Regisseurin Tizza Covi: "Es geht uns immer um den Menschen"
Unvermeidlich bei den beiden Regiekräften ist dabei die Frage, in welches Genre sie ihre Werke selbst einordnen. "Für uns ist Film einfach Film", machte dabei Rainer Frimmel deutlich. Und mal interpretiere man das Genre mehr in Richtung des Dokumentarischen, mal eher in Richtung Spielfilm. Im Falle von "The loneliest man in town" schlägt das Pendel vielleicht eher in Richtung Spielfilm aus. In jedem Falle ist den beiden ein "Feel Good Movie" gelungen, zeigen sich die Kritiker vor Ort einig.
Im Zentrum steht der alte Al Cook, dem Covi und Frimmel schon lange verbunden sind. "Wenn man in Wien lebt und Blues mag, kommt man an Al Cook nicht vorbei", unterstrich die Regisseurin. Der Film nun zeigt den Musiker, der seit Jahrzehnten in seiner mit Memorabilia vollgestopften Wiener Wohnung lebt, nun im Alter von 80 Jahren. Während sich die Welt vor der Wohnungstür verändert, lebt Al Cook im Wesentlichen von und in der Erinnerung. Als eine unbarmherzige Immobilienfirma sein Haus niederreißen will, muss sich der Künstler die Frage stellen, ob er angesichts des bedrohlich sich abzeichnenden Verlusts einen radikalen Neuanfang wagt.
Nachdem die echte Cook-Wohnung für die Renovierung bereits leer geräumt war, hat man sie mittels Ausstatter rekonstruiert, umriss Frimmel die Konzeption für das Projekt. Dieses habe für ihn als Kameramann, anders als im streng Dokumentarischen, die Möglichkeit geboten, die Bildkader mit Muße zu gestalten: "Ich habe es sehr genossen, die Zeit zu haben, Bilder zu machen."
"Improvisieren ist das Beste für mich"
Auf der Dialogebene hingegen lebt wie meist bei Covi/Frimmel das Werk zentral von der Spontanität, was Al Cook entgegenkam, wie er betonte: "Ich kann einen vorgegebenen Text nicht auswendig lernen. Insofern ist das Improvisieren das Beste für mich." Zugleich sahen sich die Filmemacher vor der Herausforderung, ihren redefreudigen Protagonisten nicht nur als Erzähler zu zeigen. "Wir sind radikale Künstler, die keinerlei Kompromisse eingehen", umriss Covi diesen Prozess: "Wir wollten den Dialog reduzieren, um eher in sein Inneres schauen können." Und dies sei gelungen.
Die Zielrichtung für sie als Filmemacher sei eindeutig: "Wir versuchen immer, eine Wahrheit zu finden - was nicht leicht ist." Aber sie mache sich keine Gedanken, dass ihre Art der Kunst aussterben könne, betonte Covi: "Bei uns geht es immer um den Menschen. Und solange es außergewöhnliche Menschen und Einzelkämpfer gibt, werden wir immer Geschichten erzählen können."
"Ich bin der Karl May des Blues"
Al Cook jedenfalls zeigte sich gelassen angesichts des Projekts, das schließlich seine erste Hauptrolle darstellte: "Ich stehe seit über 60 Jahren auf der Bühne - insofern ist es für mich kein Problem, mit Leuten vom Film zu arbeiten." Von der in dem Film gezeigten Möglichkeit, erstmals in seinem Leben in die USA, dem Heimatland seiner musikalischen Kunstform, zu fliegen, wird der 80-Jährige aber wohl auch in Zukunft keinen Gebrauch machen: "Ich war noch niemals in Amerika. Manche sagen zu mir: Ich bin der Karl May des Blues."
(S E R V I C E - www.berlinale.de/de/2026/programm/202613793.html )
Zusammenfassung
- Der österreichische Film 'The loneliest man in town' über den 80-jährigen Bluesmusiker Al Cook feiert im Berlinale-Wettbewerb seine Weltpremiere.
- Regisseurin Tizza Covi und Rainer Frimmel setzen auf einen Mix aus Spielfilm und dokumentarischem Stil mit improvisierten Dialogen, um das Innenleben ihres Protagonisten einzufangen.
- Al Cook, der seit über 60 Jahren auf der Bühne steht und sich selbst als 'Karl May des Blues' bezeichnet, muss sich im Film mit dem drohenden Verlust seiner Wohnung und einem möglichen Neuanfang auseinandersetzen.
