APA/APA/HERBERT NEUBAUER/HERBERT NEUBAUER

Schauspieler Tom Schilling macht wieder Musik

19. Apr. 2022 · Lesedauer 4 min

Gute Laune geht anders: Es ist eine äußerst düstere Soundlandschaft, die Tom Schilling mit seiner Band Die Andere Seite auf dem am Freitag erscheinenden Album "Epithymia" entwirft. "Es klingt alles ein bisschen radikaler", meinte der deutsche Schauspieler, der 2017 mit den Jazz Kids sein Musikdebüt vorgelegt hat. Als er die Songs geschrieben hat, sei er "in einer merkwürdigen Stimmung" gewesen. Dementsprechend fordernd ist das Ergebnis.

Wobei Schilling durchaus ein Händchen für eingängige Melodien hat, wenngleich er diese mitunter in schwere, atmosphärisch dichte Arrangements verpackt - so etwa im mitreißenden Opener "Das Lied vom Ich", der gewissermaßen die Stimmung vorgibt. "Mir war klar, dass dieses Songwriting, die Gedankenwelt und die Klangwelt den Grundton des Albums bestimmen", erzählte er im APA-Interview. Auch das Endstück, die melancholische "Ballade vom Eisenofen", sei früh gestanden. "Das sind sozusagen die beiden Buchdeckel, und dazwischen muss alles dazu passen."

Das tut es auch, wobei eine Fortsetzung seines musikalischen Abenteuers weniger sicher war, als man vielleicht annehmen möchte. "Als das erste Album rauskam, habe ich nicht damit gerechnet, dass ich noch ein zweites mache. Ich hatte das Gefühl, alles erzählt zu haben", so Schilling. Fragen nach neuem Material hätten ihn eher gestresst. "Es ist ein ziemlich Krampf für mich, Lieder zu schreiben, wenn ich mich dazu zwinge. Die müssen sich selbst den Weg bahnen."

2019 scheint dann aber vieles gestimmt zu haben, wenngleich seine "merkwürdige Stimmung" nicht gerade Optimistisches hervorbrachte. Die Songs seien "ein gutes Ventil" gewesen. "Ich war fast wie in einer manischen Phase und habe sehr viele Lieder in sehr kurzer Zeit geschrieben, die alle nicht so wirklich auf der 'sunny side of life' spielen. Da habe ich gemerkt, dass es fast ein konzeptiges Album über die Beschäftigung mit eher düsteren Themen ist." Daher auch der neue Bandname. "Ich fand das eine sehr schöne, assoziative, offene Metapher."

Inhaltlich geht Schilling den Weg einer Innenschau. "Ich sehe mich ganz klar auf der Seite der Songwriter, die über sich selbst schreiben. Ich kann mich nicht oder nur schlecht in jemanden reinversetzen, der auf der anderen Seite der Welt auf einer Kaffeeplantage arbeitet oder so. Ich kann aber versuchen, über mich zu schreiben und darin eine Essenz zu finden, die universell oder für andere auch ein Thema ist und es dadurch öffnen." Insofern sei er näher bei John Lennon denn Paul McCartney, brachte der 40-Jährige einen Beatles-Vergleich.

Viel Arbeit hat er in seinen Gesang gelegt, der merklich variantenreicher als noch beim Debüt "Vilnius" daherkommt, gleichzeitig aber auch stimmig in den Gesamtsound (produziert hat die Songs erneut Moses Schneider) eingebettet ist. "Der Gesang ist meine große Achillesferse", lachte Schilling. "Ich brauchte große Ausdauer." Eigentlich war der Plan, die Songs in der Albumreihenfolge quasi live einzusingen, das habe aber nicht geklappt. "Ich bin dann dazu übergegangen, dass ich alleine aufgenommen habe. Das entspricht mir sehr, ich bin totaler Autodidakt. Das bin ich wohl auch deswegen, weil ich immer Angst habe, vor anderen Fehler zu machen."

Was die Songs von "Epithymia" ebenfalls auszeichnet, ist eine enorme innere Spannung, die sich zwischen Schönklang und dissonanten Drone-Sounds aufbaut, was sich in Schillings lyrischen Texten fortsetzt. "Innerhalb der Gedankenwelt muss es immer eine Spannung und Gegensätzlichkeit geben", meinte er. "Versuche ich ein Lied übers Leben zu schreiben, ist es fast bedeutungslos, wenn es nicht den Tod beinhaltet. Oder bei einem Liebeslied den Verlust oder die Abwesenheit von Liebe."

Und Spannung, wenngleich in nicht unbedingt erwünschter Form, tritt auch bei den Livekonzerten auf. "Ich habe großen Respekt und auch ein bisschen Angst davor", gab Schilling zu. "So eine Tour ist mit viel Stress für mich verbunden. Die Nervosität und das Lampenfieber, die gehen bereits mittags los und steigern sich bis zum Abend wie in einem Druckkessel. Das entlädt sich dann erst nach dem ersten oder zweiten Song. Da merke ich meistens, dass ich doch nicht sterbe auf der Bühne, sondern es eigentlich ganz schön ist", lachte der Musiker und Schauspieler.

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E - www.facebook.com/DieAndereSeiteEpithymia; www.dieandereseiteshop.com)

Quelle: Agenturen