wurde, zeigt der Film in deprimierend ausweglosen Bildern. Als Hans am Ende in Freiheit und in der Schwulenbar "Große Freiheit" landet, sehen die im Keller befindlichen Darkrooms den Gefängniszellen erschreckend ähnlich.

Der 1976 in Kitzbühel geborene Regisseur Sebastian Meise, ehemaliger Regiestudent von Michael Haneke an der Wiener Filmakademie, hat mit dieser von FreibeuterFilm und Rohfilm Productions produzierten Mischung aus Liebes- und Gefängnisfilm der Croisette ein starkes Werk präsentiert, das seine gesellschaftliche Anklage in keiner Sekunde verbirgt, sich aber mit großer Sensibilität auf menschliche Interaktion und Sehnsucht konzentriert. Bereits mit seinem Spielfilmdebüt "Stillleben", das 2011 bei den Filmfestspielen in San Sebastian seine Premiere feierte, war Meise ein großer Erfolg gelungen. Der Film, der das Problem der Pädophilie anhand eines familiären Missbrauchsfalls beleuchtet, den es nie gegeben hat, den es aber hätte geben können, wurde u.a. bei der Diagonale mit dem Großen Spielfilm-Preis sowie Preisen für die beste Bildgestaltung und das beste Kostümbild ausgezeichnet. Seine Folgende Doku "Outing" war zum Hot Docs Festival in Toronto eingeladen.

"Die Große Freiheit" ist ein Film, der von seinem klugen Drehbuch (wie schon bei "Stillleben" von Thomas Reider und Sebastian Meise) ebenso lebt wie von seinem beeindruckenden Cast (neben Rogowski und Friedrich u.a. Anton von Lucke und Thomas Prenn) und von den mit großer Sorgfalt komponierten Bildern von Kamerafrau Crystel Fournier. Es ist ein Film, der sicher auch seine Chancen im Wettbewerb des Festivals gehabt hätte.

Quelle: Agenturen