Tricia Tuttle bleibt Berlinale-Intendantin
Es handle sich um "Empfehlungen" zur Stärkung des Festivals, um es langfristig weiterzuentwickeln und seine gesellschaftliche Akzeptanz sowie die wirtschaftliche Stabilität abzusichern. Die gute Nachricht des heutigen Tages sei, dass man sich mit Frau Tuttle und mit dem zuständigen Aufsichtsrat der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH (KBB) einig geworden sei, sagte Weimer im Kulturausschuss des Bundestags. "Es gibt die Entscheidung, dass Frau Tuttle weitermacht." Er sei nun guter Hoffnung, dass die Turbulenzen der vergangenen Wochen rund um die Berlinale aufhören und geheilt werden könnten.
Die Berlinale sieht nach den Beratungen des zuständigen Aufsichtsrats die Bedeutung der Unabhängigkeit ihrer Arbeit bestätigt. "Wir teilen die Einschätzung, dass sich das Festival auf einem sehr guten Weg befindet und sich unter der Leitung von Tricia Tuttle weiterhin positiv entwickeln kann", hieß es in einer Mitteilung.
"Zudem haben wir Empfehlungen - keine Bedingungen oder Vorgaben - im Zusammenhang mit Tuttles weiterer Leitung erhalten. Die Verantwortung für deren Prüfung und mögliche Umsetzung liegt nun vollständig bei der Berlinale."
Im Kulturausschuss des Bundestags wurde Weimer gefragt, wie verbindlich diese Empfehlungen seien, doch beantwortete er dies nicht konkret. Er sagte nur, bei der diesjährigen Berlinale seien Dinge entgleist. "Wenn Entgleisungen mehrfach passieren, bis hin zu den Ereignissen des letzten Tages, dann sind wir als verantwortliche Aufsichtsräte schon gehalten zu fragen: Moment mal, können wir vielleicht Verfahren finden, Strukturen finden, Hilfestellung bieten, dass das in Zukunft unterbleibt. Und ich glaube, da haben wir jetzt einen Weg dazu gefunden."
Streit über Rede bei Gala
Beim diesjährigen Festival hatte es mehrfach Debatten über den Umgang mit dem Nahostkonflikt gegeben. Bei der Abschlussgala hatte der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib der Bundesregierung vorgeworfen, Partner "des Völkermords im Gazastreifen" zu sein. Israel bestreitet den Völkermord-Vorwurf ebenso wie die Bundesregierung. Weimer und andere verurteilten die Äußerungen des Regisseurs.
Tagelang wurde über eine Ablösung oder einen Rückzug Tuttles spekuliert, bis sich die US-Amerikanerin öffentlich festlegte: Sie wolle weitermachen, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Sie hat einen Vertrag bis 2029. Tuttle pochte allerdings auch auf "Unabhängigkeit in der Programmgestaltung und der institutionellen Leitung".
Auf die Frage nach den Grenzen der Meinungsfreiheit auf der Bühne sagte Tuttle: "Wir leben in einer Welt, die zutiefst polarisiert und emotional aufgeladen ist. Aber wir handeln strikt innerhalb des geltenden gesetzlichen Rahmens."
Solidarität aus der Kunstszene
Berichte über Tuttles mögliche Ablösung hatten wütende Reaktionen in der Kulturszene und eine Solidarisierung mit der Intendantin ausgelöst. Zuletzt stärkten laut Medienberichten führende Festival-Direktoren in einer gemeinsamen Erklärung Tuttle den Rücken. "Als Leiter und Verantwortliche von Filmfestivals unterstützen wir Tricia Tuttles Wunsch, weiterhin als Festivaldirektorin der Berlinale tätig zu sein - in vollem Vertrauen und mit institutioneller Unabhängigkeit", heißt es demnach in dem Schreiben, das unter anderem von Thierry Frémaux, Generaldirektor des Filmfestivals von Cannes, unterzeichnet wurde.
Die Unterzeichner beklagten einen "zunehmenden Druck auf Filmfestivals". Eine zentrale Aufgabe sei es, einen Raum zu schaffen und zu schützen, in dem Filmemacher, Künstler, Fachleute und Publikum zusammenkommen könnten. Dazu gehörten Menschen, die nicht nur die gemeinsame Liebe zum Kino teilten, "sondern auch eine große Vielfalt an Lebenserfahrungen und Perspektiven mitbringen".
"Sie ist die Richtige"
Auch die Regisseurin Maria Schrader stellte sich hinter Tuttle und appellierte an die Politik, die Unabhängigkeit des Festivals zu wahren. "Erhalten Sie uns allen die Berlinale und ihre institutionelle Unabhängigkeit mit Tricia Tuttle an ihrer Spitze", sagte Schrader ("She Said", "Unorthodox") bei einem Festakt zur Wiedereröffnung des Kinos International in Berlin.
Sie habe die Festivalleiterin vergangenes Jahr erlebt, als sie selbst in der Jury saß, führte die Schauspielerin (60) aus. Sie könne mit Überzeugung sagen: "Sie ist die Richtige für dieses Amt." Schrader appellierte an die Besonnenheit der Politik, "die freie Rede, solange sie sich in den Gesetzen des Rechts bewegt, bedingungslos und ohne Einschränkung zu schützen und zu unterstützen". Sie bemühe sich zudem um die klare Unterscheidung von Antisemitismus und Kritik an israelischer Kriegsführung.
Zusammenfassung
- Tricia Tuttle bleibt nach einer Krisensitzung im Kanzleramt und Beratungen im Bundestag weiterhin Intendantin der Berlinale.
- Geplant sind ein beratendes Forum sowie ein Verhaltenskodex für alle Kulturveranstaltungen des Bundes, wobei die Umsetzung bei der Berlinale liegt.
- Die Unabhängigkeit der Berlinale wird von verschiedenen Seiten betont, und zahlreiche Festivaldirektoren sowie Künstler wie Maria Schrader solidarisieren sich öffentlich mit Tuttle.
- Auslöser der Debatte war eine kontroverse Rede des Regisseurs Abdallah Alkhatib bei der Abschlussgala, die zu Diskussionen über Meinungsfreiheit und Festivalleitung führte.
- Tuttle hat einen Vertrag bis 2029 und betont die Bedeutung institutioneller Unabhängigkeit sowie die Einhaltung des gesetzlichen Rahmens bei Meinungsäußerungen.
