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Staatsoper: Die "Meistersinger" als Schlafwandler

05. Dez. 2022 · Lesedauer 3 min

"Wach ich oder träum ich?" Die Frage, die in den "Meistersingern von Nürnberg" wiederholt gestellt wird, bleibt in der Neuproduktion des Richard Wagner-Stücks an der Wiener Staatsoper bis zuletzt unbeantwortet. Keith Warner inszenierte die große Oper der künstlerischen Selbstbefragung in schlafwandlerisch-assoziativen Bildern rund um starke Sängerdarsteller und erhielt vom Premierenpublikum am Sonntagabend viel Zustimmung. Gefeiert wurde Michael Volle als Hans Sachs.

Sein Traum, sein Wahn, seine Wirklichkeit: Warner lässt die Meistersinger ein Schattenspiel in Sachsens Fantasie treiben, suggeriert mit Motiven zwischen Poesie und Irrsinn, dass der seltsame Plot die schlaftrunkene Einbildung eines alternden, rastlosen kreativen Geistes sein könnte. Ein zartes Männchen mit riesigem, maskiertem Schädel geistert durch diesen Geist, komische Vögel, Figuren mit Kostümen aus gleich mehreren Jahrhunderten, Jungfrauen und Gräber, viele Dichter, einige Meister. Der Schuhmacher, Sänger und Poet Hans Sachs - wunderbar gespielt, vor allem aber fantastisch gesungen von Michael Volle - verhilft nicht nur der Liebe, sondern auch der Kunst zu ihrem Recht. Zumindest im Traum.

Auf der versatilen Bühne von Boris Kudlicka holt das Opernfach zur Nabelschau aus, wird doch nicht weniger als die Regelhaftigkeit der Kunst verhandelt. Nur wenn er ein Lied nach allen Regeln der Zunft erdichtet, darf Stolzing (David Butt Philip) um seine Eva (Hanna-Elisabeth Müller) werben - den Konflikt zwischen dem wilden Aufbäumen der schöpferischen Leidenschaft und der Verneigung vor der Meisterschaft des Regelrechten löst Wagner bis zum Schluss nicht auf. Warner lässt diese Bruchlinie in Hans Sachs selbst verlaufen, dem einzigen Meister, der Stolzings Potenzial erkennt. Er stürzt ihn in die Welt der Halluzination - oder ist er doch der Zeremonienmeister einer überzeichneten Opernwirklichkeit?

Neben Michael Volle kann Keith Warner auch mit weiteren spielfreudigen Charakterdarstellern rechnen, allen voran mit Wolfgang Koch als tragikomischer Beckmesser, der die durchwachsene Melodik seiner sprachversessenen Partie ebenso deutlich zum Erklingen bringt wie Michael Volle den Sachs. Georg Zeppenfeld gibt eindrücklich den Brautvater Pogner, David Butt Philip weiß als übereifriger Stolzing mit seinem Ständchen zu rühren, nimmt in Summe aber stimmlich nicht genug Raum ein, Hanna-Elisabeth Müller punktet in hohen Lagen, kommt von dort aber nicht ganz trittsicher herunter.

Als bejubelten Erfolg darf Philippe Jordan, Musikdirektor des Hauses noch bis 2025, die Wagner-Neuproduktion verbuchen. Mit den Sängern hat er präzise Arbeit geleistet, in der Abstimmung und Abmischung bleiben keine Wünsche offen, das Orchester führt er kompakt akzentuiert, in der Motivik klar gearbeitet und in der Fulminanz immer beweglich durch die Partitur. Die auf den Dirigenten regnenden Blumensträuße beim Schlussapplaus mögen auch als Botschaft der Unterstützung für einen Musikdirektor gedeutet werden, dessen Position, wie kürzlich bekannt wurde, nach seinem Ausscheiden 2025 nicht nachbesetzt wird.

(S E R V I C E - "Die Meistersinger von Nürnberg" von Richard Wagner. Dirigent: Philippe Jordan, Regie: Keith Warner, Bühne: Boris Kudlicka. Mit Michael Volle, Wolfgang Koch, Georg Zeppenfeld, David Butt Philip, Hanna-Elisabeth Müller, Christina Bock, Michael Laurenz. Weitere Termine am 8., 11., 15., 20. Dezember. www.wiener-staatsoper.at)

Quelle: Agenturen