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Roman über das Erdbeben in Friaul: Esther Kinskys "Rombo"

14. Feb. 2022 · Lesedauer 3 min

Was ein Rondo ist, wissen zumindest Musikinteressierte. Der Begriff Rombo dürfte wohl nur Spezialisten bekannt sein. Damit wird das dumpfe, rollende, aus der Tiefe kommende Geräusch bezeichnet, mit dem sich nicht selten Erdbeben ankündigen. Wie etwa am 6. Mai 1976 in Friaul. Das Beben zerstörte ganze Ortschaften im Kanaltal und in der Gegend nördlich von Udine und forderte fast 1.000 Tote. "Rombo" nennt Esther Kinsky ihr Buch, das sich den Ereignissen von damals widmet.

Die 1956 geborene deutsche Autorin und Übersetzerin wurde in Wien mit dem Erich Fried Preis 2020 ausgezeichnet. "In ihren Texten reist sie an Peripherien, um etwas zur Sprache zu bringen, in Sprache zu übersetzen, das zumeist unbeachtet bleibt, und aus unserer allgemeinen Wahrnehmung verdrängt wird", hieß es damals in der Jury-Begründung. Das trifft auch auf "Rombo" zu. Sie habe sich nicht träumen lassen, dass sich noch einmal jemand für die traumatischen Ereignisse von damals interessieren werde, sagt eine Gesprächspartnerin der Autorin, die selbst einen Wohnsitz in der Gegend hat und auch schon die beiden großen Flüsse im Friaul, den Tagliamento und den Isonzo, literarisch behandelt hat. "Es geht darum, wie sich eine Landschaft verändert", sagte sie im Vorjahr im APA-Interview. "Die Schichten von menschlicher Erinnerung und Geschichte interessieren mich." Das Jahr 1976 hat in der Region alles verändert, das wird rasch klar, das Gelände und die Menschen.

"Rombo" ist kein Katastrophenroman. Die Erdstöße, die am Abend des 6. Mai katastrophale Auswirkungen haben, stehen zwar im Zentrum des Geschehens, aber nicht im Zentrum des literarischen Gebildes, das Kinsky Stein um Stein aufbaut. Es geht ihr nicht um die Dramatik der Augenzeugenberichte. Nicht absichtslos hat sie sich ein Bergdorf ausgesucht, in dem die Zerstörungen deutlich geringer ausfielen als in anderen Dörfern. Sieben Bewohner kommen immer wieder zu Wort, versuchen sich an ein Davor und ein Danach zu erinnern, an das Verhalten von Tieren, das sich im Nachhinein als Anzeichen für das kommende Beben deuten ließ, an das Chaos des Abends und der ersten Nacht, an die Organisation der ersten Hilfsmaßnahmen und an das Eintreffen der Hilfstrupps. An die anfängliche große Solidarität, an die lästige Neugier von Fremden und an die späteren Streitigkeiten, wer mehr und wer weniger von den Hilfen profitiert habe.

Esther Kinsky verwendet zum Schildern des Unheil verkündenden Rombos, das es später sogar auf CD gepresst zum Kaufen gibt, der gewaltigen Veränderungen und der nachhaltigen Traumata erstaunlich leise Worte. Sie widmet ihre Aufmerksamkeit der Natur und den Menschen gleichermaßen. Ihr geradezu seismografisches Interesse gilt auch den kleinen Erschütterungen im Sommer danach. Man arrangiert sich. Man repariert, man baut, so gut es geht, alles wieder auf. Dann, im September, kamen erneute Erdstöße. Das Ungeheuer, das dem Volksglauben nach unter den Bergen schläft, hatte sich im Schlaf erneut bewegt. Erst nun entschließen sich viele, ihre Heimat für immer verlassen.

Die Landschaft ist heute in vielerlei Hinsicht eine andere als damals. "Manchmal würde ich dem Berg gerne etwas sagen, wenn ich so alleine da stehe und niemand mich hört", sagt eine der Bewohnerinnen. "Schweig du nur still, zum Beispiel. Nie wieder so was wie damals. Aber es ist zu spät. Die Welt ringsum ist anders geworden."

(S E R V I C E - Esther Kinsky: "Rombo", Suhrkamp Verlag, 268 Seiten, 24,70 Euro)

Quelle: Agenturen