"Staatsfragmente" im Theater Drachengasse im Machtloop
Gerade einmal 14 Seiten lang ist dieser bereits im Jahr 2020 während der Corona-Pandemie entstandene Text der 1986 geborenen Autorin, die in den vergangenen Jahren Auszeichnungen wie den Retzhofer Dramapreis (2015), das Hans-Gratzer-Stipendium (2016) und einen Nestroy-Preis für ihr Stück "Rand" (2021) erhalten hat und die sich mittlerweile Kiki Miru Miroslava Svolikova nennt. Im Zentrum steht ein König mit seinen drei Vertrauten, die sich mitten in der Nacht im Palast treffen, um eine Strategie zu erarbeiten, wie sich der König unter die Leute mischen könnte. Verkleidet? Oder besser nicht verkleidet? Als Gleicher oder doch als Ungleicher? Die Meinungen gehen auseinander.
Um nun also einen ganzen Theaterabend zu bestreiten, hat sich die Regisseurin dazu entschieden, den Text in einer "atmosphärischen Loopstruktur" in Fragmenten gleich vier Mal auf die Bühne zu bringen, und zwar mit verschiedenen Machthabern zu unterschiedlichen Zeiten. Überhaupt ohne Worte kommt der erste Akt aus, in dem Johanna Sophia Baader, Lukas Haas und Nataya Sam in weißen Reifröcken, weißen Perücken und grotesk langen Armprothesen (in der Steinzeit, liest man im Programmheft) auf allen vieren einen rituellen Tanz aufführen, um schließlich ihren Herrscher - Sebastian Thiers im aufblasbaren Dinosaurierkostüm - zu begrüßen.
Nach rund 15 Minuten folgt ein Schnitt und man findet sich im 13. Jahrhundert wieder: Hier herrscht kein Dinosaurier, sondern der Papst (Baader), der mit seinen engsten Geistlichen diskutiert ("wie bringt man das volk dazu, sich aussuchen zu lassen, sich als schlechtes zu erkennen und dann selbst zu verwerfen?"), distanziert mit einer Modellhand gestikuliert und schließlich Queens "Bohemian Rhapsody" anstimmt (nur dass es statt "Mama" hier "Papa" heißt). Ausgerechnet dieser rund 45-minütige Teil der Aufführung wird der sprachlichen Wucht der Vorlage mit platt überzogenem Spiel am wenigsten gerecht.
Über den Absolutismus in die KI-dominierte Gegenwart
Schließlich folgt der Absolutismus, und ein famoser Lukas Haas schlüpft in die Rolle eines leicht hysterischen, mit einer bis auf die Brust hängenden Perlenkrone ausgestatteten Sonnenkönigs, der von seinen Beratern bei Laune gehalten werden will und einmal mehr dieselben Fragen diskutiert, die jedoch im erneuten Aufguss immer plausibler daherkommen, bis im großen Finale die Gegenwart an der Reihe ist. In dieser befragt Nataya Sam als Präsidentin im Blitzlichtgewitter vornehmlich die Künstliche Intelligenz, deren blechern aus dem Off kommende Antworten jedoch seltsam ausgehöhlt klingen. Kommt einem irgendwie bekannt vor ... Der Abend, der dem Publikum auch zahlreiche Lacher entlockte, endete schließlich nach 90 Minuten mit der Erkenntnis: Ein Volk möchte man nicht regieren müssen.
(Von Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E - "Staatsfragmente" von Kiki Miru Miroslava Svolikova, Uraufführung, Theater Drachengasse. Regie: Valerie Voigt, Kostüm: Katia Bottegal, Bühne: Thomas Garvie. Mit Johanna Sophia Baader, Lukas Haas, Nataya Sam und Sebastian Thiers. Weitere Termine: Dienstag bis Samstag bis zum 31. Jänner, jeweils um 20 Uhr. www.drachengasse.at)
Zusammenfassung
- Das nur 14 Seiten lange Stück "Staatsfragmente" von Kiki Miru Miroslava Svolikova wurde am Montag im Theater Drachengasse uraufgeführt und in einer atmosphärischen Loopstruktur viermal mit wechselnden Machthabern und Epochen auf die Bühne gebracht.
- Die 90-minütige Inszenierung von Valerie Voigt zeigt Szenen von der Steinzeit über das 13. Jahrhundert und den Absolutismus bis in eine von Künstlicher Intelligenz geprägte Gegenwart, wobei zentrale Fragen über Macht und Herrschaft verhandelt werden.
- Das Stück endet mit der Erkenntnis, dass niemand ein Volk regieren möchte, und läuft noch bis zum 31. Jänner jeweils um 20 Uhr im Theater Drachengasse.
