APA - Austria Presse Agentur

Sex-Pistols-Sänger John Lydon ist 65

31. Jan 2021 · Lesedauer 5 min

Seinen Geburtstag will John Lydon heute nicht feiern. "Das hab ich noch nie gemacht", erzählt die Punkikone im Gespräch. "Ich weiß noch, wie ich Rotz und Wasser geheult habe, als ich 21 geworden bin." Damals waren die Sex Pistols nicht nur in Großbritannien berüchtigt. Unter seinem Pseudonym Johnny Rotten sorgte Lydon mit der Punkband für einige Skandale. Ein Provokateur ist der Sänger heute noch immer - außerdem ein innovativer Künstler und sensibler Familienmensch.

Vor seinem heutigen 65. Geburtstag hat Lydon seine Familie und Freunde gewarnt. "Sie wissen, dass sie mich an meinem Geburtstag nicht anrufen sollen. Aber sie tun es natürlich trotzdem. Und ich freue mich natürlich drüber", sagt er gut gelaunt. "Ich freue mich auch, dass ich gesagt habe, sie sollen es lassen, und sie nicht auf mich gehört haben." Sein knarziges Lachen schallt aus dem Telefonhörer.

Bloß nicht anpassen, bloß nicht gehorchen - das war schon immer Lydons Motto. Als die Punkfans in den 70ern den Look der Sex Pistols kopierten, ärgerte sich Lydon über das, was er als Uniform empfand, und änderte seinen Stil. Später trat er bei Konzerten vereinzelt sogar im Pinocchio-Outfit auf, nur um sein Publikum zu irritieren.

Als aggressiver Rüpel Johnny Rotten war der in London geborene Sohn irischer Einwanderer in den 70er Jahren eine absolute Reizfigur. Der benachteiligte, stille Jugendliche aus der Gosse überwand seine Schüchternheit und wurde im von Rezession und Arbeitslosigkeit geplagten England zum Anführer der Revolution namens Punk.

Nur knapp drei Jahre blieben die Sex Pistols zusammen. Im Jänner 1978 zerbrach die Band auf einer US-Tour. "Wir hatten die Nase richtig voll voneinander", erinnert sich Lydon. Obwohl die Sex Pistols damals nur ein einziges Album veröffentlicht haben - den Klassiker "Never Mind the Bollocks, Here's the Sex Pistols" - zählen sie heute zu den bekanntesten und einflussreichsten Bands der Musikgeschichte.

Ihre provokanten Texte schockierten das britische Establishment. Insbesondere die Single "God Save The Queen" - mit der Zeile "the fascist regime" (das faschistische Regime) - erzürnte viele Briten. Die ehrwürdige BBC weigerte sich, den Song, den die Punk-Chaoten passend zum silbernen Thronjubiläum von Königin Elizabeth II. herausgebracht hatten, in ihrer wöchentlichen Hitparade zu spielen.

Die Royals sieht Lydon bis heute kritisch. "Aber ich hatte nie etwas gegen sie als Menschen", stellt er klar, "sondern ich hatte etwas gegen die Institution. Und damit hab ich mir viele Feinde gemacht." Er wurde auf der Straße bepöbelt, sogar mit dem Messer angegriffen. "Davon stand nie etwas im Handbuch "Wie man ein Popstar wird"", scherzt Lydon, der ein entschiedener Gegner von Gewalt ist.

Als Kind musste er häufig einstecken, wenn Nachbarskinder es auf den schüchternen Buben abgesehen hatten. Sein Vater habe ihm beigebracht, Kontra zu geben - ein Ratschlag, den sich der Punk-Musiker womöglich etwas zu sehr zu Herzen nahm. In Interviews trieb er regelmäßig - und mit Genuss - Gesprächspartner mit Provokationen zur Verzweiflung.

John Joseph Lydon, der heute abwechselnd in Malibu und Venice Beach und nur noch selten in seiner Heimatstadt London lebt, wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Mit seinen Eltern und drei jüngeren Brüdern, um die er sich als Teenager oft kümmerte, lebte er in einer nach eigenen Worten "hundsmiserablen Nachbarschaft".

Mit sieben Jahren fiel er durch eine Hirnhautentzündung ins Koma und verlor sein Gedächtnis. Nicht einmal seine Eltern erkannte er wieder. Das traumatische Erlebnis prägte ihn fürs Leben. "Ich habe immer noch Albträume, wenn ich schlafen gehe", berichtet er, "dass ich aufwachen könnte, und dann nicht mehr weiß, wer ich bin."

Heute helfe ihm diese Erfahrung, sagt Lydon, denn seine Frau Nora ist demenzkrank. Er will sie pflegen, solange es noch ohne professionelle Hilfe geht. "Ich schaue zu, wie der wunderbarste Mensch auf der Welt langsam abbaut, und es ist unglaublich schmerzhaft für mich", erzählt der Sänger. "Das ist kein Jammern, das ist nur die Realität." Während des Interviews bittet er um eine Pause, um sich um Nora zu kümmern.

Seit über 40 Jahren ist er mit der 15 Jahre älteren Deutschen verheiratet, die er liebevoll Babby nennt. Gemeinsame Kinder hat das Paar nicht, was Lydon bedauert. "Aber vielleicht war es besser so", meint er. "Ich glaube, wir waren zu der Zeit vielleicht beide zu egoistisch und egozentrisch, um ein Kind vernünftig großzuziehen."

Die Vaterrolle übernahm er dennoch für ein paar Jahre. 2000 bekam das Paar das Sorgerecht für Noras Enkel. Die Zwillingssöhne der 2010 gestorbenen Punk-Sängerin Ari Up waren damals im Teenageralter und rebellierten. "Denen hat meine autoritäre Position zuhause nicht gefallen: Tut mir leid, aber ihr dürft hier nichts kaputtmachen!" John lacht. "Aber sie sind zu liebevollen Menschen herangewachsen."

Musikalisch ging es für Lydon nach den Sex Pistols direkt weiter. Im Jahr der Trennung 1978 gründete er die experimentelle Postpunk-Band Public Image Ltd, kurz PiL. Ihren größten Hit landeten PiL 1983 mit "This Is Not A Love Song". Nach einer längeren Pause, in der Lydon wieder mit den Sex Pistols auftrat, ist die Band bis heute aktiv.

Nach der Coronapandemie will Lydon möglichst bald wieder Konzerte mit Public Image Ltd geben. "Ich muss. Es ist der Kern und das Wesen meines Seins", erklärt er. Außerdem brauche er das Geld. Vorher will er noch in diesem Herbst mit seinem neuen Buch "I Could Be Wrong, I Could Be Right" auf Reise durch England gehen.

Dass er wohl für immer zuallererst mit den Sex Pistols assoziiert werden wird, stört ihn gar nicht. Im Gegenteil. "Dafür werde ich ewig dankbar sein, ich bin stolz drauf", betont John Lydon und freut sich, dass er weiter als Punk-Ikone und als "Godfather of Punk" verehrt wird. "Bis ich abdanke, werde ich diese Krone auch nicht abgeben."

Quelle: Agenturen