APA - Austria Presse Agentur

Tatar über Festival-Absagen: "Besser jetzt als zu spät"

08. Apr 2020 · Lesedauer 5 min

Er steht hinter Nova Rock, Frequency und vielen der größten Konzerte des Landes: Für Veranstalter Barracuda Music sind die Auswirkungen des Coronavirus äußerst einschneidend. Geschäftsführer Ewald Tatar sprach mit der APA über die Pläne für den Sommer, die möglichen Veränderungen für das Konzertjahr 2021 sowie eine wünschenswerte Rückkehr zur Normalität.

APA: Seit Anfang der Woche ist klar, dass zumindest bis Ende Juni keine Veranstaltungen stattfinden werden. Was bedeutet das für Ihre Sommerplanungen?

Ewald Tatar: Wir müssen momentan davon ausgehen, dass die Konzerte und Festivals stattfinden werden. Aber natürlich haben wir im Hinterkopf, dass das möglicherweise alles nicht passiert. Zudem beginnen die Bands zu fragen, weil sie ja von diesen Einschränkungen erfahren haben: Werdet ihr innerhalb eines Tages das komplette System bis hin zu Großveranstaltungen wieder hochfahren? Da ist man momentan in einem Diskussionsprozess und natürlich auch in abwartender Position auf allen Seiten. Wir können ohnehin nur darauf warten, was die Regierung entscheidet und diese Informationen dann weitergeben. Umgekehrt sind diverse Bands bereits mit anderen Problemen konfrontiert. So hat etwa Dänemark bereits bis Ende August Veranstaltungen verboten. Je mehr Konzerte rausfallen, desto wahrscheinlicher wird es, dass Shows im Juli oder August sich ins Jahr 2021 rüberbewegen werden. Noch sind wir nicht dort, aber die Tendenz ist eine, die sie sich relativ bald abzeichnen könnte.

APA: Hätte es eine Alternative zur Absage des Nova Rock gegeben?

Tatar: Nein, das kannst du nur absagen und nicht auf September oder Oktober verschieben. Einfach, weil du so viele Partnerfestivals brauchst, die das auch tun würden. In jedem Land ist es außerdem anders. Tschechien hat vor, die Grenzen für längere Zeit zu sperren, Dänemark habe ich schon erwähnt, in Deutschland ist im Juni derzeit noch alles erlaubt. Da eine Prognose zu stellen, ist momentan völlig unmöglich.

APA: Wie schwer trifft Sie die Absage des Nova Rock?

Tatar: Es ist nicht etwas, was aus heiterem Himmel gekommen ist. Man hat sich in den letzten ein, zwei Wochen schon auf so eine Situation vorbereitet und eingestellt. Wir waren auch immer wieder in Kontakt mit dem Regierungsumfeld. Mir persönlich wäre eine schnellere Entscheidung lieber gewesen, weil jeder Tag bei uns gezählt hat. Wir waren ja in der unmittelbaren Vorbereitung. Ich war dann aber schon überrascht, dass es nun Anfang der Woche passiert ist. Aber besser jetzt als zu spät.

APA: Mitte August stünde das Frequency in St. Pölten am Programm. Wie ist da der Stand der Dinge?

Tatar: Wie zuvor schon gesagt: Momentan müssen wir so weitermachen, als wäre nichts gewesen, so blöd das klingt. Das Einzige, was die jetzige von einer normalen Situation unterscheidet, ist, dass wir im Hintergrund schon unsere Arbeit machen: Wenn es soweit sein sollte, dass ähnliche Dinge für Juli und August eintreten, können wir dann so schnell wie möglich reagieren. Am Montag haben wir innerhalb einer halben Stunde alle via Website und Social Media informiert, bis spätestens 14 Uhr wussten auch die Bands Bescheid. Das muss natürlich alles relativ schnell gehen.

APA: Wie sieht es beim Nova Rock mit der Ticketrückgabe oder möglicherweise einem Umtausch auf Karten für 2021 aus?

Tatar: Da arbeiten wir derzeit daran. Es gibt so viel zu tun, weshalb wir nichts überhasten wollen, was nachher möglicherweise für Verwirrung sorgt. Es soll ein System ausgearbeitet werden, das dann - wenn es an die Öffentlichkeit geht - wirklich Sinn macht. Deshalb bitten wir darum, uns Zeit zu geben. Ich schätze mal sieben bis zehn Tage werden wir dafür brauchen, dann werden wir auch das so rasch wie möglich kundtun.

APA: Wenn man davon ausgeht, dass Konzerte möglicherweise erst wieder ab Herbst stattfinden können: Was würde das für Sie beziehungsweise die Kapazitäten der Venues heißen?

Tatar: Es ist eine sehr "spannende" Situation. Der Herbst wird meiner Meinung nach nicht viel dichter werden. Interessant wird aber das Jahr 2021 werden. Vor allem bei den größeren Shows wird man versuchen, in das nächste Jahr zu wechseln. In diese Richtung wird der Zug fahren, und am Ende des Tages wird man sehen, wie viele es wirklich sind. Dadurch spiegelt sich das 2020er-Konzertjahr plötzlich im 2021er-Konzertjahr. Aber was ist mit den dafür eigentlich geplanten Auftritten, was machen diese Künstler? Kommen sie trotzdem, dann wird es mit den Venues, aber auch mit der Kaufkraft eng werden. 2021 wird sich das sicher schwieriger gestalten, wir haben ja auch sehr viele Arbeitslose. Vielleicht beginnt das normale Konzertleben dann erst 2022. Wahrscheinlich wird es aber eine Mischung werden und man wird sehen, wie sie letztlich funktioniert.

APA: Wird sich die Livebranche durch die aktuellen Geschehnisse nachhaltig verändern?

Tatar: Ich hoffe nicht. Man wird das Möglichste tun, dass so schnell wie möglich Normalität wieder einkehrt. Es gibt definitiv ein Leben nach dem Covid-19. Wie schnell sich das wieder erfängt, wie schnell es aus den Köpfen der Leute draußen ist, hängt von mehreren Faktoren ab. Dafür bin ich aber die falsche Ansprechperson. Ich kann nur versuchen, diese Normalität wieder so schnell wie möglich ins Konzertleben einfließen zu lassen. Und hoffen, dass die Leute das dann auch wieder annehmen.

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

Quelle: Agenturen