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"Samson und Nadjeschda": Andrej Kurkows Kiewer Krimi

25. Aug. 2022 · Lesedauer 3 min

Andrej Kurkow zählt seit langem zu den bekanntesten Schriftstellern der Ukraine. Seit Februar ist er auch als Augenzeuge und Kommentator des Ukraine-Kriegs gefragt. Das Erscheinen des vom Haymon Verlag für Mitte August angekündigten Buches "Die Vermessung des Krieges. Aufzeichnungen aus der Ukraine" verzögert sich aber bis 4. Oktober, da der Autor noch tagesaktuelle Texte nachliefern möchte. Bis dahin kann man einen historischen Krimi Kurkows lesen: "Samson und Nadjeschda".

Das im Original 2020 in Kiew erschienene Buch ist der Auftakt einer Krimi-Serie, die mitten in die Wirren nach der Russischen Revolution führt. Es ist eine aberwitzige Zeit, in der in der Politik das Chaos und auf den Straßen Mord und Totschlag regieren. "Während des Bürgerkriegs von 1918 bis 1921 ist Kiew insgesamt viermal von den Bolschewiken eingenommen worden. Und erst nach dem vierten Versuch 1921 konnten die Bolschewiken verkünden, dass die Ukraine jetzt sowjetisch sei", beschreibt der Autor, der am 11. Oktober im Rahmen der Wiener Kriminacht aus seinem Buch lesen wird, die historische Situation.

Kiew im Mai 1919. Schon auf der ersten Seite wird die Hauptfigur Samson Teofilowitsch gemeinsam mit seinem Vater auf offener Straße Opfer eines marodierenden Trupps Kosaken. Dem Vater wird der Schädel gespalten, dem Sohn ein Ohr abgetrennt. Es kann nicht mehr angenäht werden, entwickelt aber, aufbewahrt in einer wattierten Schachtel, eine erstaunliche Fähigkeit: Es sendet weiterhin akustische Signale an seinen früheren Träger. Samson hört also mit seinem Ohr Dinge, ohne persönlich in einem Raum anwesend zu sein. In der Folge wird ihm das von großem Nutzen sein, denn der an sich Unpolitische und Gewalt Verabscheuende wird von den Bolschewiken angeworben und Ermittler der neuen sowjetischen Polizei.

Als solcher kann er gleich jenen beiden Rotarmisten, die sich selbst bei ihm einquartiert haben, das Diebeshandwerk legen. Der Fall an sich, in dem es um viel gestohlenes Silber und einen Anzug aus feinem englischem Tuch, doch von groteskem Zuschnitt, geht, ist mindestens ebenso verwirrend wie die allgemeine Lage, in der die Kiewer Bevölkerung nie recht weiß, welche Seite gerade die militärische Oberhand behält, jedoch am eigenen Leib erfahren muss: rücksichtslos und brutal ist das Vorgehen jeder Seite. Zum Glück für Samson gibt es da noch Nadjeschda. Und damit eine Ahnung, dass das Leben auch schön und friedlich sein kann.

(S E R V I C E - Andrej Kurkow: "Samson und Nadjeschda", Aus dem Russischen von Johanna Marx und Sabine Grebing, Diogenes, 368 Seiten, 24,70 Euro; Lesung am 11. Oktober im Rahmen der Wiener Kriminacht in den Büchereien Wien - MA 13, Wien 23, Perchtoldsdorferstr. 2)

Quelle: Agenturen