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Unverbesserlicher Weltverbesserer: Der Roman "Vegetarianer"

28. März 2022 · Lesedauer 4 min

Als Maler war er zu seiner Zeit ziemlich prominent, als Vorkämpfer einer alternativen und umweltbewussten Lebensweise wurde er von den meisten Zeitgenossen verlacht: Karl Wilhelm Diefenbach (1851-1913) war ohne Zweifel eine schillernde Persönlichkeit. In Wien und München sind Straßen nach ihm benannt, seit 2015 gibt es gar den Asteroiden Diefenbach. Nun beschäftigt sich auch ein Roman mit ihm: Felix Kuchers "Vegetarianer" wird morgen in der Alten Schmiede in Wien präsentiert.

Kucher, geboren 1965 und in Klagenfurt und Wien wohnhaft, hat zuletzt in seinem Roman "Sie haben mich nicht gekriegt" die Biografien der bekannten italienischen Fotografin und Kommunistin Tina Modotti und der in Fürth geborenen Buchhändlerin Mary S. Rosenberg zu einem "Epochenporträt der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, zu einer Geschichte von Rebellion und Beharrlichkeit", verknüpft. Auch in "Vegetarianer" dient ihm eine reale Lebensgeschichte als Vorbild. Diefenbach steht dabei für viele Bewegungen, die erst später - etwa am Monte Verità bei Ascona - breite Anhängerschaft erhielten und heute teilweise höchste Aktualität genießen: Ablehnung von Fleischkonsum, Propagierung der Freikörperkultur, Verweigerung der Schulmedizin. Mit der Verdammung von Impfungen landet man auch mitten in der Corona-Debatte: Vakzine kämen ja vom lateinischen vacca, die Kuh. "Da kann ich ja gleich wieder beginnen, Kuhfleisch zu essen!"

Es ist ein wahrlich schillerndes Leben, das Kucher vor den Lesern ausbreitet: In München und Umgebung ist der gerne barfuß gehende "Kohlrabiapostel" mit Wallehaar und Wollkutte, dessen freizügiges Kommunardenleben damals immer wieder die Polizei auf den Plan rief und heute frappant an die spätere Muehl-Kommune und ihren Alleinherrscher erinnert, bald bekannt wie ein bunter Hund. Zwei Konstanten ziehen sich durch sein Leben: gesundheitliche Probleme und Geldnöte. Und dann gibt es noch ein paar Frauen, die ihm einige Kinder schenken, mit denen er sich aber immer wieder zerstreitet, sowie einige Jünger, die dem "Meister" bei der Verkündung der neuen Lebensreform-Lehre ebenso zur Hand gehen wie beim Malen großformatiger symbolistischer Bilder, mit deren Verkauf meist im letzten Moment die größten Schulden getilgt werden können.

In größter Ausführlichkeit stellt Kucher das dar, was man bald als ewige Wiederkehr des immer Gleichen durchschaut. Ständig kommen neue Rechnungen, neue Gerichtsvollzieher, neue Vorladungen ins Haus. Diefenbach ist nicht nur Reformer, sondern auch Chaot und Prokrastinierer. Und er lernt nie dazu. Für den Leser wird das jedoch immer weniger spannend. Da trifft nach über 200 Seiten ein Brief aus Wien ein. Der Direktor des dortigen Kunstvereins bietet ihm eine große Ausstellung, die den in Schwierigkeiten befindlichen Verein und den Maler gleichermaßen entschulden soll. Diefenbach schwebt im Siebenten Himmel. "Wien ist die viertgrößte Stadt der Welt nach New York, London und Paris, die größte deutscher Sprache, wo, wenn nicht dort liegt der ideale Ausgangspunkt für sein Unternehmen, wo, wenn nicht dort der Platz für die Keimzelle der neuen vegetarianischen Gesellschaft? (...) Es ist allgemein bekannt, dass in der Kaiserstadt Künstler hochverehrt sind, so exzentrisch sie auch sein mögen, die Stadt ist verrückt nach neuer und neuester Kunst."

Was Diefenbach dann alles in der Weltstadt Wien widerfährt, was er anschließend in Kairo, Triest und Capri erlebt, und wie der "Künder der neuen Zeit", der Ärzte grundsätzlich als unnötig, ja ungesund abtat, 62-jährig unter höllischen Schmerzen an einem Darmverschluss stirbt, das alles erfährt man dann komprimiert auf den restlichen zehn Seiten. Und bekommt den Verdacht: Da hat sich nicht nur ein Weltverbesserer, sondern auch ein Autor verkalkuliert.

(S E R V I C E - Felix Kucher: "Vegetarianer", PIcus Verlag, 232 Seiten, 24 Euro; Buchpräsentation: 29.3, 18 Uhr, Alte Schmiede, Wien 1, Schönlaterngasse 9, felix.kucher.at)

Quelle: Agenturen