Schacherreiter über "Das Liebesleben der Stachelschweine"

29. März 2022 · Lesedauer 3 min

"Jeder, der eine Familie hat, könnte einen Roman schreiben", heißt es im neuen Buch "Das Liebesleben der Stachelschweine" von Christian Schacherreiter. Der Oberösterreicher lässt in einem hochpolitischen Plot gewitzt die ehemaligen Studienkollegen Dietrich und Hans-Werner mit ihren gegensätzlichen Lebensentwürfen und Familien aufeinanderprallen. Es entwickelt sich eine Geschichte über Anziehung und Abstoßung, ein Roman wie eine österreichische Familienaufstellung.

Der Titel spielt auf die Schopenhauer-Parabel über Stachelschweine an: In der Winterkälte drängen sich diese nah zusammen, um sich zu wärmen, allerdings rücken sie wegen ihrer Stacheln bald wieder voneinander ab. Das wiederholt sich, bis sie die rechte Entfernung herausgefunden haben. Dietrich Pernauer, wenig heldenhafter Puzzle-Fan, in seiner Burschenschaft verlacht, vom Leben enttäuscht und heimlich homosexuell, entstammt einer rechtskonservativen Familie mit faschistischen Vorfahren. Die Sommersonnenwende begeht die Sippe alljährlich in ihrer "Gralsburg", dem aus zweifelhaften Ankauf stammenden Feriendomizil "Wutscherhäusl".

Der anzubahnende Verkauf dieser verfallenden Immobilie ist Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Vom politisch ambitionierten großen Bruder Joachim in Sachen Veräußerung vorgeschickt, versagt Dietrich bei der Überzeugung der labilen Mutter, was einigen Aufruhr verursacht. Man kittet, was zu kitten ist. Der jüngere Dandy-Bruder Reinhard redet sich auf seine Vagabundenseele aus und überlässt alles seiner katholisch-karitativ veranlagten Frau Rebekka. Schließlich sorgt Schwester Reingard für Aufregung, als sie Dietrich nach einer Therapie bezichtigt, im früheren Leben ein grausamer Eunuch gewesen zu sein. Kein Wunder, dass Schwester Hannelore den Kontakt zur Familie früh abgebrochen hat und in die USA geflohen ist. "Wir sind eine Stachelschweinfamilie", hält der Text fest.

Zu allem Ärger muss Dietrich, für den es nur zu einer Beamtenstelle gereicht hat, den Aufstieg seines Widersachers aus Studententagen, Hans-Werner Hänsel, mitverfolgen. Dietrichs Stunde schlägt, als der aufstrebende linke Polit-Star Hans-Werner über Vorwürfe der ehemaligen Kommilitonin Gretel Kantor stolpert. Er, der stets politisch korrekte Charmeur, soll sie vor 20 Jahren auf einem Institutsfest vergewaltigt haben. Hans-Werner steht vor dem privaten, gesellschaftlichen und beruflichen Ruin. Bald ist in der neuen Gemengelage und angesichts dünner Faktenlage unklar, wer Freund und wer Feind ist, und so ergeben sich über politische Lager hinweg unerwartete, neue Seilschaften.

Geradezu genüsslich seziert der 1954 geborene Schacherreiter dabei das polemisierende Personal im Hinterland der österreichischen Politlandschaft und analysiert die weit in die Familien hineinreichenden Auswirkungen politischer Einstellungen, bis sich eine Art Gleichgewicht ergibt, mit dem alle irgendwie leben können und alle irgendwie unzufrieden sind. Schacherreiters Roman ist damit im Grunde eine Geschichte, wie sie österreichischer nicht sein könnte.

(S E R V I C E - Christian Schacherreiter: "Das Liebesleben der Stachelschweine". Otto Müller Verlag. 264 Seiten, 24 Euro)

Quelle: Agenturen