Sport und Politik: Barbi Marković' "Piksi-Buch" als Stück
Das 2024 erschienene "Piksi-Buch" von Barbi Marković verbindet Sport, Politik und Familiengeschichte auf originelle Weise und zeigt zwei parallele Entwicklungen: das Aufwachsen eines Mädchens und den Zerfall eines Staates. Piksi war der Spitzname des Fußballspielers Dragan Stojković, Kapitän der jugoslawischen Nationalmannschaft. Das mit ihm 1990 in Florenz von Jugoslawien im Elferschießen verlorene WM-Viertelfinale gegen Argentinien, das als letzten Moment eines Gemeinschaftsgefühls und Menetekel des Untergangs dargestellt wird, ist auch der Höhepunkt der TEATA-Produktion, die ihre Premiere am Donnerstag im Theater am Werk in Anwesenheit der Autorin ihre akklamierte Premiere feierte.
Sebastian Klein schlüpft in dieser fulminanten Szene von seiner Rolle als Slobodan Marković, der fußballbegeisterte Vater, der sein Kind ins Stadion mitnimmt, wo er todesmutig tobende Fanhorden dringend ersucht, in Gegenwart seiner Tochter ihre Schimpftiraden zu mäßigen, in die Rolle eines Fußballreporters. Auf der Couch kommentiert er, flankiert von Vivienne Causemann und Una Nowak, die den Abend lang immer wieder leichtfüßig zwischen Tochter- und Erzählerrolle wechseln, das dramatische Spiel, sich der Symbolik stets bewusst. Kurz zuvor musste er von einem Spiel berichten, das gar nicht erst angepfiffen werden konnte: Im Mai 1990 kam es schon vor dem Match Roter Stern Belgrad gegen Dinamo Zagreb zu schweren Auseinandersetzungen zwischen serbischen und kroatischen Ultras.
Regisseurin Hebenstreit lässt sich stark auf die Fußballatmosphäre ein und versucht das witzige, selbstironische Spiel der Autorin mit entsprechenden ästhetischen Konstanten auf die von Mira König als Mischung aus Stadiontribüne und Wohnzimmer gestaltete Bühne zu bringen. Wiederholung, Zeitlupe und Expertenanalyse haben in ihrer Inszenierung ebenso ihren Platz wie das klassische Sportlerinterview: "Barbi Marković, ihr Geburtstag ist ja nicht so toll gelaufen. Woran lag's und wie fühlen sie sich jetzt?" Dafür schlüpft Monobrother, sonst für die Einbeziehung von Fangesängen in Originalsprache und den entsprechenden Hintergrundsound zuständig, kurz in die Rolle des Reporters.
Abwechslungsreiches Spiel
Es ist ein abwechslungsreiches Spiel, das da unter Flutlicht im Betonsaal des Kabelwerks zu erleben ist, mit Durchhängern, Dribblings und dramatischen Torszenen, aber nur wenigen Fehlpässen. Zwischendurch zeigt die Anzeigentafel im Match "Barbi - Piksi" einen glatten Kantersieg an. Aus der Tochter wird zum Leidwesen des Vaters kein Fußballsohn, der Staub von Piksi, den Slobodan Marković seinem im Stadion kollabierten Kind ins Gesicht bläst, bewirkt trotzdem Wunder: Barbi wird Dichterin. Und als solche spielt sie heute in der ersten Liga.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - "Piksi-Buch" von Barbi Marković , Regie: Bérénice Hebenstreit, Bühne: Mira König, Komposition & Live-Musik: Monobrother & B.Visible, Mit Vivienne Causemann, Sebastian Klein, Una Nowak und Monobrother. Uraufführung, Eine Produktion von TEATA im Theater am Werk, Kabelwerk. Weitere Aufführungen: 28., 29.3., 1., 2., 7.-9.4., www.teata.at , Buchausgabe bei Voland & Quist, 108 Seiten, 12 Euro, ISBN 978-3-86391-424-0)
Zusammenfassung
- Das 2024 erschienene 'Piksi-Buch' von Barbi Marković wurde in einer 90-minütigen Inszenierung mit 15 Minuten Nachspielzeit im Wiener Kabelwerk als Stück über Sport, Politik und Familiengeschichte uraufgeführt.
- Im Mittelpunkt der Aufführung steht das WM-Viertelfinale 1990 zwischen Jugoslawien und Argentinien, das als Symbol für den Zerfall eines Staates und das Ende eines Gemeinschaftsgefühls inszeniert wird.
- Neben Fußballatmosphäre und Fankultur greift das Stück auch die schweren Ausschreitungen beim Spiel Roter Stern Belgrad gegen Dinamo Zagreb im Mai 1990 auf und verbindet persönliche mit politischen Entwicklungen.
