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Ukrainischer Intellektueller: Das Unerträgliche umarmen

10. Aug. 2022 · Lesedauer 3 min

Die aktuelle Situation in der Ukraine unterscheide sich von jener im Westen nicht nur durch den Krieg, sondern auch durch eine besondere Einstellung zum Unerträglichen, die es nun in der zeitgenössischen ukrainischen Kultur gebe, sagte der Chef des Kiewer Zentrums für visuelle Kultur (ZVK), Wassyl Tscherepanyn, in Wien. Nachdem er mit Sonderbewilligung drei Wochen ins Ausland fahren durfte, befand sich der Intellektuelle am Mittwochnachmittag auf der Rückreise nach Kiew.

Das Umarmen des Unerträglichen sei eine einzigartige Erfahrung der zeitgenössischen ukrainischen Kultur, erläuterte Tscherepanyn bei einem von der österreichischen Unterstützungsplattform "Office Ukraine" organisierten Pressegespräch. "Im Westen ist man eher bestrebt, sich vor diesen verheerenden Emotionen zu schützen. Man denkt, dass der volle Ausdruck dieser radikalen Emotionen uns der Rationalität berauben würde", betonte der Intellektuelle.

Den aktuellen Krieg charakterisierte er als Krieg der Armee eines Landes gegen das Volk eines anderen Landes, das in den Augen des Aggressors sein Existenzrecht verloren hat. "Weil du existierst, aber nicht existieren solltest, musst du eliminiert werden", erläuterte der Intellektuelle und zog "vorsichtige Parallelen" zu Erfahrungen der LGBTIQ-Community in autoritären Regimen sowie von Juden vor 80 Jahren.

Die Frage, was nach der Verwüstung wirklich zu tun sei, könne noch jahrelang und womöglich sogar jahrzehntelang nicht zu beantwortet werden. "Wahrscheinlich werden erst meine Enkelkinder eine Lösung finden. Meine Generation wird das sicher nicht schaffen. Für uns wird dieser Krieg nie mehr aufhören", sagte er. Explizit bedankte sich der Intellektuelle bei der ukrainischen Armee: Ohne deren Hilfe wäre er vielleicht nicht mehr am Leben, ohne das ukrainische Militär gäbe es womöglich aber auch eine ganz andere Agenda in der Europäischen Union, sagte er.

Tscherepanyn verdeutlichte, dass gerade auch die zeitgenössische ukrainische Kultur besonders exponiert sei - sie sei schließlich das Resultat von "revolutionären Erfahrungen" am Maidan in den Jahren 2004 sowie 2013/2014. Russland selbst habe sich indes in eine Antimaidan-Projekt verwandelt, das Kreml-Regime versuche die Absetzung des Diktators unmöglich zu machen, und deshalb sei auch dieser Krieg "gegenrevolutionär" ausgerichtet.

Was die Rolle von ukrainischen Kulturschaffenden in der aktuellen Situation betrifft, plädierte er dafür, dass jede und jeder jene Stelle finden solle, wo sie oder er am effizientesten dazu beitragen könnte, die Grausamkeiten zu stoppen. Als beispielhafte Aufgaben nannte er Initiativen, die russische Kriegsverbrechen dokumentieren oder sich mit der Evakuierung von Kunstsammlungen aus besonders bedrohten Regionen im Osten und Süden beschäftigten. Als wichtiges Phänomen sah er zudem Notfall-Künstlerresidenzen, die kurz nach Kriegsbeginn insbesondere im vergleichsweise ruhigen Westen der Ukraine entstanden waren.

Ohne westliche Unterstützung sah Tscherepanyn indes wenig Perspektiven für den institutionellen Kulturbetrieb in der Ukraine. "Ungeachtet dessen, wie das zu alles zu Ende gehen wird, bin ich sicher, dass abgesehen von wenigen Ausnahmen ukrainische Institutionen selbstständig nicht überleben werden", sagte der Intellektuelle. Er plädierte dafür, dass westliche Kulturinstitutionen mit Filialen vor Ort in der Ukraine und gemeinsam mit lokalen Partnern permanent tätig werden: "Das ist etwas, was wir sehr brauchen werden, und das wird auch für beide Seiten produktiv sein."

Quelle: Agenturen