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"Reich des Todes" im Akademietheater wird "emotionale Reise"

26. Jan. 2022 · Lesedauer 5 min

"Reich des Todes" ist eine Herausforderung und ein Wagnis. Es ist das erste Theaterstück von Rainald Goetz seit über zwei Jahrzehnten und nimmt 9/11 als Ausgangspunkt von Assoziationen und Reflexionen über Tod und Terror, Politik und Folter, Vergangenheit und Zukunft. Karin Beier hat das Text-Monster im Herbst 2020 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt. Am 4. Februar folgt nun die Österreichische Erstaufführung im Akademietheater durch Robert Borgmann.

Die Musik zu dem Abend hat der deutsche Musiker und Künstler Carsten Nicolai (56) komponiert, der unter seinem Pseudonym Alva Noto auf eine Vielzahl von Veröffentlichungen und auf Zusammenarbeiten von Blixa Bargeld über Michael Nyman bis Depeche Mode zurückblicken kann. Vor eineinhalb Jahren hat er sich mit dem Regisseur zum ersten Vorgespräch getroffen. "Wir haben noch nie miteinander gearbeitet, aber ich hab eine relativ markante Sound-Ästhetik, die auch ihm bekannt war", sagt Nicolai im Gespräch mit der APA. "Ich bin ja kein Musiker, der alles kann und alles will. Aber in diesem Fall hab' ich mir gedacht: Ich nehme mal mein Ego zurück und sehe mich als Dienstleister." Als solcher habe er an den ersten Proben teilgenommen, um ein Gefühl für die Richtung der Inszenierung zu bekommen und sich danach ins Studio zurückgezogen. Dort hat er einen Fundus von elektronischen Musikstücken angelegt, sich permanent darüber mit dem Regisseur Borgmann ausgetauscht und ist nun bei den Endproben mit dabei, um die Feinabstimmung vorzunehmen.

Das hätte auch ganz anders kommen können - nicht nur, weil im ursprünglichen Konzept ein Kinderchor vorgesehen war (was sich aufgrund der Corona-Situation als undurchführbar erwies). So hat Nicolai 2013 für die Performance "Unitxt" des US-Choreografen Richard Siegal am Bayerischen Staatsballett die Ballettmusik vor Probenbeginn fix und fertig abgeliefert. Und auch der Mexikaner Alejandro González Iñárritu, für den er gemeinsam mit Ryuichi Sakamoto die Filmmusik zu "The Revenant" komponiert hat, habe schließlich die Einsicht gewonnen, dass seine Musik besser am Anfang denn am Ende gestanden wäre. Doch der in Karl-Marx-Stadt aufgewachsene Künstler, der ursprünglich Landschaftsarchitektur in Dresden studierte, schafft nicht nur mit seinen Soundarchitekturen Klangräume und Resonanzkörper, mit denen die Atmosphäre eines Films oder einer Vorstellung geprägt werden kann, sondern gestaltet auch als bildender Künstler Rauminstallationen, in denen sich Tönendes und Skulpturales mischt.

Hätte es ihn daher nicht auch gereizt, nicht nur für die Musik, sondern auch für den Raum von "Reich des Todes" verantwortlich zu zeichnen? "An sich: ja", gibt Carsten Nicolai zu, "aber Robert entwirft immer seine eigene Bühne. Er hätte genauso gut alles selbst machen können, denn er ist ja auch Musiker." So muss man sich bis Anfang Juni gedulden, um einen Original-Nicolai-Raum in Augenschein nehmen zu können: Im Münchner Haus der Kunst gestaltet er eine Art hypnotisierendes Diorama, eine von Andrei Tarkowskis "Stalker" und von japanischen Zen-Gärten inspirierte abstrakte Landschaft, bei der auch von der historischen Antenne auf dem Dach empfangene elektromagnetische Wellen und eigens entworfene Instrumente eine Rolle spielen werden. "Das Konzept ist geschrieben. Im Moment tüfteln wir gerade an der technischen Umsetzung", sagt Nicolai.

Was erwartet uns aber im Akademietheater? "Das Stück ist in seiner Komplexität eigentlich kaum aufführbar. Der Text ist ungeheuer lang und geschichtsüberfrachtet, aber Robert Borgmann kennt Rainald Goetz sehr gut und hat eine eigene Fassung erstellt", erzählt Nicolai. So seien etwa die Rollennamen durch die Namen der Schauspieler ersetzt worden, um die Texte nicht in konkreten historischen Situationen, sondern im Heute zu verorten. "Dieser Abend wird eine emotionale Reise mit einem unglaublich starken Schauspielensemble." Doch unbestreitbar sei, dass die Anschläge des 11. September 2001 die Welt nachhaltig verändert hätten. "Für mich war das ein tief einschneidendes Erlebnis. Ich wurde ja in der DDR sozialisiert und war ein Kind des Kalten Krieges. Religiöse Kriege waren für mich Geschichte." Man habe lernen müssen, dass jede Art von Machtstruktur einen äußeren Feind brauche. "Und wenn ich Feind sage, meine ich: Angst!"

Angst regiert auch die Gegenwart. Angst vor der Pandemie, Angst vor der vom Menschen verursachten Klimakatastrophe. Und mitten drinnen eine Kunst, die sich im radikalen Umbruch befindet. "Wir haben in der Corona-Pandemie eine Sinnkrise der Kunst erlebt, die sich plötzlich als nicht-systemrelevant eingestuft sah. Gleichzeitig hat die digitale Kunst einen gigantischen Aufschwung erlebt. Doch die Heilversprechen der digitalen Welt sind nicht eingelöst worden. Bestimmte Dinge des menschlichen Austauschs sind eben nicht zu ersetzen." Nicolai, dessen elektronische Musik ohne Strom nicht machbar wäre und der seit 2015 eine Professur für Kunst mit dem Schwerpunkt auf digitalen und zeitbasierten Medien an der Hochschule für Bildende Künste Dresden innehat, verblüfft, indem er massiv die Frage der Nachhaltigkeit stellt: "Ich sehe die Entwicklungen, diese Goldrauschstimmung rund um Kryptowährungen und NFTs, sehr kritisch. Wir dürfen uns nicht noch mehr in Abhängigkeit begeben." Und wohl auch nicht den Mut verlieren. Schließlich folgt ja auch schon im Glaubensbekenntnis auf "hinabgestiegen in das Reich des Todes": "auferstanden von den Toten"...

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - "Reich des Todes" von Rainald Goetz, Regie & Bühne: Robert Borgmann, Kostüme: Bettina Werner, Komposition: Alva Noto. Mit Mehmet Ateşçı̇, Marcel Heuperman, Felix Kammerer, Christoph Luser, Elisa Plüss, Safira Robens, Martin Schwab und Andrea Wenzl. Österreichische Erstaufführung im Akademietheater am 4.2., 18.30 Uhr. Nächste Vorstellungen: 12., 15.2., www.burgtheater.at)

Quelle: Agenturen