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TEATA erkundet Mutterschaft mit "Lebenswerk" im Nestroyhof

19. Feb. 2026 · Lesedauer 4 min

Selten machen im Theaterfoyer ausgelegte Kondome so viel Sinn: Denn nach der Uraufführung von Rachel Cusks "Lebenswerk" durch Sara Ostertags TEATA im Nestroyhof könnte man es sich tatsächlich noch einmal überlegen wollen, ob man wirklich Mutter werden möchte. Schließlich schildert die britische Autorin in ihrem 2001 erschienenen autobiografischen Werk "A Life's Work" ungeschminkt, was Mutterschaft bedeuten kann. Ruth Mensah hat das Buch nun für die Bühne adaptiert.

Spätestens seit Daniel Sterns 1997 erschienenem Werk "The Birth of a Mother", in dem der Entwicklungspsychologe gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Kinderpsychiaterin Nadia Bruschweiler-Stern, die Psychologie der Mutterwerdung anschaulich verhandelt hat, ist klar: Die Frau, die man vor der Geburt war, gibt es nicht mehr. Rachel Cusk findet dafür in "Lebenswerk", das erst 2019 auf Deutsch erschienen ist, ein treffendes Bild. Als sie nach der Geburt zurück in ihre Wohnung kehrt, merkt sie, dass die Dinge sich verändert haben: "Anscheinend befinde ich mich im Haus einer kürzlich verstorbenen Person, die ich geliebt habe und deren Verlust ich nicht wahrhaben will." Auch die türkische Autorin Elif Shafak hat sich dieser verwirrenden Transformation in ihrem 2010 auf Deutsch erschienenen Buch "Als Mutter bin ich nicht genug" gewidmet und anhand ihrer eigenen Erfahrungen dokumentiert, wie sie ihr früheres Ich - als Liebhaberin, als Intellektuelle - mit der neuen Rolle in Einklang zu bringen versucht.

Das weite Land der Transformation haben Regisseurin Mensah und Bühnenbildnerin Nanna Neudeck im Nestroyhof als leeren Raum in Szene gesetzt, in der zweiten Hälfte des 70-minütigen Abends kommt eine pinke Stoffbahn hinzu, die zur Gebärmutter aufgeblasen wird, unter der sich Michèle Rohrbach, Birgit Stöger und Jeanne Werner verkriechen. Schließlich beginnt die Mutterschaft schon mit der Schwangerschaft. Wie es sich anfühlt, neun Monate lang die Behausung eines Menschen zu sein, den man noch nicht mal getroffen hat, der aber schon jetzt das eigene Verhalten dominiert, formuliert Cusk so: "Es liegt an der unerträglichen Besiedelung meiner Privatsphäre. (...) Ich habe mein Alleinsein aufgegeben und stelle mich für neun Monate als Brücke, Verbindungsstück oder Vehikel zur Verfügung."

Mensah, übrigens selbst junge Mutter, erzählt die Geschichte nicht chronologisch. Auf das Nachhausekommen nach der Geburt folgen Rückblicke auf die Schwangerschaft (inklusive Sodbrennen, Verstopfung und Vergesslichkeit), den nicht geplanten Kaiserschnitt und die Ungläubigkeit, als es ihr das Baby schon in der ersten Nacht unmöglich macht, sich von der Operation angemessen zu erholen. "Meine Neuanschaffung war mitten in der Nacht losgegangen wie ein Wecker, den ich nicht abzustellen wusste." Was folgt, sind viele gut gemeinte Ratschläge aus dem Umfeld, Unsicherheiten in der Handhabung des neuen Mitbewohners und die unweigerliche Verwandlung in jenen Zombie, der sich von Schlafentzug ernährt.

Die Erfahrung wartet nicht

Weitgehend ausgespart bleibt in der Inszenierung der Vater, der ein einziges Mal erwähnt wird, als er das Baby nach der Geburt in den Arm nimmt. Dazu heißt es lapidar: "Das muss fürs Erste genügen, ihr den Weg durch den Geburtskanal ersetzen." Die drei Schauspielerinnen teilen sich den Text symbiotisch untereinander auf, übernehmen oft mitten im Satz und suggerieren durch ihre Vielstimmigkeit eine Allgemeingültigkeit, die den individuellen Bericht einer einzelnen Frau untergräbt. Was jedoch bestimmt alle ersten Mütter eint, ist die Notwendigkeit, die Herausforderung anzunehmen. Weglaufen geht nicht. Denn: "Die Uhr der Erfahrung hat angefangen zu ticken und wartet nicht auf mich." Herzlicher Applaus für einen schnörkellos inszenierten, mit viel Herzblut gespielten und trotz der ungeschminkten Wahrheit auch humorvollen Abend.

Die nächste TEATA-Premiere steht am 20. März auf dem Programm, wenn Sara Ostertag am Landestheater Linz Tijan Silas "Radio Sarajevo" inszeniert, am 26. März folgt "Piksi-Buch" von Barbi Marković im Theater am Werk Kabelwerk in der Regie von Bérénice Hebenstreit. Den Saisonabschluss begeht man am 12. Mai in Kooperation mit makemake produktionen mit der Uraufführung der Romanadaption von Helena Adlers "Fretten" im Kosmos Theater.

(Von Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E - "Lebenswerk" von Rachel Cusk. TEATA zu Gast im Theater Nestroyhof. Regie: Ruth Mensah, Bühne und Kostüm: Nanna Neudeck. Mit Michèle Rohrbach, Birgit Stöger und Jeanne Werner. Weitere Termine: 20., 22., 25., 26., 27. und 28. Februar, 4. und 5. März. www.teata.at )

Zusammenfassung
  • TEATA brachte Rachel Cusks autobiografisches Stück "Lebenswerk" unter der Regie von Ruth Mensah als 70-minütige Uraufführung im Theater Nestroyhof auf die Bühne.
  • Drei Schauspielerinnen teilen sich den Text und zeigen in einem minimalistischen Bühnenbild mit einer aufgeblasenen pinken Stoffbahn als Gebärmutter die psychologischen und physischen Herausforderungen der Mutterschaft.
  • Die nächsten TEATA-Premieren finden am 20. März, 26. März und 12. Mai statt, weitere Aufführungen von "Lebenswerk" sind am 20., 22., 25., 26., 27. und 28. Februar sowie am 4. und 5. März geplant.